12. März 2008 Es beginnt mit einer Vorbemerkung, die alles in sich hat. Darin erklärt eine gewisse Daniela Listmann, was jetzt folgen wird: Das vorliegende Buch versammelt Erzählungen, die ich meinen Freunden abnötigte. Vom Verschwinden sollte in beliebiger Weise die Rede sein. Das war meine Vorgabe. Damit verschwindet zugleich das Ich der Daniela Listmann aus ihrem Buch, jedoch nur beinah. Denn zweimal wird sie schon noch selbst erscheinen, einmal davon spät im Buch mit der Parabel über eine gewisse Molly, einer Geschichte, die ich mir selbst erzähle; aber dann ist schon fast vergessen, wer da spricht.
Daniela Listmanns Ich geht von nun an ein in die Reden über sie, wie sie ihre Freunde in ihre Geschichten einflechten, und diese Erwähnungen sind nicht nur freundlich, sondern liefern Splitter einer eigensinnigen, auch herrischen Person. Hat sich doch Daniela Listmann in einer Erklärung schriftlich bescheinigen lassen, dass jeder ihrer Freunde ihr seine Geschichte schenkt, die sie aufzeichnet mit ihrem Gerät, und dass sie selbst, als die Autorin, dann völlig frei darüber verfügen, sie verwerfen und nach Belieben verändern darf; ein fataler Kontrakt: Wen kümmert's, wer spricht?
Böse Verdikte, tiefe Kränkungen
Dem Nachnamen ist ja auf simple Weise das listige Vorgehen eingeschrieben. Das konstatiert in einem Vorher, einer Art Vorspiel auf dem Theater, ehe die Erzählungen der anderen überhaupt einsetzen, eine Bea einem Anton gegenüber in arrogant warnender Form. Diese Bea zitiert da Daniela selbst, wie sie von der fiesen Berechnung der Behinderten spricht - von sich nämlich, da sie im Rollstuhl sitzt. Doch Danielas Rache an Beas trivialer Psychologie war zuerst da; Daniela wollte nie eine Geschichte von Bea hören - schlimme Zurückweisung, seit Samuel Beckett sprichwörtlich tiefste Kränkung des Anspruchs, den ein Anderer stellen und erhoffen kann.
Als Bea sich ihr dennoch aufzudrängen versucht in einem Erzählversuch mit einer Rechenschaft von angeblich existentieller Bedeutung, erteilt ihr Daniela eine eiskalte Abfuhr. Sie schildert das einem Konrad am Telefon, an jener zweiten Stelle eben, für die sie ihr Ich im Buch benötigt: Bea habe sich ihr narrativ feilgeboten, sagt sie, ein bitterböses Verdikt, eine Formulierung, die scharfkantig glitzert. Doch von nun an werden die Geschichten der Anderen, der Freunde, das endgültige Verschwinden umzingeln und streicheln, bedauern und feststellen, betrauern und manchmal hinnehmen: Es wird hell, wenn jemand spricht.
Mutwilliges Satyrspiel
Unter dem Alias Daniela Listmann also, einer ersten Maske, der ein Dutzend weitere Maskeraden folgen, eröffnet Silvia Bovenschen ihr mutwilliges Satyrspiel auf jene Fundamentalkritik jeglicher Autorschaft, die der Philosoph Michel Foucault 1969 in einem seiner berühmtesten Texte formuliert hat. Sie tut das in einer beiläufigen, gewissermaßen nachlässigen Paraphrase. Die theoretische Untergründung muss ohnehin kein Leser kennen; es reicht, was dieses Stück Literatur da anzettelt. Ein vertracktes Versteckspiel wird inszeniert.
Man liest das atemlos und zunehmend angegriffen, ergriffen; das geht so: Figuren, Frauen und Männer, treten auf, meistens mehrfach, in Varianten oder Fortsetzungen ihrer Reden, deren Vornamen die Anfangsbuchstaben A bis O tragen - von Anton bis Olga. Das A und O des Menschlichen ist doch zweierlei: das Sprechen und der Verlust. Sie alle berichten vom Verschwinden, genauer: vom Verschwundenbleiben, das sich nicht begreifen lässt.
