Der Flug der Schneeeule

06. Mai 2008 Am Ende ist es also dieser Fluss, "ein friedlicher, schmaler Wasserlauf, trotzdem konnte man darin ertrinken, wenn man hineinfiel". Er fließt mitten durch die unscheinbare polnische Stadt Kielce und stellt das Ende einer Reise zu den eigenen Ursprüngen dar - so einfach präsentiert sich die Welt an ihrer Oberfläche. Es sind jedoch die am Grunde lauernden Komplikationen, die Strömungen, die versteckten Haken und Hindernisse, die Cécile Wajsbrot in "Aus der Nacht" erforschen will.

Wie Wajsbrots frühere Romane, so beschäftigt sich auch dieser mit der zweiten Generation von Schoa-Überlebenden. Erzählt wird die Geschichte einer jungen, namenlosen Frau, die, wie viele Nachgeborene, vor einer schweren Aufgabe steht: Wie soll sie zur Sprache bringen, was den Eltern, Freunden oder Verwandten zugestoßen ist und über das geschwiegen wurde? Hier droht das Schweigen durch die Alzheimerkrankheit der Älteren endgültig zu werden; die Familienerinnerung an das Leben in Kielce, die abenteuerliche Reise nach Frankreich, die Zurückgelassenen und Umgekommenen ist im Erlöschen begriffen.

Die "blassen, verwischten, verleugneten Spuren" verfolgt die Heldin, eine Journalistin, Richtung Osten zurück: Ganz prosaisch nimmt sie den Nachtzug, um Licht in die Vergangenheit zu bringen. Als Wappentier gibt ihr Wajsbrot die Schneeeule mit, die sich auch in dunklen, eisigen Regionen ohne Schwierigkeiten zurechtfindet. Es passiert wenig, die junge Frau wartet auf den Zug, reist nach Polen, verbringt ein paar Tage dort, findet nichts und reist wieder nach Paris. Die Handlung spielt vielmehr im Kopf, dort spuken Vater und Tante wortreich umher. Als namenlose, aber identifizierbare Stimmen melden sie sich abwechselnd zu Wort, ein Verfahren, das an Nathalie Sarrautes "Kindheit" erinnert. Die Protagonistin führt mit ihnen die Diskussion, die nie geführt wurde. Sie will die Orte sehen, von denen man nicht erzählte, möchte begreifen, was zurückgelassen wurde und was mit dem älteren Bruder geschah. Naturgemäß erfährt sie bei den Selbstgesprächen wenig, der Leser jedoch viel. Zu viel.

Der Versuch an sich fesselt, die Heldin kämpft gegen ein Vergessen, das keinen Schutz mehr bietet, sondern das Leben erstickt: "Mein Leben hat nicht mir gehört, ich habe versucht, euren Wunsch zu erfüllen, einen unausgesprochenen Wunsch, der aber in jeder eurer Gesten, hinter jedem eurer Worte spürbar war." Sie wehrt sich gegen den amnesischen "Traum von Integration und Normalität" und findet einen Wahlverwandten, den Onkel, der eines Nachts weggehen wollte, um ein neues Leben zu beginnen, und im winterlichen Fluss ertrank - eine "Urszene", die die Abreise seiner Geschwister um die Chance eines echten Neuanfangberaubte.

Aber schließlich ist es des Erkundens, Verstehens und Bewältigens zu viel. Nicht umsonst kehren Formeln wie "begriff ich" wieder: Die Erinnerung wirkt oft wie eine Anstrengung ohne Reibung, zu restlos geht die Selbstfindung auf - ein kunstvoller Kanal, kein Fluss mit Wirbeln und Tücken. So hat Wajsbrot zwar ein elegantes Buch geschrieben, das stilistisch überzeugt; aber es ist eine Spur zu glatt.

NIKLAS BENDER

Cécile Wajsbrot: "Aus der Nacht". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2008. 219 S., geb., 19,80 [Euro].



Buchtitel: Aus der Nacht
Buchautor: Wajsbrot, Cécile

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.05.2008, Nr. 105 / Seite 34

 
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