Wenn's kein Schnitter ist

Der Tod und der Dichter: Robert Gernhardts letztes Wort

22. Juli 2006 So sollen wir ihn also im Gedächtnis behalten, den Dichter: als Vorturner. Der letzte Gedichtband von Robert Gernhardt, mit dessen Einrichtung er in seinen letzten Tagen beschäftigt war, ist ein "Später Spagat". Ein typischer Gernhardt-Titel. Denkbar knapp und zugleich überdeutlich. Der Stabreim auf dem Buchdeckel führt schon einmal vor, was die Dichtung will: Prägnanz der Aussage durch Ökonomie der Mittel. Fällt die Ansage nicht etwas zu eindeutig aus? Wir haben verstanden: Hier spricht der Dichter! Aber was haben wir verstanden? Wo spricht der Dichter? Von oben herab. Er zeigt, was er kann. Das mag nicht sympathisch sein, doch der Dichter ist eben kein Künstler, der behauptet, er werfe immer die Leiter weg, wenn seine Arbeit fertig sei, und der vielleicht nur behauptet, daß er überhaupt irgendwo hinaufgestiegen ist.

Dem Gedicht sieht man sein Gemachtes an. Der Dichter will klare Verhältnisse herstellen, und darin liegt von vornherein ein Mißverhältnis zur Welt, die nun einmal in jeder Hinsicht unverhältnismäßig ist. Jedes Gedicht erzeugt daher einen komischen Eindruck. Machen wir uns nichts vor: Die Freude, mit der wir Gedichte lesen, ist zu einem wesentlichen Anteil Schadenfreude. Entweder bemerken wir im Kontrast zum unverbesserlichen Sprachkunstwerk alle Beschädigungen der Welt, oder der Schaden steckt im Gedicht, und der Dichter braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wie hoch schätzen Kenner die Quote wirklich gelungener Gedichte in einem ernsthaft rühmenswerten Gedichtband? Unter zehn Prozent. Ein Gedicht kommt mit dem Anspruch auf Perfektion daher. Man kann nie zu seiner Verteidigung sagen, na ja, dieser halbe Versfuß sei zufällig stehengeblieben, der habe weiter nichts zu bedeuten. Wo Vollkommenheit im Programm steht, ist das Publikum naturgemäß skeptisch - und insbesondere dann, wenn der Dichter nicht den hohen Ton anschlägt, sondern den Ton flach hält. Später Spagat: Na, wenn das mal gutgeht!

Das Bild, in das der Dichter seine Tätigkeit faßt, wirkt unpoetisch, prosaisch. Es ist nicht wirklich aus dem vollen Menschenleben gegriffen, sondern eine abgenutzte Metapher aus unserem sogenannten öffentlichen Diskurs. Auf jede Ballettschülerin, die tatsächlich noch von Fußspitze zu Fußspitze ein gestreckter Schwan wird, kommen hundert Röttgens und Klinsmanns, die den Spagat zustande bringen müssen zwischen CDU und BDI und Debbie und Jogi. Wortmaterial, das in den Mund zu nehmen eigentlich unter der Würde des Poeten ist, gehört zum Werkzeugkasten der komischen Dichtkunst. Die Form wahren, den Stil brechen: Unter diesem Gesetz stand Gernhardts Poesie von Anfang an. An ihrem Ende steht der Versuch des Dichters, auch das eigene Sterben noch komisch zu finden. Das kann nicht glücken, aber der Trotz des Spötters, der sich von der Krankheit den Mund nicht verbieten läßt, zeigt im Rückblick, wie ernst er alle seine Scherze gemeint hat.

Was ist Galgenhumor? Wenn ein Kraftausdruck, der den Zorn des Hilflosen verbirgt, dem Understatement dient: "Auch Lebermetastasen sind / nicht grad der Riesenbringer." Die Gegenstände der meisten hier versammelten Gedichte verbieten das Lob des Artistischen und Akrobatischen. Aber das opus ultimum, darin liegt der Witz dieses letzten Wortes, will sich von den Vorgängerbänden gar nicht unterscheiden, als wäre die Materie der Dichtung wirklich gleichgültig und der Triumph über die Vergänglichkeit denkbar.

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Später Spagat
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Wir dürfen es als Aussage über das Lebenswerk nehmen, daß der Dichter in einer gymnastischen Übung das Bild seiner Arbeit findet. Es sieht immer aus wie ein Volkssport, was Gernhardt macht. In seinen malereitheoretischen Schriften hat er gelegentlich den kindlichen Banausen in Schutz genommen, der vor dem Picasso sagt: Das kann ich auch! Vor einem Gernhardt-Gedicht sagen wir: Das könnte ich auch können! Wenn ich nur fleißig trainieren würde. Wir wissen, daß der Volksliedton das Schwierigste ist, eben weil der Dichter nur geläufige Wörter, schlichte Rhythmen und innige Reime nehmen soll.

Auch die letzten Balladen, Merksprüche und Klagelieder sind, mit dem Titel der Sammlung von 1997, lichte Gedichte. Verdichtung läuft bei diesem Autor nicht auf Verdunkelung hinaus, sondern auf Klärung. "Vom Gewicht" handelt ein Achtzeiler, den man beim ersten Blick auf das Druckbild für schwerelos halten könnte, da das Gedicht allen Wortballast abgeworfen hat. Aufs Elementare zurückgeführt sind die Grundmöglichkeiten der poetischen Rhetorik, Wiederholung und Gegensatz. Die Schlußverse sind einsilbig und reimen sich. Der Reim muß alle Last der conditio humana tragen.

Trägst den Tod in dir?

Trägst schwer.

Tod ist nicht irgendwer:

Wiegt.