Die Listen der Autorin
Ihre Geschichten sind banal und unglaublich, lächerlich und tragisch. Alles Mögliche bleibt ein für alle Male weg: ein Laptop oder ein Ring, ein Spielgefährte oder ein Elternhaus im Traum, eine Frau oder ein Mann (der Psychologe, Fachmann für das Verschwinden, der immer wieder auftaucht, sei dem Leser als lachhafte Beute überlassen). Sie erzählen die Geschichten in ganz verschiedenen Stilen. Ist das ihr je eigener Stil? Oder der Stil, den Daniela Listmann, die allmächtige Autorin, für jeden Einzelnen gefunden hat, den sie sich aneignet?
Hier funkelt die Kunstfertigkeit der Silvia Bovenschen, die den Leser fesselt an die Phantasie vom logischen Fortgang einer Handlung, der doch möglich sein müsste. Sie legt Fährten aus. Man schnürt um die Zusammenhänge wie ein Fuchs um seine Beute, gebannt von dem Gedanken, ein Sinn habe zu entstehen in diesem diffusen Erzählen. Man ahnt, dass es eine Chronologie gibt, nur, um zu erkennen, dass sie mutwillig aufgebrochen wird. Man fängt an, dem Erzählen der Freunde das Alphabet zu unterlegen; doch da fehlt ein H als Vorname. Warum nur?
Menschenwärme
Ob das fehlende H womöglich eine Hommage an jenen Hugo von Hofmannsthal ist, der in seinem Brief des Lord Chandos die Worte für alles Wirkliche im Mund wie modrige Pilze zerfallen ließ? Man traut dieses weggelassene H der Autorin zu, die sich, schon in der Vorbemerkung, die todesnahen Niederschriften ihrer Freundin Celia im Tagebuch gesichert hat für ihr Buch, neben den hysterischen Monologen ihrer Freundin Frederike. Ja, C(elia) und F(rederike) sind nah bei D(aniela); die eine als innere Stimme, die andere als andere Stimme der Autorin. Dazwischen nur ein E, vertreten von einem Eduard, dem die erste und die letzte Geschichte des Buchs eingeräumt sind, die menschenwärmsten Rechenschaften überhaupt. Wer kennte ihn nicht, jenen am Ende einfach eingeschlafenen Eduard aus Goethes Wahlverwandtschaften?
Doch dies alles ist womöglich Trug, die Gewalt der Interpretation. Denn es gibt keine Evidenzen der gemeinen Art in Silvia Bovenschens neuem Buch. Und der fremde Rufer auf der Straße, der mit seinen zotigen Einlassungen stets bei Celia ist, bis sie in ihr Tagebuch am 13. März 2007 notiert Die letzte Mitteilung an mich: Ich werde heute nicht mehr sein - hat nur Celia ihn gehört?
Das Leben aushalten
Mit ihrem neuen Buch schließt Silvia Bovenschen, gleichsam auf einer Benutzeroberfläche, an ihren vorigen Bestseller Älter werden an, den sie Notizen untertitelte und meinen Freunden widmete. Mit Verschwunden wird es jedoch ernst. Dieses Buch macht die Probe aufs Exempel, ob seiner Verfasserin das Ich aus dem eigenen Körper auszutreiben ist. Silvia Bovenschen hat in Älter werden ihre frühe Erkrankung an Multipler Sklerose offengelegt, der sie seit Jahrzehnten trotzt. Jetzt bringt sie den Tod ins Spiel. Man muss dieses Buch aushalten, so, wie Silvia Bovenschen selbst es ausgehalten hat. Es ist eine Kampfansage an die Feigheit, eine Liebeserklärung an das Leben.
Silvia Bovenschen: Verschwunden. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2008. 166 S., geb., 17,90 Euro.
Text: F.A.Z., 12.03.2008, Nr. 61 / Seite L3
Bildmaterial: Matthias Lüdecke