Refrain des Herzens, Ruf der Wildnis

Ein Meisterwerk psychologischer Realistik: Antal Szerbs Roman "Reise im Mondlicht", erstmals ins Deutsche übersetzt

29. November 2003 In der Musik gibt es Ohrwürmer, die uns tagelang verfolgen; die Sucht nach einem bestimmten Fetzen Musik ist schier unersättlich bis zu jenem Moment, in dem sich Überdruß einstellt und wir ernüchtert feststellen, daß es bloß eine banale Abfolge von Tönen war, die uns in ihren Bann geschlagen hatte. In der Literatur sind es Verse, die zu solch nachhaltigem Eigenleben erwachen, zum Beispiel folgender Vers "eines alten, verrückten englischen Dichters": "Tiger, tiger burning bright in the forests of the night." Was er bedeutet - wir wissen es so wenig wie die Männer und Frauen, denen er bei ihrer "Reise im Mondlicht" nicht aus dem Sinn geht. Der Vers von John Keats springt uns aber gerade deshalb an, weil er gar nichts Genaues meint: der Ruf einer Wildnis, deren Lockungen süßer, deren Gefahren grausamer sind als die ganze dunkelgrüne Dschungelwelt. "Tiger, tiger burning bright": ein Vers wie Fliegenpapier, an dem die Sehnsucht klebenbleibt. An ihm zieht der Ungar Antal Szerb uns in eine Seelenwelt, deren Tiefe und unterirdische Weite sich zu den vielen literarischen Befindlichkeitsschürfereien verhält wie das Bergwerk zu Falun zum Tagebau.

Die Fahrt in diese Tiefen beginnt Anfang der dreißiger Jahre ausgerechnet auf einer Hochzeitsreise. Mihály, Bohemien aus Budapest und Sohn aus wohlhabendem Hause, streunt eines Abends allein durch Venedig. Er gerät in ein Gewirr enger Gassen, durch die er fast die ganze Nacht wandert. Eine merkwürdige Bezauberung überkommt ihn, eine Art Ekstase, und er muß sich fragen, warum er das Gefühl hat, mit diesem abendlichen Irrgang heimgekehrt zu sein - obwohl er gerade in diesem Moment innerlich von seiner Frau fortgerissen wird. Ein Refrain des Herzens, der fast verstummt war, klingt plötzlich wieder laut und lauter und verläßt ihn bis zum Ende dieser éducation sentimentale nicht mehr.

Mit dieser nächtlichen Eskapade setzt auch die Kunst des großen Beleuchtungsmeisters Szerb ein: Die Augen des Lesers müssen sich erst an das Ineinander überscharfer Konturen und milchiger Undurchsichtigkeit gewöhnen, man sucht Halt in Erklärungen und erhält nach und nach ein grandioses Tableau von Erzählungen, in denen sich die Lebensatmosphäre einer Gruppe junger Leute spiegelt, die bei allen Unterschieden in Charakter und Temperament etwas gemeinsam haben: die Sehnsucht nach dem Absoluten, nach Verschmelzung, Erlösung. Diese Sehnsucht ist es, die Mihàly von seiner Frau Erzsi fortreißt, sowie die Erinnerung an die Jugendtage, als das inzestuöse Geschwisterpaar Eva und Tamás als Zeremonienmeister Spiele von Tod und Verlöschen anleitet, Opfer und Täter spielen. Jahre später wird Tamás sich umbringen, assistiert von seiner Schwester. Er wird der große Tote, er wird für die anderen derjenige, der mit dem fernen Licht seiner Sehnsucht eins geworden ist. Die anderen haben ihre Phantasien, er aber hat den Tod. Das klingt womöglich etwas nach Pubertätswirren. Szerb aber streift diese gerade nur soweit, daß man begreift, nach welchem Lebensgefühl diese jungen Menschen suchen. Mihàly wird auf dieser italienischen Reise, auf der er bald den richtigen Zug verpaßt und seine Frau bewußt verliert, an all diese Erwartungen eines großen Lebens, das nur die Erfüllung kennen will, auf Schritt und Tritt erinnert. Er hatte geglaubt, diese Welt der Schimären durch seine Heirat endgültig verlassen und Eva vergessen zu können; und nun findet er sich in einem Labyrinth wieder, das mit jedem Tag mehr Menschen in sich hineinzieht. So schreckt auch Mihàlys Frau erst im letzten Moment vor ihrer eigenen Nachtseite zurück, als sie einen reichen, schönen Perser nachts nicht in ihr Zimmer läßt, obwohl sie es sich eigentlich wünscht.

Sich von der Alltäglichkeit und ihren Zwängen zu befreien und das Leben durch Intensität zu exotisieren, ist nicht erst seit dem Sturm und Drang zentrales Thema von Literatur, Philosophie und Religion. Antal Szerb läßt Mihàly sagen: "Wie schrecklich, daß wir uns den herausragendsten Momenten und Zuständen unseres Lebens nur mit den banalsten Klischees nähern können."

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Reise im Mondlicht
von Szerb, Antal
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Der ungarische Dichter, der 1945 mit dreiundvierzig Jahren in einem Konzentrationslager ermordet wurde, dessen Werk in den letzten Jahren über die englische Rezeption wiederentdeckt worden ist, vermeidet all diese Klischees souverän. Mit seinem 1937 erschienenen Roman, der vor allem auf André Gide anspielt, gelingt ihm eine moderne, man möchte sagen: eine erwachsene Version solcher Sinn- und Sehnsuchtskonstellation, die nun in der kongenialen Übersetzung von Christina Viragh vorliegt. Der Roman hält sich von schierer jugendlicher Manie ebenso fern wie von Dostojewskis schmerzlichen Wonnen der Aussichtslosigkeit. Erwachsen wirkt diese Welt, weil sie eskapistische Ausflüchte nur momentweise zuläßt, um sie alsbald ad absurdum zu führen. Der Blick in Abgründe des Begehrens und der Selbstaufgabe aber war tief genug. Und am Ende? "Am Ende bleibt nichts anderes, als nach Hause zu gehen." Nur wer mit überirdischer Biederkeit gesegnet ist, wird dieses Meisterwerk psychologischer Realistik nicht mögen. Alle anderen aber werden sich auf dieser "Reise im Mondlicht" als Weggefährten fühlen.

Antal Szerb: "Reise im Mondlicht". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Christina Viragh. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003. 240 S., br., 14 [Euro].

Buchtitel: Reise im Mondlicht
Buchautor: Szerb, Antal

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2003, Nr. 278 / Seite 44

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