Rezension: Belletristik

Blindheit ohne Einsicht

30. November 1999 Eine Geschichte ist genau dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat, verkündet das Motto bei Gilbert Adair. Zu spät kommt John Ryder zu seinem Vorstellungsgespräch in die Cotswold Hills. Das Landhaus liegt abgelegen und erinnert an die Zelle eines mittelalterlichen Gelehrten oder Heiligen, an eine Versenkung, in der man beim Eintreten verschwindet. Niemand würde hierher kommen - bis auf eine Haushälterin vielleicht. Keine Zeitungen, kein Radioapparat, kein Fernsehen. Nur wenige Kilometer von London entfernt konnte einem die Welt schon gestohlen bleiben. Adairs Leser sind auf alles gefasst.

Ein bekannter Schriftsteller ist es, der bei einem Autounfall in Sri Lanka am ganzen Körper Verbrennungen erleidet, das halbe Gesicht und beide Augen verliert und jetzt nach einem Sekretär sucht. Fremde Augen sollen an die Stelle der seinen treten. Jemand, der die Welt nicht nur für ihn beobachtet, sondern die Beobachtungen an ihn weitergibt, so dass er sie in Prosa umgießen kann, jemand, der die Orte seiner Vergangenheit noch einmal aufsucht. Er träumt von einer Autobiografie.

Der Roman wird sie als Geschichte der Buchstabierungen und Lektüren, der Verbesserungen und Wiederholungen dokumentieren. "Ich bin blind", lautet der erste Satz eines langen Diktats. Der junge Ryder leiht dem Autor die Augen und macht seine Sache gut. Er achtet darauf, dass im Haus auch das Licht brennt, dass die Türen einen Spalt offen stehen, begleitet den väterlichen Freund auf die Straße. Aber irgendetwas stimmt nicht. Irgendwas ist faul. Vielleicht existiert das diktierte Wort nicht als geschriebene Datei. Vielleicht ist der Sekretär ein Manipulateur, ein Fälscher, ein Betrüger?

Haushälterinnen schnüffeln gern, und bei Adair sorgt Mrs. Kilbride für quälende Unruhe. Was das für ein Puzzle sei, das zusammengesetzt auf dem Tisch liege, fragt sie den Blinden eines Morgens. Sein liebstes Gemälde - das Selbstbildnis von Rembrandt - hatte dieser beschreiben wollen und John in die Nationalgalerie nach London geschickt. Im Souvenirladen sollte er ein Puzzle davon kaufen, es auf dem Tisch ausbreiten und nur die Teile mit den Augen aussparen. Alle großen Selbstporträts seien von Blinden gemalt, so seine Behauptung. Ein Rembrandt ohne Augen war die Allegorie seiner Autobiografie. Zwei Männer seien doch aber auf dem Bild zu sehen, lenkt Mrs. Kilbride ein, ein "zusammengequetschtes und gestrecktes" Ding läge da außerdem am Boden.

Der Blinde sieht sich betrogen. Nicht der Rembrandt, Holbeins "Gesandte" lagen hier, und Ryder hatte kein Wort darüber verloren. Es ist die verborgene Ankündigung eines Duells und ein böses Zeichen. Ein Blick im Weggehen, schräg über die Schulter, lässt die Konturen jenes "blinden Flecks" erkennen, den Mrs. Kilbride meint. Es ist ein in den Bildraum gesetzter Totenschädel, der als "hohles Bein" auf den Künstler selbst verweist, auf Holbein, den Namen des Autors.

"Der Tod des Autors" hieß Gilbert Adairs vorletztes Buch. Es war seine Abrechnung mit der "Theorie", jenem "kleinen, engen und inzestuösen Universum der Literaturwissenschaften". Eine Biografie sollte darin geschrieben werden. Fast überdeutlich spielte der Roman auf den Literaturtheoretiker Paul de Man an, dessen nazistische Artikel aus der Kollaboration man 1987 entdeckt hatte. De Mans "Dekonstruktion" stand nun unter Verdacht, politische Vergangenheit vertuschen zu wollen. In seiner Fiktion allerdings ging es Adair nicht darum, das prekär gewordene Verhältnis von Theorie und Ideologie neu zu bestimmen. Er verstrickte seinen Helden kurzerhand in einen Krimi, nahm ihn beim Wort und ließ ihn am bekannten Diktum vom "Tod des Autors" buchstäblich krepieren.

