30. Dezember 2004 Bisher ist uns Dag Solstad entgangen. Jahre- und jahrzehntelang schrieb er Bücher voll, ließ er sich in die Elite der norwegischen Gegenwartsliteratur hineinjubeln, ließ sich die wichtigen Preise nur so hinterherverleihen, ließ sich hierhin übersetzen, aber auch dorthin, neun Sprachräume zeigten Interesse, nur einer aber nicht: dieser. Deutschlandweit Stillschweigen seit Solstads Debüt 1965, all die Jahre wollte das hier niemand lesen oder auch nur übersetzen, an Zufall zu glauben fällt da schwer. Gäbe es nicht die netten Schweizer und hätten die nicht kürzlich erst den Verlag Dörlemann ins Leben gerufen, wir säßen mit leeren Händen auf unserem Sofa, blätterten in der Luft und wüßten nicht, was uns gerade noch gefehlt hätte: nämlich Dag Solstad.
Der Autor, Jahrgang 1941, springt uns ins Gesicht mit einem schmackig bunten Klappumschlag und einem Romantitel, der hingucken läßt (so man nicht Norweger ist und derlei von Solstad schon lange gewohnt ist): "Elfter Roman, achtzehntes Buch" - der Umschlag beschert uns zwei Fragen; die eine nämlich, warum man das sprachlich bessere "Elfter Roman, Buch achtzehn" des Originals nicht beibehalten hat, und eine zweite, die aus dem Titel auf den Inhalt zu schließen versucht: Verbirgt sich dahinter eine gewisse ironische Gewitztheit oder eine ungewisse Ermattung? Das Buch selbst beläßt uns zunächst im unklaren. Ohne große Umstände wirft es uns in die Welt von Bjørn Hansen, einem fünfzigjährigen Mann, dessen bisheriges und von nun an mitzuverfolgendes Leben rasch skizziert ist oder, besser gesagt: rasch skizziert wird.
Auf der Karriereleiter der Staatsverwaltung sitzt er sich allmählich aufwärts, bis ihm die Begegnung mit Turid Lammers einen Strich durch die Berechnungen macht. Ihretwegen verläßt er Frau und zweijähriges Kind, man versteht nicht genau, wieso, ihretwegen siedelt er von Oslo ins verschlafene Kongsberg über, wird dort Stadtkämmerer und schließt sich, wie Turid, einer örtlichen Laienschauspieltruppe an, ebenfalls ohne rechte Motivation. Die Laienschauspieltruppe führt üblicherweise Operetten auf, einmal jährlich, und läßt sich brav beklatschen, einmal aber, und darauf hat Bjørn Hansen gedrängt, versuchen sie sich an Ibsen, um kläglich zu scheitern. Bald darauf verläßt er auch Turid. Faßt einen Plan. Bekommt zwischendurch noch Besuch von seinem Sohn, mit dem er nicht viel anfangen kann. Setzt dann den Plan um: sein Leben von nun an im Rollstuhl zu verbringen. Und das war's.
Handlung ist nichts; jede Handlung kann grandios oder gruselig umgesetzt werden. In diesem Fall befindet sich der Erzähler fester im Würgegriff der Misanthropie, als seiner Erzählung guttun würde, in ihm spiegelt sich der Autor, der in Interviews um keine kulturpessimistische Platitüde verlegen ist: daß Literatur zu Konsum geworden und die vorherrschende Kultur barbarisch sei; Jugendliche sich beim Tanzen stereotyp bewegten; er das siebzehnte Jahrhundert für sich selber vorziehen würde - er ist ein rechter Gnatz, der alte Dag.
Und zum Ausgnatzen hat er in vorliegendem Buch ein Fähnlein leichter Opfer zusammengezogen: Turid, die verblühte Schönheit. Peter, den dumpf materialistischen Sohn. Die Kleinstadt als solche. Die Laienschauspieler dieser Kleinstadt im Besonderen. Als Schattenrisse eingelebter Vorurteile werden sie herbeizitiert und vorgeführt; und der Leser muß konstatieren, daß die Distanz des Erzählers, der fast nur aus der Totalen beobachtet und subsumiert, nicht das Mitleid erträglich machen soll. Denn da ist keines. Und da kann auch keines sein; dazu sind die Figuren zu papiern konstruiert, ist die Handlung zu wenig schlüssig; mag sie auch nicht verstören, da gar kein Interesse geweckt ist. Gar zu obenhin informiert uns der Erzähler über eine Resignation, welche nach den Bühnenauftritten verspürt werde, floskelt er die Initialzündung der Handlung, jene Affäre mit Turid Lammers, aufs Papier: "So intensiv hatte er noch nie gelebt, denn er wußte, daß er sich in einem Raum befand, in dem er nicht lange bleiben würde. Es war ein gewagtes Spiel. Etwas gestohlenes Glück."
Der Autor agiert so schlapp wie sein Held: Todfeinde, die Bjørn Hansen sich im Job gemacht hat, werden eingeführt, um dann nie wiederaufzutauchen. Die Schilderung Kongsbergs wird einem rasch angelesenen Lexikonauszug überlassen. Manche Erzählpassage strudelt im Kreis und schwemmt Wiederholungen an, die man einem Säulenheiligen in Norwegen vielleicht für genial anrechnen und durchgehen lassen mag, die aber spätestens beim Übersetzen getilgt gehören. Der Schlendrian erinnert an die von einigen haarsträubenden Sachfehlern strotzenden Fußball-WM-Bücher Solstads, welche er gemeinsam mit seinem Koautor Jon Michelet alle vier Jahre vorlegte, bis zuletzt selbst unter seinen langmütigen Landsleuten Murren laut wurde. Das vorliegende Buch erschien in Norwegen bereits 1992 - vielleicht war es damals und dort ja ein wenig richtiger am Platz; weswegen, wüßten wir nicht.
KLAUS UNGERER
Dag Solstad: "Elfter Roman, achtzehntes Buch". Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ina Kronenberger. Dörlemann Verlag, Zürich 2004. 240 S., geb., 19,80 [Euro].
Buchtitel: Elfter Roman, achtzehntes Buch
Buchautor: Solstad, Dag
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.12.2004, Nr. 305 / Seite 40