Rezension: Belletristik

Das Fieber und die Lanze

30. Oktober 2002 MADRID, 29. Oktober

In Deutschland hält man den 1951 geborenen Javier Marías für einen Bestsellerautor, weil deutschsprachige Leser ihn dazu gemacht haben. Der inneren Wahrheit seines Werks entspricht es aber eher, von einer gewissen Ernüchterung des Massenpublikums zu sprechen. Auf den gigantischen Erfolg des Romans "Mein Herz so weiß" (spanisch 1992) folgte der mit Preisen überschüttete, doch im Handel weniger erfolgreiche Roman "Morgen in der Schlacht denk an mich" (1994). Und auf diesen das halb fiktionale, halb autobiographische Buch "Schwarzer Rücken der Zeit" (1998), das manche Kritiker verärgert, andere in Verzückung versetzt, in jedem Fall aber die Konsumenten von Bahnhofsliteratur in Verwirrung gestürzt hat, und sei es nur, weil kein Etikett auf dem Ding haftenblieb. Jetzt, abermals vier Jahre später, hat der bedeutendste spanische Erzähler der Gegenwart einen neuen Roman herausgebracht, "Tu rostro mañana" (Dein Gesicht morgen). Der 470 Seiten starke, bei Alfaguara erschienene Band liefert allerdings nur den ersten Teil. Auf "Fieber und Lanze" - so der Untertitel - soll irgendwann eine Fortsetzung folgen.

Für das ungewöhnliche Verfahren bat Marías bei der Präsentation des Buches um Entschuldigung. Beides - den Leser im ungewissen zu lassen und ihn mit einem überfetteten Buch einzuschüchtern - sei unhöflich. Da er tausend Seiten heute nicht mehr für vertretbar halte, habe er sich für die zweite Unhöflichkeit entschieden. Allerdings, den ersten Reaktionen nach wird der halbierte Marías den Erfolg nicht gefährden. Einmütig hat die spanische Kritik "Tu rostro mañana" in den ersten drei Tagen nach Erscheinen in den Himmel gehoben. "El País" spricht von einem "Genuß". Die katalanische Zeitung "La Vanguardia" sieht in dem "brillanten Roman" den "besten Marías" am Werk, "einen unserer wenigen unanfechtbaren Schriftsteller". Und "ABC", ein dem Autor nicht gerade nahestehendes Blatt, findet für die romanhaft-essayistische Schreibweise, den "discurso total", dieses Romans in der spanischen Literatur keinen Vergleich: Marías sei gegenwärtig einer der großen Schriftsteller Europas.

Das Überraschende an diesen Äußerungen ist weniger das Urteil selbst als der Umstand, daß die Marías-Feinde vorläufig in Deckung gegangen sind. Es scheint, als hätte das Buch ihnen die Lust an der persönlichen Attacke genommen, die sich in Spanien gern als Literaturkritik tarnt. Dabei hat Javier Marías nichts getan, um dem gewohnten Tadel aus dem Weg zu gehen. Sein neuer Roman knüpft durch den Schauplatz Oxford nicht nur an den Roman "Alle Seelen" von 1989 an und erzählt, was aus dem Personal des damaligen Buches ein gutes Dutzend Jahre darauf geworden ist. "Tu rostro mañana" macht sich auch der schlimmen Provokation schuldig, die Neigung des Autors zur englischen Sprach- und Geschichtswelt in keiner Weise zu verhehlen. Es hat schon Madrider Schriftstellerkollegen gegeben, die Marías' Anglophilie als "unspanisch" gegeißelt und dafür plädiert haben, den unpatriotischen Gesellen aus der wärmenden Herde auszustoßen.

