22. Juli 2003 Die revolutionären Subjekte des zwanzigsten Jahrhunderts, das waren nicht die Proletarier, sondern die Genitalien. Deshalb ist es sehr plausibel, daß der Roman von Aris Fioretos über die wilden Zwanziger mit beherztem Zugriff unterhalb der Gürtellinie ansetzt. "Die Wahrheit über Sascha Knisch" ist ein raffiniertes Buch der geschlechtlichen Verwandlungen und Täuschungen, geschrieben von einem Autor mit schwedischem Paß, griechischem Namen, österreichischen Vorfahren und Berliner Adresse.
Kommissar Manetti, das "Meisterhirn", entpuppt sich zur Überraschung des Ich-Erzählers Knisch als Frau, und auch der Sexualwissenschaftler Felix Karp ist kein Mann. Aber warum wundert Knisch sich eigentlich darüber? Wird der knapp dreißigjährige Kinomaschinist doch selbst in Zimmer 202 eines Berliner Stundenhotels regelmäßig zum Mädchen. Es ist eine harte Zeit (die Handlung spielt im hitzebrütenden Sommer 1928), und für eine schöne Stunde trägt Knisch schon mal die gesamte Monatsmiete zu seiner "Madame" namens Dora Wilms.
Gleich im ersten Kapitel sitzt das Mädchen mit einer Schleife um den Penis in Doras Kleiderschrank. Dort hinein mußte Knisch rasch verschwinden, weil plötzlich noch jemand an der Tür klingelte. Als er nach einer träumerischen Stunde im Dunkeln eigenmächtig aus dem Möbel steigt, liegt Dora tot auf dem Bett. Ein Krimi also, mit furiosem Auftakt. Wer immer Dora getötet hat, Knisch ist jetzt sehr verdächtig. Bald nimmt die Polizei seine Witterung auf. Wie es im Kriminalroman, mit dessen Mustern Fioretos spielt, Tradition hat, rollt Knisch nun in Eigenregie und mit hohem Risiko den Fall auf, in den er unversehens verwickelt wurde.
Wer hatte Grund, die Prostituierte zu ermorden, mit der er sich nicht nur durch die enthusiastischen Stunden in Zimmer 202, sondern längst auch durch eine an Liebe grenzende Freundschaft verbunden fühlte? Die Wahrheit ist verwinkelt und neigt dazu, sich zu entziehen. Auf jeden Fall reicht sie weit in die Vergangenheit zurück und nimmt bald die Züge einer Verschwörung an. In deren Mittelpunkt steht das Institut des Medizinalrats Froehlich, unschwer als literarische Verarbeitung des von Magnus Hirschfeld 1919 gegründeten Instituts für Sexualwissenschaft zu erkennen. Es geht um heikles Filmmaterial, illegale Adoptionen und diverse Sonderformen der Lust.
Mit viel Witz und Verstand inszeniert der 1960 geborene Fioretos in seinem zweiten Roman den Berlin-Mythos der großen sexuellen Ökumene, in der jeder nach seiner Façon selig werden mochte. Froehlich/Hirschfeld erscheint als Mann der Emanzipation und libidinösen Selbstbestimmung. Keine Veranlagung ist unwichtig, keine Abweichung uninteressant! Diese Devise, die heute eher wie das einschaltquotenträchtige Sendekonzept mancher Fernsehmagazine klingt, stand seinerzeit für eine heilig-aufklärerische Mission. Froehlich/Hirschfeld war der Einstein des Sex, der auf seinem Gebiet eine Relativitätstheorie entwickelte. Milliarden Menschen und nur zwei Geschlechter? Hirschfeld sah statt dessen unendlich viele Grade, Abstufungen, Mischungen. Das Bollwerk des rigiden Geschlechtsunterschieds abzutragen lag im Stil der Zeit. Man erinnere sich, wie emphatisch der sonst so ironische Hans Castorp im "Zauberberg" für den unmännlichen Mann und die Frau ohne Weibchenattitüde plädiert.
Es waren die großen Jahre der sexuellen Evangelisten. Die vagabundierende Erlösungssehnsucht, die politisch ins "Dritte Reich" mündete, nahm sich auch des Unterleibs an. Gegenspieler von Froehlich und seiner "Weltliga für Sexualreform" ist der finstere Männerbündler Horst Hauptstein. Die Testikel sind ihm das Symbol für Kameradschaft, denn sie sind immer zu zweit. "Der Hodensack ist unser Gral, der ideale Samen unser Ziel." Bis hin zu den sogenannten "Hodenfilmen" hat Fioretos den schrägen sexuellen Diskurs der Zwanziger auch in den präfaschistischen Varianten rekonstruiert. Weniger Mühe hat er allerdings auf den Schauplatz Berlin verwendet. Es gibt mäßig originelle phallische Assoziationen (der ragende Funkturm), und überhaupt ähnele die Topographie der Stadt einem Hodensack. Aber was ähnelt, so gesehen, eigentlich nicht einem Hodensack? Ansonsten begnügt sich Fioretos mit ein paar Kulissenwänden. Zeitkolorit wird durch einige atmosphärische Stichworte vermittelt. Wie in vielen neueren Berlin-Romanen dient die Stadt vor allem als Projektionsfläche und hat wenig mit der brodelnden Lebenswelt zu tun, die Döblin einst beschrieb.
