15. März 2006 Wie soll man mit Muslimen umgehen? "Wer mit ihnen erfolgreich verhandeln will, muß, erstens, ehrenhaft und wahrhaftig sein. Zweitens muß er mit ihren Sitten und Gebräuchen vertraut und zumindest diesen gegenüber aufgeschlossen sein, wenn nicht gar gegenüber den Gesetzen und der Religion des Islam." Diesen Rat gab Richard Francis Burton in der Einleitung zu seiner berühmten Übertragung von "Tausendundeiner Nacht" (1885 bis 1888). Den ersten Teil seiner gerade in unseren Tagen immer noch (oder wieder?) kühn und provokativ klingenden Ermahnung hat der berühmte Orientalist, Diplomat und Entdecker selbst allerdings kaum erfüllt, den zweiten dafür um so mehr.
Man könnte sogar sagen, daß die beiden Ratschläge sich im Leben Burtons gegenseitig im Weg gestanden, ja sogar ausgeschlossen haben: Denn wer wie er in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts als Ungläubiger die Hadsch, die für Muslime vorgeschriebene Pilgerfahrt nach Mekka und Medina, unternahm, der konnte gar nicht bei der Wahrheit bleiben: Beschnitten und als Muslim verkleidet, unternahm der polyglotte Burton diese Reise, deren Schilderung ihn zur lebenden Legende machte. Wer das Fremde wirklich im Innersten kennenlernen will, der muß ihm täuschend ähnlich werden: Verstellung ist die Erkenntnismethode; Wahrhaftigkeit bedeutete Todesgefahr.
Das selbst wie ein Roman, wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht erscheinende Leben Richard F. Burtons (1821 bis 1890) ist als literarischer Stoff ebenso reizvoll wie tückisch: Schon als junger Mann mischte er als britischer Agent in Persien mit, spionierte in Indien, reiste als arabischer Kaufmann durch Somalia und als afghanischer Arzt durch Arabien, beteiligte sich an der hitzigen Suche nach den Nilquellen und erreichte immerhin als erster Europäer den Tanganjikasee, bereiste Amerika und verfertigte in späten Jahren maßgebliche Übersetzungen und Kommentare zu "Tausendundeiner Nacht" und dem Kamasutra, beherrschte fast dreißig Sprachen, darunter Arabisch, Farsi, Kisuaheli und mehrere indische Idiome: Reizvoll, aber tückisch deswegen, weil es dort, wo im Grunde nichts mehr dazuerfunden werden müßte, darauf ankommt, sich vom Material zu emanzipieren. So wird ein Roman über Burton zur Nagelprobe dessen, was Fiktion überhaupt leisten kann, was die Literatur dem Leben selbst voraushat.
Ilija Trojanow, um es gleich zu sagen, besteht diese Probe. Und er besteht sie glänzend. Von Beginn an findet er einen Ton, der den Leser hineinzieht in ein sinnliches und gedankliches Abenteuer, auf eine Reise ins Unbekannte: "Nach Monaten auf See, zufälligen Bekanntschaften ausgesetzt, Gerede ohne Maß, bei Wellengang die Lektüre rationiert, Tauschgeschäfte mit den Dienern aus Hindustan: Portwein gegen Wortschatz, aste aste im Kalmengürtel, was für ein Kater!, khatarnak und khabardar im Sturm vor dem Kap, die Wellen schlugen an in steiler Formation, kein Passagier hielt sein Abendessen in dieser Schieflage, manches war schwer auszusprechen, die Tage wurden zunehmend fremder, jeder redete mit sich selbst, so trieben sie dahin über den indischen Teich." So beschreibt Trojanow im ersten Teil des Buchs die Ankunft Burtons in Indien - und macht danach bis in die Gerüche und Geräusche, in das Getümmel und Getöse der Märkte, das Getuschel und Geraschel der Freudenhäuser die Fremdheit der neuzuentdeckenden Schauplätze und Figuren sinnlich wahrnehmbar - der an der literarischen Reportage geschulte Trojanow ist hier in seinem Element (ein Glossar übersetzt die zahlreichen Ausdrücke aus den Originalsprachen, die wenigstens einen schwachen Eindruck vom Sprachgewirr geben sollen).
