Adam Haslett: Union Atlantic

Aufgeputscht bis überdreht, angefixt und gierig auf mehr

Von Felicitas von Lovenberg

Adam Haslett

Adam Haslett

10. November 2009 Die Ursachen für jenen Schwelbrand im System, der im vergangenen Jahr zur Bankenkrise aufloderte, lassen sich im Nachhinein minutiös rekonstruieren und abspulen wie ein Katastrophenfilm, in dem sich Fehlverhalten an Fehleinschätzung reiht, bis schließlich nicht nur einzelne Unternehmen in Flammen stehen, sondern der ganze Finanzmarktplatz. Um aber eine höhere Ordnung hinter der zynischen Realität, also dem grausamen Spiel von Zufall, Absicht und Notwendigkeit auszumachen, dieses gar als Kette unausweichlicher Ereignisse betrachten zu können, braucht es entweder den Glauben an eine höhere Weisheit als die von Notenbankchefs und Regierenden – oder einen Romancier.

In „Union Atlantic“, seinem an diesem Dienstag als deutsche Weltpremiere erscheinenden Debütroman – in Amerika kommt das Buch erst im Februar heraus –, beschreibt der hochbegabte New Yorker Schriftsteller Adam Haslett die menschliche, juristische und strukturelle Anfälligkeit des Bankensystems, indem er einen jener Zocker porträtiert, deren fatales Zusammenspiel es schließlich auszuhebeln drohte. Am Ende muss der Präsident der Federal Reserve Bank in New York sich fragen, was das System, das er ein Berufsleben lang verteidigt hat, im Innersten schwächt. Es ist eine bittere Lehre: „Stabilität rettet nicht, Regulierung ist lediglich eine Finte zur Vertuschung organisierten Diebstahls, ein Trick, der nur noch die Öffentlichkeit täuschen kann.“

Die Bankenkrise, vorverlegt ins Jahr 2002

Verblüffenderweise spielt der Roman nicht im vergangenen Jahr, sondern 2002, und Haslett hat ihn auch nicht an der New Yorker Wall Street, sondern vor allem in Boston angesiedelt, und damit am Bauchnabel der wertorientierten Ostküstengesellschaft. Doug Fanning, Ende dreißig, gutaussehend und durch keinerlei private Interessen in seiner Konzentration auf das Eigentliche, Rendite nämlich, abgelenkt, arbeitet für „Union Atlantic“. Von einer früheren Privatbank ist Union Atlantic in wenigen Jahren zu einem der vier größten Finanzkonzerne des Landes, einem „Global Player“ geworden. Der heimliche Architekt dieses rasanten Wachstums ist Doug: „Auf seine Empfehlung hin hatte die Bank Übernahmen eingeleitet, die strenggenommen illegal waren, es jedoch Dougs Einschätzung nach nicht mehr sein würden, wenn die Deals erst einmal perfekt waren.“ Als Leiter der eigens für ihn geschaffenen Abteilung „für besondere Aufgaben“, handelt Doug in der Gewissheit, dass maßloser Erfolg sich seine eigenen Regeln schafft. Befriedigung verschafft ihm dabei nicht die Höhe seines Bonus oder seine Machtposition innerhalb der Bank: „Die Genugtuung lag im Vollzug. In solchen Phasen legte sich der Sturm der Gedanken, wurde sein Kopf wunderbar klar, durchströmte ihn Kraft so reibungslos wie Buchgeld ein Glasfaserkabel: Der Widerstand der realen Welt ging gegen null.“

Doug, der seine Hedge-Fonds-Manager am liebsten „aufgeputscht bis überdreht, angefixt durch das Zocken und gierig auf mehr“ hat, ist der Inbegriff des präpotenten Effektheischers, das Abziehbild eines Klischees, das seit dem vergangenen Jahr mächtiger denn je wirkt. Gerade erst hat er sich eine Angeber-Villa (der Makler bezeichnet das Gebilde ehrfürchtig als „Greek-Revival-Chteau“) in Finden, einem Vorort Bostons, bauen lassen, die – Achtung, Metapher – in ihren Raumfluchten indes keinerlei Mobiliar beherbergt. So leer wie in seinem Haus sieht es auch in Dougs Leben aus: niemand und nichts, wofür es sich zu leben lohnt, und wenn es Bedauern gibt, etwa über die Hartherzigkeit, mit der er seiner Mutter, einer Alkoholikerin, vor vielen Jahren den Rücken gekehrt hat, oder über seine Beteiligung an den Ereignissen an Bord des Kreuzers USS Vincennes, der 1988 im Iran-Irak-Krieg bei einem Abwehrgefecht mit iranischen Kanonenbooten ein iranisches Passagierflugzeug abschoss, so hat er diese Regungen längst mit Statussymbolen und Arroganz zugeschüttet. Doug sieht sich als Objekt von Begierden, die er nicht erwidert. Die Verachtung, die er für jene empfindet, die mehr von ihm wollen, als er zu geben bereit ist, zeigt sich insbesondere in seinem Verhältnis zu dem siebzehnjährigen Nate, dessen Verliebtheit ihn regelrecht anekelt, mit dem er aber dennoch schläft. Wie alles in seinem Leben tut Doug auch dies einfach, weil er es kann, nicht, weil es ihm wichtig ist.

