Rezension: Belletristik

Ein Musenroß geht durch

08. Februar 1999 Weder Jim Knopf noch Momo, noch Bastian Balthasar Bux und die "Unendliche Geschichte" wollen wir missen, jene Sehnsuchtsbilder einer anderen Welt. Der 1995 verstorbene Michael Ende war ein Phantasiearbeiter, der sein Handwerk verstand. Man erkennt das auch an dem, was er ausgeschieden hat und was Roman Hocke nun aus dem Nachlaß vorstellt. Es sind vor allem verunglückte Sachen: unreife Frühschriften, Anfangsideen ohne Schlüsse, Dubletten und Reprisen. Geschickte Verleger winden ihren Erfolgsautoren heute schon zu Lebzeiten alles Druckbare aus den Händen. Da entstehen keine bedeutenden Nachlässe.

Das eine oder andere Stück ist dennoch lohnend. Eine Kürzestgeschichte zum Beispiel wäre ausgeführt sicher lustig geworden: "Ein Kind muß das Bett hüten. Aber das Bett ist schwer zu hüten, es will immer davonlaufen." An "Momo" und die grauen Herren erinnert die Geschichte der kleinen Wuschel, die einer ertrinkenden Fliege das Leben rettet, von dieser zum Dank das Geheimnis erfährt, wie man an der Zimmerdecke geht, und viel Gutes tut mit dieser Gabe, bis am Ende schwarze Herren mit eisernen Hüten kommen, die ihr jenes Geheimnis abpressen wollen, um damit die Welt zu erobern. Krasser geht es zu in dem fernöstlichen Hörspiel "Die Päonienlaterne", wo die Liebe so viel stärker ist als der Tod, daß einer in süßem Wahn eine Vermodernde umarmt. Auch die Titelgeschichte "Der Niemandsgarten" reitet das Musenroß aus Phantásien in schönen Gangarten vor. Sie wurde nicht beendet, weil ihr Ideenvorrat größtenteils in die "Unendliche Geschichte" einging.

Dem Herausgeber, er war einst Michael Endes Lektor, steht die Bewunderung im Wege. Er ist die Stimme seines Herrn. Die Sammlung will ein Werkstatteinblick sein, ist aber als solcher unergiebig. Der Kommentar ist gläubig, aber mager. Er verlängert die Ende-Legende vom Dichter, der nur geduldig warten muß, bis die Einfälle kommen und seine Geschichte sich von selbst schreibt, anstatt uns über Quellen und Einflüsse, Methoden und Techniken, den Arbeitstag und das ihn begleitende Leben zu unterrichten. Man erfährt nichts Genaues über den Gesamtumfang des Nachlasses, nichts Greifbares über die zur Anwendung gebrachten Auswahlprinzipien. Die Anordnung der Texte soll musikalischen Kriterien verpflichtet sein, wirkt jedoch schlicht beliebig. Eine Zeittafel fehlt, mit ihr das Notdürftigste an werk- und lebensgeschichtlicher Orientierung.

Wie andere Autoren phantastischer Literatur ist Ende kein naiver Träumer gewesen, sondern ein formbewußter Manierist. Aber während große Kollegen wie Borges und Tolkien die Bibliotheken nicht verschweigen, mit denen sie arbeiten, will Ende, von seinem Jünger Hocke unterstützt, den Propheten mimen, dem Gott eingab, die grauen Herren zu geißeln. Dabei ist der Prediger der welterlösenden Phantasie nicht so weit entfernt von seinem gehaßten Gegenteil, wie er glaubt. Er lebt selber in einer Planquadrat-Welt. Er ist, wie alle großen fantasy-Autoren übrigens, ein Phantast mit System. Seine Bücher sind schlüssig bis ins letzte. Solche Stimmigkeit entsteht nicht durch den Einfall allein, sondern kommt nur durch bewußte Kunstarbeit zustande. Statt uns Einsicht in diese zu öffnen, arbeitet dieser Nachlaßband mit der Nebelkanone.

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Der Niemandsgarten
von Ende, Michael
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Michael Ende wollte der verwalteten Zeit-ist-Geld-Welt einen gegenbildlichen Spiegel vorhalten und bleibt dabei doch in ihrem Bann. Der unerbittlichen Ökonomisierung stellt er ein nicht minder unerbittliches Phantasiediktat entgegen. Jedes Motiv unterwirft er dem Systemzwang seines Zauberbergs. Er ist ein klug konstruierender Ökonom der Inspiration. Seine trainierte Einbildungskraft holt aus jedem Phantasie-Paradigma immer das äußerste heraus. Sein Verstand sagt ihm, daß er nur das in der Wirklichkeit Geltende umdrehen muß, um seine Gegenwelt zu erzeugen. Im Reich des Meisters Hora muß man langsam gehen, wenn man es eilig hat. Der liebenswürdige Herr Tur Tur ist ein Scheinriese, der in der Ferne größer erscheint, nicht kleiner wie alle anderen Menschen. Auf diese Weise erzeugt man nicht Mythen, sondern Allegorien.

Inkonsequent wie alle Romantiker, sofern sie sich nicht umbringen, hat auch Michael Ende hauptsächlich die Gegenteilssehnsüchte einer poetischen Toskanafraktion entworfen, die von dem lebt, was sie zu bekämpfen vorgibt. Reiche träumen von der Armut, Komplizierte von der Einfalt, Ungläubige von der Religion, Asphaltliteraten vom Landleben, Zentralbeheizte vom Lagerfeuer, Kalendergepeinigte von der mystischen Zeitlosigkeit. Das alles bleibt Innerlichkeit, auf die sich nichts Haltbares gründen läßt.

Ein großer Denker war Ende nicht, aber doch jedenfalls ein sympathischer Menschenfreund. Er wollte sich nicht eitel in den Vordergrund schieben, sondern der Menschheit bei der Erlösung aus einem Irrweg helfen. Seine Grundidee war letzten Endes religiös. Die Welt der Mythen faszinierte ihn als der menschlichen Hybris entzogene. Er will die Menschen demütig. Sie zerstören, wenn sie zu schaffen glauben. Sie können nicht so viel, wie sie meinen, und sollten deshalb bescheiden sein. Gott kann man nur glauben, nicht wissen: "Könnte man die Existenz Gottes beweisen, dann gäbe es ihn nicht." HERMANN KURZKE

Michael Ende: "Der Niemandsgarten". Aus dem Nachlaß ausgewählt und herausgegeben von Roman Hocke. Weitbrecht Verlag, Stuttgart/Wien/Bern 1998. 332 S., geb., 39,80 DM.

Der Niemandsgarten



Buchtitel: Der Niemandsgarten
Buchautor: Ende, Michael

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.1999, Nr. 32 / Seite 46

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