Jacques (oder Jacobo oder Jaime) Deza, vormals Lektor für spanische Literatur in Oxford, ist inzwischen Übersetzer und nach einer gescheiterten Ehe nach England zurückgekehrt, wo er bei dem mysteriösen Mr. Tupra als "Lebenserzähler" anheuert: Deza soll bei politischen Verhören die geheimen Motive des Verhörten aufspüren und hinter Taktik oder Ausflucht die Wahrheit finden. Oxford, die Universität, die beiden englischen Jahre haben sich erkennbar in einen Steinbruch verwandelt, aus dem Javier Marías in autobiographischen Verwandlungen immer neues Material für seine Fiktionen gewinnt; regelmäßig begegnet man in seinem Werk professionellen Vermittlern wie Sängern, Dolmetschern, Übersetzern oder Ghostwritern. Das Muster könnte zum Privatvergnügen werden, wenn sein Schreiben nicht diese Klasse erreichte und nicht immer weniger auf das angewiesen wäre, was man in herkömmlichen Romanen "Handlung" nennt. Dem Autor reicht ein vergleichbar schlichtes Arrangement - eine Dinnerparty im Haus des über achtzigjährigen Hispanisten Sir Peter Wheeler, Abend, Nacht und Morgen -, um einen Echoraum von Geschichten, Motiven und magisch wiederkehrenden Begriffen zu schaffen.

Marías beginnt seinen neuen Roman behutsam, und was die ersten Sätze sagen, klingt wie Warnung, melancholische Einsicht oder böses Omen: daß man niemandem etwas von sich selbst erzählen solle, nichts weitergeben, nichts anvertrauen, auf niemanden setzen, weil von zwölf Menschen, denen man etwas preisgebe, zehn das Vertrauen mißbrauchten und Verrat begingen. Daß Reden Verrat sei und Schweigen die Rettung, diese Motive bestimmen die Handlung der beiden großen Teile "Fieber" und "Lanze".

Zwei Themen bilden den geschichtsgesättigten Hintergrund: hier der Spanische Bürgerkrieg, dort die englische Spionage, die unter jungen Universitätsintellektuellen ihren Nachwuchs rekrutierte. Dabei sind dem Autor die literarischen Vorläufer, von George Orwell bis Ian Fleming, nicht nur bewußt, ihre Werke stehen bei Sir Peter Wheeler in der Bibliothek und treiben den Erzähler nachts durch die Flure. Denn Marías' Roman ist auch eine Auseinandersetzung mit Berichten, Legenden, Propaganda und Lüge, dem klebrigen Rest, der von der Geschichte, wenn sie nur lange genug vergangen ist, übrigbleibt. Ganz nebenbei liefert "Tu rostro mañana" einen klugen Kommentar zu der gegenwärtigen Neigung spanischer Schriftsteller, den Bürgerkrieg als Requisitenkammer für Bestsellerliteratur zu mißbrauchen.

Eine der ergreifendsten Episoden des Buches ist das Gespräch des Erzählers mit seinem Vater, hinter dem der hochbetagte Philosoph Julián Marías sichtbar wird. Der Vater des Schriftstellers wurde im Spanischen Bürgerkrieg von seinem besten Freund denunziert, doch durch den persönlichen Mut eines vom Franco-Regime bestellten "Belastungszeugen" vor dem Erschießungstod gerettet. Es geht in diesem exemplarischen Fall um Rache, Vergeltung und das Weiterleben nach einem Betrug, der die Existenz untergraben müßte - oder um Ignorieren, Vergessen und eine Zukunft, die sich vom Verrat nicht besudeln lassen will. So wie der zehnte Roman des Autors hier zu großer Einfachheit findet und dem moralischen Ernst des Themas gerecht wird, so sprühen an anderer Stelle die Funken der Gesellschaftskomödie.

Der gern als "Marías-Sound" bezeichnete Beschwörungston entfaltet seine Wirkung nur deshalb, weil dahinter ein ästhetisches Kalkül steckt, das ein Höchstmaß an gedanklichen Verknüpfungen sucht. Anders gesagt: Marías schafft sich eine eigene Form des Bewußtseinsromans, bei dem es egal ist, ob seine Figuren gerade essen, rauchen, träumen oder tanzen. Der Schauplatz des Buches ist ihr Kopf. Sachlichkeit und Sinnlichkeit, Explikation und Anrufung, theoretische Exkurse und rauschhafte Beschreibungskunst: Daß alles in dieses Schreiben hineinpaßt, macht seinen Rang und seine Meisterschaft aus.

PAUL INGENDAAY



Buchtitel: Tu rostro mañana
Buchautor: Marías, Javier

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2002, Nr. 252 / Seite 39

 
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