Uwe Tellkamp: Der Turm

Das geheime Land

Von Julia Encke

16. September 2008 Beinahe hätte man aufgegeben, war schon wieder kurz davor, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen nach den ersten fünfzig Seiten von Uwe Tellkamps neuem Roman „Der Turm“, der so mäandernd und so pathetisch beginnt, dass man gar nicht anders kann, als sich an den „Eisvogel“ erinnert zu fühlen, Tellkamps ersten Roman, mit dem der ehemalige NVA-Panzerfahrer, Arzt und Schriftsteller nach seinem Auftritt beim Literaturwettbewerb in Klagenfurt vor vier Jahren bekannt wurde. „Ich glaube, wir haben einen großen Autor entdeckt“, hatte Iris Radisch in Klagenfurt ausgerufen.

Und man verstand es nicht. Weder vor dem Fernsehbildschirm der Wettbewerbsübertragung. Noch, später, bei der Lektüre des „Eisvogels“. Denn Tellkamps Debüt, das ein Gesellschaftsroman hätte sein können, ließ, erzähltechnisch, jede Distanz vermissen. Es hielt keinen Abstand zu seinen Figuren. Und da diese Figuren zwei ressentimentbeladene junge Schnösel waren, die, demokratieverachtend, deutschtümelnd und elitär, gegen die eigene Zeit, das Land und die abgehalfterte Linke wetterten, atmete der Roman unwillkürlich selbst den Geist der Reaktion, den der Autor mit so viel Naturpathos unterlegte, dass er den Stereotypien seiner Figuren selbst anheimfiel.

Dann kommt die Überraschung

Uwe Tellkamp

Uwe Tellkamp

Wer die Ironie Flauberts liebte, konnte den „Eisvogel“ unmöglich mögen.Und jetzt, denkt man, geht das schon wieder so pathetisch los: „In der Nacht, die rostigen, die vom Mehltau des Schlafs befallenen, die von Säuren zerfressenen, die bewachten, die brombeerumrankten, die im Grünspan gefangenen, festgeschmiedet der Preußische Adler, die Schlag Mitternacht ihre Lauschtiere freilassenden, die hundertäugigen Periskope reckenden, Okulare scharfstellenden, bannertragenden, die von Schornsteinen geschwefelten, Musiklinien vortäuschenden, mit Bitumen bewalzten, von Tropfnässe Sicknässe Schwitznässe faulenden, die durch schimmernde Akten kriechenden, mit Stacheldraht betressten, mit Zifferblättern verbleiten Brücken . . .“ -Das ist nur ein Halbsatz auf Seite neun des neuen Romans. 967 Seiten hat man zu diesem Zeitpunkt noch vor sich, kann nach diesem halben Satz, der noch einmal so lang weitergeht, aber eigentlich schon nicht mehr.

Das Überbordende der obsessiv verwendeten Adjektivpartizipien macht einen fertig. Man will nicht hinein in Tellkamps „Turm“, macht Pause, regt sich wieder ab - und liest nur deshalb weiter, weil es sich bei diesem langen Satz aus der „Ouvertüre“ des Romans um zitierte Rede handelt: um einen kursiv gesetzten Auszug aus den Aufzeichnungen eines der Protagonisten Tellkamps, des vierzigjährigen Meno Rohde, der, wie man später erfährt, einen Monat nach Breschnews Tod, also im Winter 1982, in Dresden als Lektor eines Verlags arbeitet. Ausgestellte, zitierte Rede: das war eins der erzähltechnischen Distanzsignale, die man im „Eisvogel“ vermisst hatte. Also gibt man dem „Turm“ eine Chance. Warum auch nicht? Dann kommt die Überraschung: Aus dem völlig überladenen Anfang schält sich allmählich der eigentliche Roman heraus. Gegen alle Widerstände gerät man in den Sog einer anderen Zeit, folgt gebannt den wie abgelauscht wirkenden Gesellschaftsdialogen, die an manchen Stellen sogar komisch sind, was man von Tellkamp bisher nicht gerade kannte. Es ist, wie wenn der Autor sich den Weg der eigenen Erzählung durch das Gestrüpp der zu oft beschriebenen Dresdner Rosen- und Brombeerbüsche erst einmal habe bahnen müssen, um selbst hineinzukommen in sein Epos.

Tellkamp seziert diesmal

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Der Turm
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Es dauert eine Weile, dann liegt der Blick frei. Mit seiner „Geschichte aus einem versunkenen Land“, wie „Der Turm“ im Untertitel heißt, hat Uwe Tellkamp einen eindrucksvollen Roman über den Untergang der DDR geschrieben: Er beginnt 1982, endet am 9. November 1989 und konzentriert sich auf eine kleine Außenseitergruppe, die während dieser Jahre in einem Dresdner Villenviertel lebt. Es sind Menschen, die es im Sozialismus eigentlich gar nicht hätte geben sollen und dürfen, Bildungsbürger, die, dornröschenhaft im Abseits lebend, Hausmusikabende veranstalten, an den Humanismus und die freie Rede glauben, die sich abschotten in einer auf Goethes „Wilhelm Meister“ anspielenden „Turmgesellschaft“, um sich innerhalb dieser selbst gewählten Abgrenzung die letzten Freiräume erhalten zu können.

