06. Dezember 2001 Bei Rilke sind Biographen immer richtig. Denn war das Wirken des Dichters nicht ein einziger Feldzug für den Zusammenschluß von Leben und Werk? "Meine Bücher sind meine Confessionen und meine Lebensgeschichte", schreibt Rilke schon mit unschuldigen einundzwanzig Jahren an seinen Jugendfreund Arnold Wimhölzl. Und wie man in den Wald der Fiktionen hineinruft, so schallt es heraus. Später bevölkern sich besagte Bücher bekanntlich mit archaischen Torsen, die dem Leser den Befehl erteilen, sein Leben zu ändern. Wo Artefakte so gründlich in Lebensläufe eingreifen, da geben freilich sich auch Viten als Kunstprodukte zu erkennen. Keine Urlaubsbekanntschaft, die Rilke nicht mit Briefgedichten bombardierte. Das Soldatentum, an dem sein beruflich erfolgloser Vater scheiterte - der in Mädchenkleidern aufgewachsene Sohn sollte es in einem beispiellosen Aufmarsch der poetischen Bilder doch noch zum Triumph führen.
Der Literaturwissenschaftler Ralph Freedman nimmt in seiner umfangreichen Rilke-Biographie, deren erster, die jungen Jahre von 1875 bis 1906 umfassender Teil nun auf deutsch vorliegt, die Schauplätze von Rilkes Leben in erster Linie als Szenen seines Schreibens in den Blick. Die Überblendung von biographischen und literarischen Welten setzt schon am Stadtplan der Prager Heimat an. Hier steckt der Abstand zwischen der ärmlichen Heinrichsgasse des Elternhauses und der feudalen Herrengasse der Großeltern den semantischen Spielraum des dichterischen Werks ab. Eine solche Zweiweltenlehre, die fast an Prousts in zwei Universen zerfallendes Combray erinnernt, unterlegt Freedman auch anderen Stationen der Poetenkarriere. Als sich Rilke, den Militärschulen und der Handelsakademie entkommen, in Prag auf das Abitur vorbereitet, dienen die von "feuchten Höfen und schmalen Gassen" umgebene Wohnung seiner Tante Gabriele und das "inmitten von Ziersträuchern und Blumen" gelegene Haus seiner adeligen Tante Charlotte Mähler von Mählersheim als Orte, an denen er seinen Bedeutungshaushalt auffüllt. Mädchenkleider und Zinnsoldaten, das "dichterisch Feminine" der Mutter und das "militärisch Maskuline" des Vaters - aus der Spannung zwischen diesen Polen speist sich nach Freedman das Kraftfeld der Rilkeschen Texte, auch wenn nicht nur die von einer zutiefst androgynen Sexualität geprägten Gedichte des "Stunden-Buchs" vor allem einer Poetik der Umpolung folgen.
Die Gefahr einer biographischen Erzählung, welche sich an fundamentalen Gegensätzen entlangschreibt, liegt in der Suche nach immer neuem Ersatz für die einmal ins Spiel gebrachten Instanzen. So werden sämtliche "Musen" im Leben des jungen Rilke über das nicht eben originelle Rasterbild der Ersatzmutter erfaßt. Dennoch wirft gerade Rilkes von Freedman stets betonte Angewiesenheit auf soziale Navigationshilfen ein interessantes Licht auf den Schriftsteller, dessen frühe Dichtung doch vor allem um Figuren der Einsamkeit kreist - den Mönch, den Pilger und den Eremiten. Ohne die sechzehn Jahre ältere Lou Andreas-Salomé, die trotz seiner kurzen Ehe mit der Künstlerin Clara Westhoff den Part der weiblichen Hauptrolle in Rilkes Biographie spielt und welcher der Nachwuchsdichter von München nach Berlin und von dort aus bis nach Rußland folgt, trüge Rilke auch für uns noch seinen Taufnamen René und nicht den Künstlernamen Rainer.
Während die Lehrjahre des Gefühls bei Rilke einer Triangulation gleichen, die sich von Dreiecksbeziehung zu Dreiecksbeziehung fortbewegt und doch immer wieder auf den Fixpunkt Salomé zurückführt, hängt seine Künstlerlaufbahn an dem lange Zeit eher aussichtslosen Plan, sich ein tragfähiges Netz aus Freunden und Förderern zu knüpfen. Der neue Stern am Dichterhimmel versuchte sich lange Zeit als Trabant und schreckte auch nach seinen ersten Erfolgen nicht davor zurück, beim vergötterten Vorbild Auguste Rodin in Paris eine Anstellung als Sekretär zu übernehmen, aus der er nach ausgiebigem privaten Mißbrauch von Rodins geschäftlicher Korrespondenz nicht gerade ehrenhaft entlassen wurde.
Insgesamt gewinnen die überwiegend auf Briefzeugnisse gestützten und hervorragend übersetzten vierhundert Seiten der unter anderem schon von Wolfgang Leppmann ausführlich dargestellten Biographie des Rainer Maria Rilke keine bahnbrechend neuen Aspekte ab. Nicht wenige Textpassagen erschöpfen sich in leicht ermüdenden Aufzählungen: "Die zwei folgenden Tage gehörten Nowgorod und seinen Kirchen." Interessante Einsichten gelingen meist dort, wo biographische Stationen auch poetologisch auszubeuten sind - beispielsweise im durch und durch kranken Paris des bereits 1904 begonnenen, aber erst 1910 erschienenen "Malte Laurids Brigge". Der Sprachbilder, mit denen der Dichter später brillieren sollte, werden in Rilkes zu jedem Zeitpunkt mit Kunst aufgeladenem Lebenslauf schon früh behauen.
ANDREAS ROSENFELDER
Ralph Freedman: "Rainer Maria Rilke". Der junge Dichter 1875-1906. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Curdin Ebneter. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2001. 434 S., geb., 39,80 DM.
Buchtitel: Rainer Maria Rilke
Buchautor: Freedman, Ralph
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2001, Nr. 284 / Seite 50