Der neureiche Angeber und die bäumerettende Amazone

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Union Atlantic
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Dougs Gegenüber, in nachbarschaftlicher, vor allem aber dramaturgischer Hinsicht, ist Charlotte Graves, Geschichtslehrerin im Ruhestand mit leicht fanatischer Freude an der Predigt über die Lektionen der Vergangenheit. Die widerspenstige alte Dame lebt mit ihren Hunden, einem Mastiff und einem Dobermann, in einem alten Haus, das ihrer Familie einst als Feriensitz diente. Mit Sam und Wilkie an ihrer Seite verteidigt sie das bewaldete, erinnerungssatte Revier ihrer Kindheit, eine Bastion der alten Welt, mit Zähnen und Klauen. Erbfeind Nummer eins ist natürlich der neue und neureiche Nachbar Doug, der das Land, das er hat roden lassen, bevor er sein Haus darauf errichtete, ihrer Ansicht nach unrechtmäßig von der Gemeinde erworben hat. Um Doug vertrieben und die Villa abgerissen zu sehen, zieht Charlotte bis vor Gericht.

Mit Charlotte und Doug stellt Haslett einander zwei Einsame gegenüber; die eine lebt ganz in der Vergangenheit, der andere ausschließlich in der Gegenwart. Beide sind Überzeugungstäter mit Hang zum Hochmut, auch wenn Charlotte als die sympathischere Figur gezeichnet ist. In dem Spinnennetz an jenen für die Beteiligten meist unsichtbaren, für den Leser indes überdeutlichen Beziehungen, in die Haslett sein Romanpersonal verwoben hat, ist der Bruder der baumrettenden Amazone ausgerechnet Henry Graves, Präsident der Federal Reserve Bank in New York, Witwer und weniger streitbar als seine unnachgiebige ältere Schwester. Nate wiederum, nach Doug der zweite vaterlose Sohn des Buchs, der seiner Mutter fremd geworden ist, bekommt von Charlotte Nachhilfeunterricht – weniger in Geschichte denn in Prinzipien. Diese wiederum trauert noch immer um ihre an einer Überdosis gestorbene Jugendliebe, während sich Nate, den Charlotte ins Herz schließt, nach der stets glatt aufgehenden Psychologie des Romans mit einer Reihe von anderen poor little rich kids herumtreiben muss, die ihre Zeit vorzugsweise im Drogenrausch verbringen.

Stereotypen bei der Arbeit und beim Spiel

Es gibt noch mehr solcher Verbindungen zwischen den nicht eben wenigen stereotypischen Figuren des Romans, die zeigen, dass jede Abmachung und jeder Deal nicht allein Folgen im abstrakten Bereich der Bilanzen, sondern auch im Persönlichen zeitigt. Dafür, dass diese Einsicht etwas spät kommt, kann der Autor selbst am wenigsten, der just als die Investmentbank Lehman Brothers im vergangenen September zusammenbrach die Arbeit an „Union Atlantic“ beendete. Nach fünfjähriger Recherche überholte die Realität binnen Stunden die Fiktion. Und sie war schmutzig.

Davon ist in Hasletts Roman nichts zu spüren. Einen so sauber gearbeiteten, aufgeräumten, ja seriösen Roman gab es schon lange nicht mehr. Das Prophetische indes, für das man Hasletts akribische Analyse noch vor einem Jahr gefeiert hätte, ist verflogen. Was heute bleibt, ist der Eindruck von Dokufiktion, zumal Haslett sich mit moralisierenden Urteilen vollständig zurückhält. Das erledigt der Plot allein. Was dem Roman und seinen Figuren abgeht, ist Zweifel. Es gibt kein Wanken, kein Erschauern, keine wirkliche Ahnung der Konsequenzen, selbst als sie eintreten. Es fehlt all das, was Hasletts Erzählungsband „You are not a stranger here“ (2002, deutsch „Das Gespenst der Liebe“) in geradezu bestürzend reichem Maße auszeichnete: ein Gefühl für die Figuren, ein Ton, Tiefe. Literatur, die der Realität nichts Eigenes hinzuzufügen hat, verharrt zwangsläufig in der Konventionalität. Einen Echoraum, in dem die Wahrnehmung leicht verschoben wird, gibt es immerhin: in Charlottes Gesprächen mit ihren klugen, sogar über Milton räsonnierenden Hunden. Ansonsten zeigt „Union Haslett“ uns die Wirklichkeit, so banal, schlüssig und zweidimensional, wie sie uns sonst gern das Fernsehen suggeriert. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Adam Haslett: „Union Atlantic“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 393 S., geb., 19,90 €.



Buchtitel: Union Atlantic
Buchautor: Haslett, Adam

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Beowulf Sheehan

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