Die drei Protagonisten, deren Weg Tellkamp in den letzten DDR-Jahren verfolgt, sind einem dabei nicht unbedingt sympathisch. Aber gerade das macht den Roman überhaupt so interessant. Denn Tellkamp seziert diesmal. Er stellt dar, was in einer Zeit des lähmenden Stillstands, des Redeverbots, Systemdiktats und der Bespitzelung mit Menschen passiert: Der Lektor Meno Rohde, der in den Kreisen der „roten Aristokratie“ verkehrt, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, bunkert sich ein zwischen Manuskripten und Büchern, nimmt in Gesellschaft kaum mehr Stellung, um sich irgendwann ausschließlich seiner zoologisch-biologischen Leidenschaft zu widmen: der Erforschung der Zelle als „kleinste Einheit des Lebendigen“.Sein Schwager Richard Hoffmann, bekannter Chirurg an der Dresdner Klinik und, anders als Meno, kein Einzelgänger, nimmt sich, trotz gebotener Vorsicht, seine Freiheiten, die für ihn vor allem amouröse sind, führt ein Doppelleben, kündigt donnerstags an, gewohnsheitsmäßig schwimmen zu gehen, um in Wirklichkeit seine zweite Familie zu besuchen: Seit Jahren unterhält er eine Liebesbeziehung mit der Chefsekretärin des Klinikrektorats, von der er ein Kind hat. Als die Stasi ihn erpresst, droht er alle seine Lebensmenschen in den Abgrund zu ziehen.

Zwischen Wahrheit und Lüge

Und dann ist da noch Christian, Richards Sohn, die interessanteste Figur dieses Gesellschaftsromans: zu Beginn des „Turms“ siebzehn Jahre alt, schwer pubertierend, mit pickligem Gesicht und schwülstigen Träumen von „im Irrgarten der Liebe herumtaumelnden Kavalieren“ und der Achselhöhle seiner Klassenkameradin Reina. Er ist intelligenter als die anderen, ein verbissener Streber und hübscher, als er selber anzunehmen wagt. Sein Schicksal: Kind freiheitsliebender Eltern der Turmgesellschaft zu sein. Der Spagat zwischen anerzogenem Wahrheitsanspruch und notwendiger Lüge wird für ihn zur Zerreißprobe: „Aufrichtigkeit, auch und gerade dann, wenn es brenzlig wurde, war er nicht so von seinen Eltern erzogen worden? Gleichzeitig übten sie mit ihm das Lügen . . .“

Tellkamp schickt ihn nach dem Abitur zur Volksarmee, lässt ihn bei den „Panzern“ dienen, wo er es als „Brille“ nicht leicht hat und nicht anders kann, als aufzubegehren: Nach wiederholten staatsfeindlichen Äußerungen landet er im Gefängnis und dort, eine ganze Woche lang, als ausgelöschtes Individuum, in einer dunklen isolierten Zelle: „Er war in der DDR, die hatte befestigte Grenzen und eine Mauer. Er war bei der Nationalen Volksarmee, die hatte Kasernenmauern und Kontrolldurchlässe. Er war Insasse der Militärstrafvollzugsanstalt Schwedt, hinter einer Mauer und Stacheldraht. Und in der Militärvollzugsanstalt Schwedt hockte er im U-Boot, hinter Mauern ohne Fenster. Jetzt, dachte Christian, bin ich wirklich Nemo. Niemand.“

Die wörtliche Rede ist Tellkamps Stärke

Indem Uwe Tellkamp seine Außenseiter aus dem „Turm“ in so unterschiedlichen Milieus agieren lässt - der Nationalen Volksarmee, der Dresdner Klinik und dem Verlagswesen mit seinen literarischen Zirkeln, der Leipziger Buchmesse oder der Zensurbehörde -, gelingt ihm tatsächlich die Darstellung eines Panoramas in einer genau umrissenen Zeit. Es sind die Dialoge und Gespräche der vielen in diesen Milieus zu Wort kommenden Personen, die den Roman dabei so reich und immer wieder auch spannend machen. Denn die wörtliche Rede, im Dialekt, in verknappter Umgangssprache oder akkuratem Hochdeutsch, ist Uwe Tellkamps Stärke. Sie haucht seiner Prosa das Leben ein. Dass er dabei auf selbst Erlebtes zurückgreift, ist für die Lektüre des Romans im Grunde nebensächlich: Wie Christian im Roman verpflichtete sich Uwe Tellkamp nach dem Abitur zum dreijährigen Wehrdienst in der NVA und wurde wegen „politischer Diversantentätigkeit“ auffällig, weil er Texte von West-Autoren und Wolf Biermann bei sich führte. Als seine Einheit 1989 gegen Oppositionelle, darunter Tellkamps Bruder, ausrücken sollte, verweigerte er den Befehl, wurde zwei Wochen lang inhaftiert und anschließend beurlaubt.

Es gibt, auf der Homepage des Suhrkamp-Verlags, einen Hörbeitrag, auf dem der Autor, zum Erscheinen seines neuen Romans, die Strategien seines Schreibens erklärt. Anton Tschechow sei ihm im Traum erschienen, erzählt er da und meint es ernst. Er habe ihm gesagt, welche Wörter er im ersten und im letzten Satz seines Romans streichen solle. Sie seien zu bedeutungshubernd, überflüssig, müssten weg. Tellkamp habe seinen Rat befolgt und auch im letzten Satz die eigentlich vorgesehene Erwähnung des „Falls der Mauer“ weggestrichen, um den „Turm“ offen mit einem Doppelpunkt enden zu lassen: „. . . aber dann auf einmal . . . schlugen die Uhren, schlugen den 9. November, ,Deutschland einig Vaterland', schlugen ans Brandenburger Tor:“ Hätte doch Anton Tschechow sich im Traum auch zu den mäandernden Passagen des langen, sich mühsam dahinziehenden Romananfangs geäußert, denkt man. Man wäre bereitwillig hineingegangen in den „Turm“.

Buchtitel: Der Turm
Buchautor: Tellkamp, Uwe

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.09.2008, Nr. 37 / Seite 28
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS

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