Der Roman handelt auf fast jeder Seite vom Sex und bleibt dabei doch eigenartig dezent. Das Archiv für Sexualforschung öffnet seine Pforten, dem Leser präsentieren sich Fetische, pneumatische Vulven und andere Lustmaschinen. Sehr schön das alles und noch schöner, wenn Knisch eine ergiebige Reflexion über jene fünf Zentimeter liefert, die den Unterschied zwischen den Geschlechtern ausmachen: nämlich die Schuhabsätze, die den Schwerpunkt verschieben und dadurch den ganzen Körper der Frau umformen, vom Wadenmuskel bis zur Schulterhaltung. Es gibt glänzende Szenen der Maskerade, wenn Sascha als Dame lernt, wie man sich in einem Rock bewegt.
Zunehmend vermißt man jedoch das, was literarische Werke zum Thema Sex einmal so aufregend machte. "Die Wahrheit über Sascha Knisch" ist ein historischer Roman aus der Pionierzeit der Sexualität, als das Brechen von Tabus noch etwas Avantgardistisches hatte. Inzwischen aber hat sich längst ein kulturwissenschaftlicher Blick eingestellt, der die Spielarten der Pornographie mit der gleichen entspannten Neugier mustert wie die Kulturgeschichte des Staubsaugers. Er bestimmt die Schreibweise des Romans. In einem prüden Text von Stifter ist mehr Sog ins Abgründige als hier, wo jede Vorhautfalte ausgeleuchtet und eine Erektion über eine ganze Seite mit allerdings biedermeierlicher Innigkeit beschrieben wird.
"O dunkler Trieb, nichts hast du mir verwehrt / selbst drei Jahre im Zuchthaus mir verehrt". Sooft dieser Songtext auch zitiert wird, sosehr Knisch versichert, er habe mit Dora "sagenhafte Schändlichkeiten" getrieben, der Trieb will einem partout nicht "dunkel" vorkommen. Darin besteht der Unterschied zu Nabokov, den Fioretos ins Schwedische übersetzt und an dessen Beschreibungskunst er seinen Stil geschult hat. Der Titel spielt auf "Das wahre Leben des Sebastian Knight" an, von dem Sascha Knisch die Initialen hat. Aber die Mischung aus zarter Obsession und Aggression, aus Poesie und Polemik, wie sie die Beichten von Nabokovs Ästheten auf Abwegen auszeichnet, liegt fern. Statt dessen werden die Wahrheiten der Gendertheorie eingeschärft: "Letzten Endes hat das Geschlecht eines Menschen nur wenig mit seinen Genitalien zu tun. Die Wahrheit muß nicht nackt sein." Nein, man kann ihr auch ein Schleifchen umbinden.
Geschlecht ist Konstruktion, und Roman ist auch Konstruktion. Aber in dieser Hinsicht hat Fioretos dann doch zuviel des Guten getan. Die labyrinthische Handlung wirkt vor allem im letzten Drittel blaß und ausgedacht. Wenig überzeugt der Bericht über Doras uneheliches Kind, das zudem die Frucht eines Inzests mit dem Bruder war. Bald ist dem Leser, als ob sich hinter allen erzählerischen Kniffen und aller diskursiven Versiertheit eine alte, sentimentale Geschichte verberge. Wir erfahren: Auch die Hure ist nicht bloß eine schöne Benutzeroberfläche, sondern ein Mensch mit Innenleben und knurrendem Magen.
Bei allen Vorzügen des Buches - das Gewand des Kriminalromans erscheint dem Stoff zunehmend aufgezwungen. Es gehört zum Krimi, den Leser auf falsche Fährten zu schicken. Aber dann muß man ihn an der übernächsten Ecke auch wieder abholen. Hier jedoch ermüdet über dem spekulativen Variantenreichtum das Interesse, und es ist fast erloschen, wenn in einem letzten postmodernen Hakenschlagen noch angedeutet wird, daß in Zimmer 202 vielleicht überhaupt kein Mord geschah.
In der Nachschrift werden die freizügigen zwanziger Jahre ironisch verabschiedet. Der Gegenspieler von Manetti, der mit den Nazis sympathisierende Kommissar Wickert, behält das letzte Wort und darf sich - auf den Mai 1933 zurückblickend - über die "gelungene Räumung des Instituts für Sexualforschung" freuen. Und darüber, daß der liberalen "Sittenlosigkeit" der Kampf angesagt ist. Er spricht dem Roman, den der Leser gerade gelesen hat und der sich etwas unvermittelt als Knischs Rechtfertigungsschrift für Manetti herausstellt, das Urteil: "Widernatürliche Literatur dieser Art muß verboten werden. Und im Anschluß dem gleichen Schicksal überantwortet werden wie Froehlichs Bibliothek im letzten Jahr." Daß ein Autor des Jahres 2003 sein Werk am Ende augenzwinkernd zur Bücherverbrennung vorschlägt, ist gewiß ein kühner Effekt. Oder bloß Kühnheit als Effekt? Aris Fioretos ist ein außerordentlich begabter Autor, und nach Lektüre dieses Romans kann man sich vorstellen, daß er noch bessere schreiben wird.
WOLFGANG SCHNEIDER
Aris Fioretos: "Die Wahrheit über Sascha Knisch". Roman. Aus dem Schwedischen übersetzt von Paul Berf. Dumont Buchverlag, Köln 2003. 351 S., geb., 22,90 [Euro].
Buchtitel: Die Wahrheit über Sascha Knisch
Buchautor: Fioretos, Aris
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2003, Nr. 167 / Seite 32