Trojanow hat sich auf drei Lebensstationen Burtons konzentriert, für die er jeweils eine eigene erzählerische Form wählt und die er durch einen Prolog und einen Epilog über Burtons Ende in Triest einrahmt. Der erste, im Gujarat und dann im unwirtlichen, muslimisch geprägten Sindh (dem heutigen Pakistan) spielende Teil erzählt von einer doppelten Initiation: Während Burton bei dem hochgebildeten Upanitsche nicht nur Hindustani, sondern die ganze Weisheit der indischen Kultur kennenlernt, diktiert Burtons damaliger, einheimischer Diener Naukaram rückblickend seine Erinnerungen einem käuflichen Schreiber, der für ihn eine Bewerbung an englische Offiziere verfassen soll. Dieser Ghostwriter, der immer weitere Details über Naukarams merkwürdigen Herrn wissen will, die kargen Beschreibungen und leeren Stellen ausschmückt und dramatisiert und scheinbar nie an ein Ende kommt, wird zum alter ego des Autors, zum Verfasser eines Romans im Roman: Das Imperium schreibt zurück.
Diese anfangs etwas irritierende Umkehrung der Perspektive erweist sich als erzählerischer Glücksgriff. Denn so hat Trojanow nicht nur die Lizenz zum Fabulieren, zum Spinnen einer großen Rolle Erzählfaden rund um die beglaubigten biographischen Fakten. Indem Trojanow sich die Sicht der Inder (und später der Türken und Araber und Afrikaner) zu eigen macht, wird Burton ihm zum Fremden - und damit mehr als die andere, unbekannte Kultur zum eigentlichen Faszinosum, zum Rätsel des Romans. Diese Verkehrung der Rollen bleibt daher keine abstrakte Botschaft der Völkerverständigung, sondern wird zur konkreten Erfahrung, die der Leser macht - und mit der Hauptfigur teilt. Denn Burtons besessenes Studium wird mehr und mehr zum Selbstzweck. Zwar dient er bis zuletzt als Spion seiner Majestät, doch endet sein Dienst in Indien, als er sich weigert, seine Informanten in einer heiklen Angelegenheit - es geht um homosexuelle Ausschweifungen britischer Offiziere - preiszugeben: Er habe "auf meinen Bart und auf den Koran geschworen". Aus dem going native führt kein Weg mehr zurück. Aus Burtons Tarnung ist eine Doppelexistenz geworden.
Die wissenschaftliche Ethnographie hat sich vielfach darüber den Kopf zerbrochen, wie weit die "teilnehmende Beobachtung" des Fremden gehen kann, wieviel Distanz zum Forschungsgegenstand nötig, aber auch wieviel überhaupt möglich ist. In "Masse und Macht" hat auch Elias Canetti an zentraler Stelle über das Verhältnis von Maske und Verwandlung nachgedacht: Der Träger einer Maske bleibe nie er selbst: Er verwandele sich, er werde, zumindest zeitweise, zum Anderen. Es wäre interessant zu verfolgen, wieviel der ja wie Canetti in Bulgarien geborene Trojanow davon bewußt verarbeitet hat.
Burton erscheint als das, was die Fachleute einen Trickster nennen, eine unendlich wandelbare Proteus-Gestalt. In Arabien, auf der dramatisch geschilderten Pilgerfahrt an die Heiligen Stätten, hat sich diese Wandlungsfähigkeit bereits perfektioniert. Hier sind es die osmanischen Behörden, die, in Unruhe versetzt durch das Erscheinen seines Reiseberichts, nachträglich den näheren Umständen nachgehen. Doch ihre Verhöre der muslimischen Mitreisenden stoßen ins Leere: Alle haben in Burton jemand anderen, niemand aber den Ungläubigen erkannt.
Schließlich, im dritten Teil, wird die Geschichte der Burton-Speke-Expedition in Ostafrika erzählt, die um ein Haar tödlich geendet wäre. Hier verschränkt Trojanow die Sicht des von Fieberschüben geplagten Burton mit den mündlichen Erzählungen des ehemaligen Sklaven Sidi Mubarak Bombay, der ihm als Führer und Übersetzer diente. In den Betrachtungen des schwarzen Muslims, der einst nach Indien verschleppt worden war (daher der Name), gelingt es Trojanow, alle Perspektiven zu vereinen - und so die Komplexität noch einmal zu steigern, ohne dafür die Anschaulichkeit aufzugeben.