Wo Autoren sterben, sind sterbende Leser nicht weit, und im "Blindband" ist man hellhörig. Ob er die Ähnlichkeit ihrer Nachnamen bemerkt habe, fragt Paul, der blinde Schriftsteller, seinen Sekretär John Ryder an einer Stelle und verweist dann auf ein Wortspiel mit dem vorläufigen Titel seines Werkes: "The Death of the Reader" will er sein Buch nennen. Nur in Anspielungen - nie ausdrücklich - ist im Roman von "Paul Reader" die Rede. Gesichert ist aber, dass hier der nächste Autor sterben muss. Nach dem unerbittlichen Ende der biografischen Illusion entlarvt die Fortsetzung das Maskenspiel der Autobiografie. Autorentode sind Gilbert Adairs große Leidenschaft.

Natürlich ist schäbig, wer das Geheimnis eines Krimis im Voraus schon preisgibt. "Wer Augen hat zu lesen, lese!", steht auf dem Rücken des "Blindbands", der so raffiniert wie rücksichtslos den Leser auf die Folter spannt. Das Verhängnis des Romans - der blinde Fleck in der Autobiografie - ist aber auch seine große Enttäuschung. Wo im "Tod des Autors" der Faschismus in die Theorie einbricht, zerstört das nackte Leben jetzt die Literatur. Nach dem "hochtrabenden Gedröhne über Augen und Blindheit und Augenlosigkeit" soll ein "rauer Realismus" dem Leser an die Nieren gehen, ein "Touch von Irving Welsh". Nicht eben das, "was man so gern als postmodern bezeichnet".

Nichts ist dabei nackter als der Missbrauch eines Kindes. Zielsicher rückt der "Blindband" mit Worten zu Leibe. "Augen her, Augen her", hatte bei E. T. A. Hoffmann der "Sandmann" noch mit schnarrender Stimme gerufen. Ein schwarz-romantisches Phantasma vom "bösen Mann", der all die Kinder strafte, die nicht zu Bett gehen wollten, ihnen Hände voll Sand in die Augen warf, bis diese blutig zum Kopf heraussprangen. Wild hatte Nathanael aufgeschrien, als er auf den Herd geworfen wurde und die Flamme sein Haar zu sengen begann. Ein Monster. Ein Dämon. Ein unheimlicher Vater: "Nun haben wir Augen - Augen - ein schön Paar Kinderaugen."

Adair färbt seinen "Blindband" von der ersten Seite an mit dunkler Romantik ein. An den öden Landstrich des "Hauses Usher" erinnert das Schriftstellerrefugium in den Cotswold Hills, an die scheußlich augenlosen Gesichter aus dem "Sandmann" die Erscheinung des vernarbten und geblendeten Autors. Die Literatur dazu liefert er gleich mit, wenn er "Liebe, Tod und Teufel" einen Bildband nennt, der verstaubt auf dem Bücherstapel des Blinden aufliegt. "Was ich von ihnen möchte, sind Ihre Augen", sagt Paul zu Beginn des Romans. Verstört hakt Ryder augenblicklich nach. Tatsächlich liegt lange zurück, was Grauen erregend hier kurz aufscheint. Kinderschreie prallten damals an den Wänden einer Turnhalle ab. "Tu einfach so, als hättest du einen Albtraum, mein Engel", raunte eine Stimme. Der "Sandmann" ist bei Adair aber kein böser Traum. In die nackte Wirklichkeit des Schänders verwandelt er das Phantasma der Romantik. Sein "Blindband" erzählt vom Einbruch des Realen.

Dem Motto bleibt er damit treu und geht bis zum Äußersten. Wenn aber das "Leben" in die Literatur einbricht, muss diese offenbar ein Ende haben. Gerecht ist die Rache, die dem nächsten Autor das Wort abschneidet. Der Roman allerdings hatte gerade erst angefangen und muss jetzt schon verstummen. "Die schlimmstmögliche Wendung", wäre ein passenderes Motto gewesen, "ist immer auch das Ende der Literatur."

Gilbert Adair: "Blindband". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Schlachter. Edition Epoca, Zürich 1999. 223 S., geb., 39,50 DM.

Blindband



Buchtitel: Blindband
Buchautor: Adair, Gilbert

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1999, Nr. 279 / Seite L6

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