Pirandello mafioso

Zwei Detektive suchen eine Figur: Rafael Reigs postmoderner Krimi

02. Dezember 2003 Die Szenerie ist wohlvertraut: Ein Privatdetektiv sitzt in seinem nicht gerade luxuriösen Büro, die Whiskeyflasche immer griffbereit, und empfängt zweifelhafte Klienten. Der erste vermißt seine Tochter, der zweite will seine mutmaßlich untreue Ehefrau überwachen lassen. So kennt man es aus Detektivromanen der Marke "hard boiled". Der dritte Klient jedoch hat für Carlos Clot, den Helden und Ich-Erzähler von Rafael Reigs Roman "Überall Blut", eine Aufgabe, vor der weder Sam Spade noch Philip Marlowe je standen: Luis María Peñuelas möchte nämlich, daß Clot für ihn eine entlaufene Figur aus seinem gerade in Arbeit befindlichen Romanmanuskript mit dem Titel "Überall Blut" wiederfindet.

Für Clot ist dieses Ansinnen keineswegs ungewohnt: Die Detektei, die er mit seinem Partner Dixie Dickens-Lozano betreibt, übernimmt häufig solche Fälle, wobei "Dix sich als Pirandellianer um die Figuren auf der Suche nach ihrem Autor kümmerte, und ich, eher Unamunianer, um das Gegenteil: um die Autoren, die hinter ihren Figuren her waren (und sie manchmal bis aufs Blut quälten)". Peñuelas ist allerdings nicht gerade ein Miguel de Unamuno, sondern verfaßt unter dem Namen Phil Sparks Wildwestromane, deren Figuren nach Ansicht der Literaturkritiker keinerlei Eigenleben besitzen. Das erweist sich jedoch als Vorurteil.

Man sieht schon: Ganz so vertraut sind die Umstände, in die der spanische Autor seine Figuren stellt, dann doch nicht. Das gilt auch für den Ort der Handlung, Madrid. Hier fahren nämlich keine Autos mehr, sondern nur noch die Metro, Fahrräder und Schiffe. Letztere verkehren auf der ehemaligen Hauptstraße Castellana, die nunmehr Teil eines großen Kanals durch Spanien ist. Der Grund für diese Veränderungen liegt darin, daß die Ölreserven erschöpft sind. Zuvor schon sind die Amerikaner in Spanien einmarschiert - als Reaktion auf den Wahlsieg der Kommunistischen Partei - und haben Englisch zur Pflichtsprache gemacht. Madrid wird überragt vom höchsten Gebäude Europas, von dem Sitz der Firma "Chopeitia Genomics", in deren mysteriöse Machenschaften auch der (real existierende) "Telefónica"-Konzern verwickelt ist.

Zu diesem Komplex führen auch die Spuren aller Fälle, die Clot zu bearbeiten hat. Da dieser, Anfang Vierzig, noch Kindheitserinnerungen an die Übertragung der Mondlandung hat, ist das Szenario des Romans wohl nicht in der Zukunft angesiedelt, sondern in einer verfremdeten Gegenwart. Manchmal träumt Clot von einer "Parallelwelt", wo "weder das Öl ausgegangen noch der genetische Code entziffert worden war", stellt sich "ein anderes Leben, mit Autos und einer konstitutionellen Monarchie, ohne Genmanipulationen" vor.

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Überall Blut
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Wenn hier auch Elemente des Zeitgeists, wie alteuropäischer Antiamerikanismus und Globalisierungsgegnerschaft, eingeflossen sind, so erweisen sich doch die politischen Aspekte als nicht allzu gewichtig für den Roman mit seiner Grundhaltung durchgehender, letztlich unverbindlich bleibender Ironie. Es geht mehr um die Kulisse. Und wenn sich einmal, wie beim Thema Gentechnologie, etwas Ernsthaftigkeit einzuschleichen scheint, so wartet die Handlung prompt mit einer besonders grotesken Kapriole auf. Das geschieht indes mit so viel Witz, daß man es sich gern gefallen läßt. Für den Unterhaltungswert sorgt nicht zuletzt die eigenwillige Art, mit der Clot die Geschehnisse betrachtet und kommentiert. Im Stil Raymond Chandlers - und diesen zugleich parodierend - läßt Reig seinen Detektiv dabei gelegentlich zu gewagten Vergleichen greifen: "Wenn sie sich vorbeugte, um Eiswürfel in die Gläser zu geben, wurden ihre Brüste größer, wie Wellen, die gegen den Sand meiner Herzuhr schlugen." Leitmotivisch stellt Clot immer wieder die rhetorische Frage: "Was soll ich sagen?"

Was soll man sagen zu so einem Genremix aus Detektivroman, Science-fiction, Politthriller und Literaturbetriebssatire, zu einer solchen Kombination von hartgesottenem Realismus und überbordender Phantastik, zu einem Geflecht von Bezügen auf Werke der sogenannten Hochliteratur und zugleich auf die Mythen der Popularkultur? Man sagt dazu wohl: Postmoderner Roman. Nun ist ja die Postmoderne nach einer weitverbreiteten Ansicht bereits wieder vorbei, und so dient Reig auch ihr Habitus wiederum vor allem als parodistisches Spielmaterial und Futter für seine Verwurstungsmaschine.

Haben wir es gar schon mit einem frühen Zeugnis der Postpostmoderne zu tun? Überlassen wir derlei Kategorisierungen lieber künftigen Literaturhistorikern. Für hier und heute genügt die Feststellung: "Überall Blut" ist eine intelligent geschriebene und unterhaltsam zu lesende literarische Kuriosität, die man freilich nicht ernster nehmen sollte, als sie sich selbst nimmt.

HARDY REICH

Rafael Reig: "Überall Blut". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Susanna Mende. Verlag Rogner & Bernhard, Hamburg 2003. 221 S., geb., 14,90 [Euro].

Buchtitel: Überall Blut
Buchautor: Reig, Rafael

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.12.2003, Nr. 280 / Seite 34

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