23. März 2004 Wer hierzulande darüber spricht, daß sich das Verhältnis zur Geschichte allmählich "normalisiere", gerät noch immer leicht in den Verdacht, die deutsche Schuld verharmlosen oder gar "relativieren" zu wollen. Daß die Guten immer die Guten und die Bösen böse, daß Täter und Opfer jederzeit präzise auseinanderzuhalten sind - dieser Glaube hat den Blick auf die Geschichte lange Zeit geprägt. Etwa seit Mitte der neunziger Jahre geht es jedoch verstärkt darum, die moralischen Grauzonen zu erforschen. Das ist das Spezialgebiet der Literatur, die als Sensorium und Orientierungsmittel notwendig wird, wenn Gut und Böse ihre Eindeutigkeit verlieren.
Das Interesse richtet sich seither auf Menschen, deren Handlungen im Koordinatensystem der Moral nur schwer zu verankern sind. Das "Schicksal" ist als Kategorie ins Spiel gekommen, seit Deutsche von Flucht, Vertreibung und Bombenkrieg in den Städten erzählen - mithin sich daran erinnern, daß sie nicht nur Gewalt ausgeübt, sondern auch erlitten haben. Selbst Täter werden nun eher von ihrer Motivation und Herkunft aus bestimmt als durch ihre Taten. Sie werden als schwache Menschen gezeigt und nicht als Unmenschen - so etwa der ältere Bruder in Uwe Timms eindrucksvoller Familienrecherche, der in der Totenkopf-SS an der Ostfront operierte.
Bei dieser "Normalisierung" handelt es sich um keinen deutschen Sonderweg, sondern um eine europaweite Tendenz. Aus Frankreich kommt nun ein Buch zu uns, das in die Auseinandersetzung um Résistance und Kollaboration eingegriffen hat. Die heroische Verklärung des Widerstands in Frankreich war gewissermaßen die Kehrseite der Dämonisierung der Nazis in Deutschland. Gilles Rozier entwirft in seinem Roman "Eine Liebe ohne Widerstand" einen Fall, der mit moralischen Maßstäben nicht zu fassen ist. Die - geschlechtlich unbestimmte - Hauptperson seiner Geschichte, zugleich der Ich-Erzähler, unterrichtet Deutsch in der französischen Provinz und arbeitet ohne Skrupel mit den deutschen Besatzern zusammen. Sie liebt "die Sprache von Goebbels und Goethe" und hat nichts dagegen einzuwenden, Übersetzungsdienste für Judendeporteure zu leisten. Aus ihrer Gleichgültigkeit wird sie erst herausgerissen, als sie aus erotischem Begehren in einem Impuls des Augenblicks einen Juden vor der Deportation rettet. Sie hält ihn in einem verborgenen Verschlag im Keller mit verbotenen deutschen Büchern versteckt. In dieser Geheimbibliothek ist alles versammelt, was die Hauptperson an der deutschen Literatur liebt: Heine und Horváth, Thomas und Heinrich Mann, Wassermann, Werfel, Zweig und Schnitzler.
Von zentraler Bedeutung ist eine jiddische Ausgabe der Gedichte Heinrich Heines. Mit der Beschaffung dieses Buches und der Entzifferung der hebräischen Schrift beginnt die leidenschaftliche Liebe zwischen der Hauptfigur und dem versteckten Juden mit dem deutschen Namen Herman. Das Irritierende daran ist, daß es Rozier immer im ungewissen läßt, ob sein Erzähler ein Mann oder eine Frau ist. Das ganze Buch ist so kunstvoll in der Schwebe gehalten, daß sich auch die Liebesgeschichte und die sexuelle Verschmelzung im Kellerversteck homo- oder heterosexuell interpretieren lassen. Für beide Lesarten gibt es Indizien, so daß eine flirrende, andauernde Verunsicherung entsteht. Man liest zwei Bücher gleichzeitig. Die Wirklichkeit steht nicht fest. Es kommt auf die Perspektive an, unter der man sie betrachtet.
Der Titel "Eine Liebe ohne Widerstand" führt absichtlich in die Irre. "Widerstand ohne Résistance" würde es genauer treffen, zumal die Résistance im Verlauf des Geschehens eine eher verhängnisvolle Rolle ausübt. Doch Rozier scheut auch hier konsequent jede Eindeutigkeit. Mit Anne stellt er der Hauptperson eine Schwester zur Seite, die sich lustvoll einem deutschen SS-Mann mit dem Namen Volker hingibt. Fast täglich kommt Volker mit Stiefeln, Helm und Uniform ins Haus, um in die Schwester "einzudringen wie in Butter", während im Keller der Jude verborgen ist. Da wackeln die Wände, wenn die Lustschreie aus den weitgeöffneten Fenstern dringen. "Sie glich ihrem Land: leicht zu haben", kommentiert die Hauptperson in ihrer nüchternen, mitleidlosen Art das Verhalten der Schwester. Auch als Anne nach dem Abzug der Besatzer von Nachbarn geschoren und auf offener Straße vergewaltigt wird, bleibt sie (oder er) ein kühler Beobachter.
Gilles Rozier, 1963 in Grenoble geboren, wollte zunächst nur ein Buch über die deutsche und die jiddische Sprache schreiben. Das ist sein Metier: Er hat in jiddischer Literatur promoviert und arbeitet als Direktor des Hauses für jiddische Kultur in Paris. Jiddisch ist aber auch die Sprache seines Großvaters, der in Auschwitz ermordet wurde. Die Vorliebe für das Deutsche kam vom anderen Großvater auf ihn, der Deutschlehrer gewesen ist. Mag sein, daß diese Familiengeschichte Rozier dazu brachte, eine linguistische Version des Holocaust zu entwickeln. In einem Interview sagte er: "Ich glaube, es ist kein Zufall, daß die Deutschen, die Nazis auf die Jiddisch sprechenden Juden gestoßen sind. Denn wenn die Juden in Europa nicht Jiddisch gesprochen hätten, eine zur Hälfte germanische Sprache, wäre vielleicht die Geschichte anders verlaufen. Ich verstehe den Völkermord deshalb folgendermaßen: Die Deutschen wollten die Juden aus Gründen eines linguistischen Reinheitsgebots eliminieren, aus Angst, die Juden könnten ihre unsterbliche, ihre bedeutende deutsche Sprache verunreinigen."
In seinem Roman geht Rozier über diese Theorie noch hinaus. Systematisch schreibt er gegen die Grenzziehungen zwischen den Sprachen, den Völkern und den Geschlechtern an. Systematisch unterläuft er die starren Fronten von Gut und Böse, Heroismus und Anpassertum, Liebe und Egoismus. Reinheitsgebote aller Art haben demnach immer eine Neigung zum Totalitären. Machtausübung besteht darin, Grenzen zu ziehen. Alles, was dem entgegenarbeitet, wäre dann Widerstand. Liebe zum Beispiel. Oder die Fremdheit jiddischer Heine-Verse: "Os mane trern waksn / Fil blijende blimen afir, / Zi nachtigal-gesangen / wert jeder safz fin mir." ("Aus meinen Tränen sprießen / Viel blühende Blumen hervor / Und meine Seufzer werden / Ein Nachtigallenchor.") Wer diese Arbeit "Relativierung" nennt, hat nichts begriffen.
JÖRG MAGENAU
Gilles Rozier: "Eine Liebe ohne Widerstand". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2004. 168 S., geb., 16,90 [Euro].
Buchtitel: Eine Liebe ohne Widerstand
Buchautor: Rozier, Gilles
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.03.2004, Nr. 70 / Seite 38