Guillermo Martínez: Roderers Eröffnung

Die Welt ist nur ein Beispiel

Von Martin Halter

26. Juni 2009 Dietrich Schwanitz rechnete die Riemannsche Vermutung nicht zum Bildungskanon, nicht einmal zur Kultur. Selbst der Mathematiker Blaise Pascal empfand seine Kollegen oft als „beschränkte und unerträgliche“ Fachidioten. Nicht nur in der Literatur erscheinen sie, sehr zu ihrem Verdruss, in der Regel als phantasielose, verklemmte Rechenknechte und weltfremde Nerds in unmodischen Strickpullis, die mit ihrer monströsen Spezialbegabung im Alltag und in der Liebe grandios scheitern.

Aber man muss als Dichter nicht an der Infinitesimalrechnung verzweifelt sein, um die Mathematiker klammheimlich für die strenge Kühn- und Schönheit ihrer „kalten Erleuchtungen“ (Enzensberger) zu bewundern. Gefühl ohne Intellekt ist so „dick wie ein Mops“, höhnte Robert Musil, einer der raren Grenzgänger zwischen Genauigkeit und Seele, einmal. „Wir haben unsere Dichtkunst schon so weit ruiniert, dass man nach zwei hintereinander gelesenen deutschen Romanen ein Integral auflösen muss, um abzumagern.“ Neuere deutsche Autoren wie Daniel Kehlmann oder Dietmar Dath haben Musils Verdikt zuletzt ein wenig abgeschwächt; in der argentinischen Literatur gehört die Verstörung, die Törless angesichts der irrationalen Zahlen befiel, schon lange zu den Wundern einer exakten Phantasie.

Vorgeschichte der „Pythagoras-Morde“

Vor sechs Jahren klärte ein argentinischer Mathematikstudent eine Mordserie in den heiligen Hallen von Oxford mit Hilfe von Occams Rasiermesser, Fermats Satz und Sherlock Holmes’ deduktiver Logik auf. In seinem jetzt erst übersetzten Roman „Roderers Eröffnung“ (1992) erzählt Guillermo Martínez, selber Mathematiker mit Oxford-Diplom, die Vorgeschichte der „Pythagoras-Morde“. Der Erzähler-Detektiv ist hier, kurz vor seiner Abreise nach Oxford, noch ein normales Wunderkind vom Typus jener „assimilierenden Intelligenz“, die im Einverständnis mit der Welt lebt und rechnet: hochbegabt und streberhaft vergeistigt zwar, aber weltlichen Dingen – Frauen, Reisen, Karriere, Falkland-Krieg – keineswegs entfremdet.

Sein Mitschüler Roderer dagegen gehört zu jenen blassen, ernsten Genies, die mit ihrer hypertrophen Intelligenz nur Außenseiter und Versager werden können. Er demütigt seinen biegsameren Doppelgänger schon bei der ersten Begegnung im Café Olimpia beim Schach, obwohl seine Trancen und Absencen nicht eben auf gesteigerte Konzentration hindeuten. Gesprächsangebote von Schulkameraden, Lehrern oder Mädchen weist der kränkelnde Jüngling unwirsch ab: „Ich habe keine Zeit.“

Surrogate für ungelebtes Leben

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Roderers Eröffnung
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Für Roderer sind Schach- und mathematische Probleme kein Zeitvertreib, sondern Lebensinhalt oder vielmehr: Surrogate für ein ungelebtes Leben unter permanenter Zeitnot. „Die Welt ist nur ein Beispiel“, ein Probierstein für ein bedingungs- und kompromissloses Wahrheitsstreben, das weder Aufschub noch Ablenkung duldet. Als der Erzähler ihn in einer Mischung aus Bewunderung, Neid und Schadenfreude mit dem „Seldomschen Theorem“ vertraut macht, das alle unentscheidbaren Fragen menschlichen Denkens mit einem Schlag erledigt, ruht Roderer nicht eher, bis er den Satz widerlegen kann.

Am Ende, drogenabhängig, verwahrlost und innerlich buchstäblich zerfressen, hat er den Beweis gefunden, der ihm „die Türen eines anderen Himmels öffnen wird, eines noch leeren Himmels, der auf die Menschen wartet“. Aber keinen Ausweg aus den Paradoxien absoluter Erkenntnis: „Wie kann es mir gelingen, mich verständlich zu machen?“ Mit dem Satz „Öffne mir, ich bin der Erste“ haucht Roderer seine einsame, unverstandene Seele aus.

Weltliterarische Vorbilder

So ähnlich erging es schon dem Maler Frenhofer bei Balzac: „Das unbekannte Meisterwerk“, Resultat zehnjähriger Knochenarbeit, ist für Außenstehende nur wirres Geklecksel. In „Louis Lambert“, einem anderen Balzac-Roman, verzehrt sich ein zartbesaitetes Wunderkind auf der Suche nach der letzten Wahrheit: Während „Pythagoras“ Lambert in geistiger Umnachtung, am Vorabend seiner Hochzeit, stirbt, arrangiert sich sein weniger intransigenter Freund mit der Realität. Bei Martínez hält es Roderer mehr mit Nietzsche, Wittgenstein und Gödel als mit dem Geisterseher Swedenborg; aber auch er opfert für das absolute Wissen alles Menschliche, seinen Verstand und die Liebe. Nur wer alle irdischen Fesseln und Schlacken abstreift, darf an die Himmelspforte klopfen: Dieses religiöse Axiom prägt Martinez’ Novelle bis in ihre asketische Formensprache.

„Die Pythagoras-Morde“, kongenial verfilmt als „The Oxford Murders“, war ein raffinierter Rätselkrimi im Geiste von Poes „Poesie der Logik“. „Roderers Eröffnung“ ist zwar nicht minder unterkühlt und kopflastig, aber eine klassisch gebaute, fast altmodisch erzählte Novelle. Die Paradoxien der Logik, die zerebrale Eleganz der Sprache und nicht zuletzt die literarischen Vexierspiele stehen ganz in der Tradition der argentinischen Phantastik von Cortazar und Borges. Natürlich kennt und zitiert Roderer Hegels „Logik“ und Goethes „Faust“ samt Lebensbaum und Teufelspakt; aber in Verzückung gerät er nur bei einem unbekannten Meisterwerk wie Heinrich Holdeins Roman „Die Heimsuchung“, in dem ein Doktor Faustus von der Leidenschaft des Intellekts bis an die Pforten der Hölle geführt wird.

Erzählen ohne überflüssiges Fett

Martínez erzählt die alte Geschichte von Genie und Wahnsinn nüchtern und schwerelos wie ein mathematisches Rätsel, ohne Pathos, Psychologie und überflüssiges Fett. „Jedes Werk, egal, wie komplex es ist, ist eine Vereinfachung“, sagt Roderer einmal; gelungene Formgebung ist nur denkbar als Reduktion der chaotischen Unendlichkeit literarischer Möglichkeiten, als „rationale Simulation“. „Roderers Eröffnung“ ist vielleicht zu rational, zu bruchlos, um ein absolutes Meisterwerk zu sein. Aber Borges (dessen Beziehung zur Mathematik Martínez vor Jahren einen luziden Essay widmete) hätte an seinem Meisterschüler mehr Freude als Professor Seldom an seinem detektivischen Hiwi und William von Baskerville an seinem lächelnden Klosterschüler Adson gehabt.

Guillermo Martínez: „Roderers Eröffnung“. Roman. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. 118 S., geb., 14,95 Euro.



Buchtitel: Roderers Eröffnung
Buchautor: Martinez, Guillermo

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Eichborn Verlag

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