Denn dieser Sidi schärft nicht nur noch einmal Burtons Charakterprofil, in dem er ihn vom jagdverrückten, schießwütigen, egozentrischen und für alles Fremde unsensiblen Gefährten Speke absetzt (der allerdings, so die bittere Pointe, tatsächlich bis zum Victoriasee vordringen und die Nilquellen finden soll). Sidi ist auch selbst eine Gegenfigur, weil er als ein seiner Heimat gewaltsam entfremdeter Sklave auf der Reise ebenfalls einen Identitätswandel erfährt. Was für die wazungu, die Europäer, Neuland ist, ist ihm Heimatboden. Afrikanisches und westliches Denken werden eindringlich gegenübergestellt: Wo dort Rückkehr ist, ist hier Aufbruch zu neuen Ufern, wo dort die Vergangenheit demütig geachtet wird, ist hier ein gieriger Blick auf Zukunft und Veränderung gerichtet.
Doch solche Oppositionen, die man in anderem Kontext leicht als verfälschendes "othering", als Andersmachen des Anderen brandmarken könnte, verfestigen sich bei Trojanow nie zu Stereotypen. Ganz nebenbei flicht er Weisheiten, Sprichwörter und Erfahrungen ein, die wieder verblüffende Nähe zum westlichen common sense aufweisen. Bei aller Verwandlung: Dem gesunden Menschenverstand des Afrikaners ist ein Burton genauso rätselhaft und unheimlich wie seinen viktorianischen Zeitgenossen, denen der erfahrungshungrige, vor allem im Erotischen vorurteilslose Entdecker ein Dorn im Auge war.
Eine der wunderbarsten Geschichten in diesem an Binnengeschichten so orientalisch überreichen Buch ist die Liebesgeschichte zwischen Sidi und seiner Frau, die dieser während der Expedition kennenlernt und ihrer Familie abkauft - ein ewig frotzelndes, zeterndes, streitendes Paar, deren Verständnis füreinander dennoch offenbar blind ist. Auch das ein Gegenbild: Burtons streng katholische Frau verbrannte nicht nur nach seinem Tod aus Furcht vor einer mißgünstigen Nachwelt sämtliche Manuskripte, Tagebücher und Aufzeichnungen, sondern ließ ihm auch die letzte Ölung erteilen - und ihn damit in die Welt des Christentums heimholen. Der junge italienische Priester, der das Sakrament zu spenden hat, versucht in Prolog und Epilog seinerseits Gewißheit darüber zu erlangen, wie er's denn jetzt mit der Religion gehalten habe - wie schon zuvor die arabischen Glaubenswächter. Doch vergebens, der Weltensammler ist in keiner seiner Masken zu greifen.
Nach seinem Debüt "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" von 1995 ist dies erst Trojanows zweiter Roman. Dazwischen veröffentlichte er Reiseberichte - aus Indien, Bulgarien, Arabien -, die nun wie Vorarbeiten, Fingerübungen, Anschauungsunterricht wirken. Die Gefahr einer Schreibtisch-Schriftstellerei, des Pendants zur erfahrungsarmen armchair ethnology seligen Angedenkens, bestand bei Trojanow nie. Er hat Burton mit allen Sinnen erforscht wie einen fremden, schönen Kontinent, und ihm sein Geheimnis doch belassen. Bei aller Identifikation des Weltenbummlers - so unser gängiges, harmloses Wort für den Neologismus des Titels - aber bleibt die Figur Burton ein Rätsel, eine Welt für sich, deren Karte immer wieder umschrieben werden muß, oder, wie Sidi Mubarak Bombay es formuliert: "Die Karten der Wazungu waren Märchenerzähler, und Bwana Speke und Bwana Burton wandelten ihre Märchen immer wieder etwas ab, wie es sich für gute Märchenerzähler gehört."
Ilija Trojanow: "Der Weltensammler". Roman. Carl Hanser Verlag, München 2006. 478 S., geb., 24,90 [Euro].
Buchtitel: Der Weltensammler
Buchautor: Trojanow, Ilija
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2006, Nr. 63 / Seite L3
