Von Andreas Kilb
20. September 2006 Auf die Frage, was ihn nach Berlin gebracht habe, gibt Imre Kertész in seiner gerade erschienenen Autobiographie Dossier K. zur Antwort: Krankheit. Depression. Gesundheit. Lebensfreude. Vor sechs Jahren hatte sich der ungarische Literaturnobelpreisträger von seiner zweiten Frau Magda überreden lassen, eine Arbeitswohnung in der deutschen Hauptstadt zu mieten. Wenig später erhielt er ein Stipendium für ein Studienjahr am Berliner Wissenschaftskolleg, und nach dessen Ablauf sind wir in der Stadt einfach hängengeblieben. Wer die Bücher von Kertész kennt, muß über den Überschwang staunen, mit dem der Autor über den Kurfürstendamm und seine mit ihrem Laub sich einander zuneigenden, mächtigen Platanen schreibt. Hier sitzt der Überlebende von Auschwitz und Buchenwald auf der Terrasse des Hotels Mondial oder des Cafés Kempinski in der milden Herbstsonne und wundert sich über das Abenteuer, das mein Leben war.
Als Imre Kertész am Montag abend im Berliner Wissenschaftskolleg aus Dossier K. las, hatte die Herbstsonne die Villa am Grunewald kräftig aufgeheizt. Vom Herbst der Autobiographien sprach Alexander Fest, der Chef des Rowohlt-Verlags, in seiner Einführung mit Blick auf aktuelle literarische Debatten, nahm seinen Autor aber zugleich gegen jede erinnerungspolitische Vereinnahmung in Schutz. Tatsächlich ist Dossier K. schon seiner Form nach ein Solitär. Statt eines erzählten Lebensrückblicks bietet das Buch eine ebenso kunstvolle wie unerbittliche Selbstbefragung, in der sich das autobiographische Ich als sein eigener wortgewandter Kritiker gegenübertritt.
Im Viehwaggon nach Auschwitz
Eine Ermittlung lautet der Untertitel des Bandes, der angeblich durch ein Interview angeregt wurde, das Kertész vor drei Jahren mit einem befreundeten Lektor geführt haben will. Das Buch sei eine regelrechte Autobiographie, aber eigentlich doch auch ein Roman, erklärt der Autor in seiner Vorbemerkung. Man geht wohl nicht fehl, wenn man in Dossier K. den vorläufigen Abschluß einer Reihe autobiographischer Fiktionen sieht, die Kertész vor gut dreißig Jahren mit seinem Roman eines Schicksallosen begonnen hat. Mit einem Selbstzitat (aus Fiasko) beginnt das Fragespiel des Buches, und mit einem Zitat endet es auch. Meine größte Freude auf dieser Erde war schließlich doch das Schreiben, die Sprache, sagt der Autor. Diese Freude, dieser Trost waren bei der Lesung in Berlin geradezu körperlich zu spüren, so daß es manchmal schien, als wäre Kertész mit seinen Worten und Sätzen ganz allein im Saal.
In diesem Herbst der Autobiographien zieht Imre Kertész mit Dossier K. eine einsame Bahn. Daß das Ich, von dem die Memoirenschreiber zehren, keine sichere Größe ist, hat er im Alter von fünfzehn Jahren erlebt, als er im Viehwaggon nach Auschwitz verfrachtet wurde. Sein Selbstverhör zieht die ästhetische Konsequenz dieser Erfahrung. Kertész trägt nicht den Anspruch vor sich her, eine moralische Instanz zu sein. Eben deshalb ist er es.
Text: F.A.Z., 20.09.2006, Nr. 219 / Seite 42
Bildmaterial: AP, ddp