Stirbst wie nur je ein Tier?

Nimms leicht.

Tod wird durch nichts erweicht:

Siegt.

Alles ist ganz einfach geworden, nur im Wörtchen "wiegt" schwingt der Doppelsinn von "wiegen" mit. Von der Ironie, die Tiere ihr Lebtag nicht anweht, spürest du kaum einen Hauch. Aber den dann doch.

Der Spagat ist eine Gleichgewichtsübung. In zwei Abteilungen gliedert sich die Sammlung. Auf das "Standbein" folgt das "Spielbein". Die Sphären sind nicht so sauber getrennt, wie es den Anschein hat. Hätte der Dichter sich ein Bein ausgerissen, hätte er nichts auf die Beine stellen können. Die grauenvolle Vision einer Beinamputation findet sich in der zweiten, vorgeblich heiteren Hälfte. Das Gedicht handelt, so müßte die Übersetzung in rationale Prosa lauten, von der Halluzination einer bettlägerigen Frau. Sie projiziert ihre Krankheit auf ihren Mann und bildet sich ein, er sei von Sinnen und wolle ihr den Fuß abbeißen. Der Titelkalauer "Malade Ballade" ist Teil der pathologischen Struktur des Textes, lenkt ab von dem Schrecken, von dem das Gedicht wirklich erzählt. Zum Schluß verwandelt sich die Leidende vor den Augen des Mannes, den sie zum Kannibalismus verführen will, in Rumpelstilzchen: "Brichs ab, auch wenn's schmerzt, brich es ab, lieber Mann. Ich hab ja ein zweits. Auf dem hüpfe ich dann." Man könnte sich die Ballade von Schumann vertont denken.

Wie im zweiten Teil das Thema des ersten nicht verschwinden will, die Sterblichkeit mit ihren abstoßenden Begleiterscheinungen, so macht von den hinten vorgeführten Techniken des Spaßmachers vorne schon der Ernstmacher Gebrauch. Schüttelreime und andere Lautvertauschungsprogramme demonstrieren die Gelenkigkeit des Spielbeins. Nach einem verwandten Verfahren ist im Standbein-Flügel das Gedicht "Asymmetrie" gebaut, das einen chirurgischen Eingriff beschreibt. Das komische Mittel der enttäuschten Erwartung wird zum Gegenstand der Erwartung. Jede Strophe funktioniert nach demselben Schema, der Effekt ist absichtsvoll mechanisch, als wäre auch die Pointenproduktion an die Apparatemedizin delegiert worden: Der vierte Vers bleibt das Reimwort schuldig. So hat es am Ende der Operation und der sechsten Strophe den Nabel des Dichters "zwei Zoll nach rechts verschlagen" und nicht, womit man als Reim auf "loben" gerechnet hätte, verschoben. Der Mann, von Kindesbeinen an "ein Muster an Symmetrie", erkennt sich im Spiegel nicht wieder und erschafft sich sein Ebenbild im Gedicht, in dem jeder vierte Vers aus der Reihe stürzt. Die erste Strophe lautet: "Sie rieten mir zu. / Ich spielte mit. / Ich sagte: Nur zu. / Zeigt euren Schneid."

Wir dürfen den Schneid des Dichters bewundern, den Mut, mit dem er den Auflösungserscheinungen des Lebens die Vollendung des Werkes entgegensetzte, aber zeigen kann er uns nur seinen Schnitt. Von den Schmerzen wissen wir nur insoweit, als sie die Form der Gedichte prägen. Ein Gedicht, das vom ersten bis zum letzten Wort ein Muster an Symmetrie wäre, hätte mit dem Leben nichts zu tun. "Finger weg", die Handreichung zum Umgang mit Lebermetastasen und Darmkrebs, mündet in eine Parodie auf das "Diné zu Coblentz", das Goethe lebensfroh zwischen Lavater und Basedow einnahm: "Doch meistens treffen sie ja dich. / Dann wird zu dritt geschritten: / Primärkrebs links, Zweittumor rechts, / das Schlachtkind in der Mitten." Die Koblenzer Tischordnung sah umgekehrt vor: "Prophete rechts, Prophete links". Der entscheidende Unterschied liegt indes darin, daß "Prophete" wie "Primärkrebs" auf der zweiten, "Zweittumor" dagegen auf der ersten Silbe betont wird. So ergibt sich bei Gernhardt in der Versmitte eine Zäsur: Der Vers wird aufgeschnitten wie das Kind, das auf die Schlachtbank gedrückt wird und sich scherzhaft ausmalt, es wüchse über das Fleisch, das ihm rechts und links abgenommen wird, unversehrt hinaus wie Goethe über die philosophischen Lehrer.

In "Wörtersee", der Sammlung von 1981, steht das Bildgedicht "Zeichenschule II". Hier führt der kunstpädagogische Fortschritt im Bann des Reimzwangs zum Teufel und nicht auf den bekanntesten Dichter der katholischen Restauration der Nachkriegszeit: "ein M noch, doch, das muß sein, leider / und schon ist es nicht Reinhold Schneider". Hätte Robert Gernhardt, den Meister aller Paßformen und Virtuosen des Patchworks, der Name nicht auch gut gekleidet?

Es ist ein Schnitter, heißt der Tod. Es war ein Dichter, hieß der Schneider. Diese Pointe hat der Schöpfer verschenkt. Jedes Kind weiß ja aus einem frühen Gedicht von Robert Gernhardt, daß der liebe Gott nicht so klug ist wie der Dichter.

Robert Gernhardt: "Später Spagat". Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006. 122 S., geb., 14,90 [Euro].

Buchtitel: Später Spagat
Buchautor: Gernhardt, Robert

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2006, Nr. 168 / Seite 44

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