07. August 2008 Als Paul Celan im April 1959 Max Frisch in einem Brief um Hilfe bittet, wendet er sich nicht nur an den Schweizer Schriftstellerkollegen, sondern vor allem an den damaligen Lebensgefährten seiner früheren Geliebten. Die Liebesbeziehung zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann, die im Mai 1948 in Wien begonnen hatte, war gescheitert. Von den Hoffnungen, dem Gefühl des Exemplarischen der Beziehung zwischen dem jüdischen Dichter aus Czernowitz und der im Nationalsozialismus aufgewachsenen jungen Frau aus Kärnten, wie von den Missverständnissen und Belastungen, unter denen diese einzigartige Beziehung zerbrach, berichten die Briefe des Dichterpaares, die in Kürze im Suhrkamp Verlag erscheinen werden (Herzzeit. Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel. Hrsg. und kommentiert von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann).
Aber nie sprechen die Liebenden die tiefen Verletzungen, die Celan schließlich im April 1970 in den Selbstmord trieben, so offen und unverhüllt an wie dies im selben Band in den Korrespondenzen zwischen Celan und Max Frisch und zwischen Ingeborg Bachmann und Celans Frau Gisèle Celan-Lestrange geschieht. In diesen Briefen, die wir auf dieser Seite erstmals publizieren, wird deutlich, was Celans Lebenskraft aufzehrte. Günter Blöckers Rezension des Gedichtbandes Sprachgitter, die Celan als antisemitisch empfand, die Geringschätzung, die Heinrich Böll ihm, wie Celan glaubte, in Briefen und in Passagen seiner Erzählung Billard um halbzehn entgegenbrachte, die jahrelang nicht verstummenden Plagiatsvorwürfe, die von Yvan Golls Witwe ausgingen und von anderen bereitwillig aufgegriffen wurden - all das wurde von Celan als Symptom dafür verstanden, dass die Hitlerei, von der er Frisch gegenüber spricht, nicht enden wollte.
Ingeborg Bachmann hat die Spuren der Begegnung mit Paul Celan noch in ihren letzten literarischen Texten verarbeitet. Die Nachricht vom Tod des Geliebten wird in Malina mit einem Satz aufgenommen, der Celans Selbstmord in der Seine mit der Deportation und dem Tod der Juden in Beziehung setzt und auch das Schicksal seiner Gefährtin besiegelt: Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben. (igl)
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78, rue de Longchamp
Paris, den 14. April 1959.
Lieber Max Frisch,
ich habe gestern angerufen, unvermittelt, in der Hoffnung, Sie würden, wie schon einmal – aber damals wußte ich es nicht –, am Telephon sein: ich wollte Sie um Rat bitten, um ein Gespräch, in Zürich, in Basel, wollte Sie fragen, was zu tun sei – denn etwas muß ja getan werden! – angesichts all dieser sich mehr und mehr Raum greifenden Verlogenheit und Niedertracht und Hitlerei: ich hatte nämlich wenige Stunden vorher einen Brief bekommen, von Heinrich Böll, einen Brief, der mir ein weiteres Mal bewies, wieviel Gemeinheit noch in den Gemütern sitzt, die man, leichtgläubig genug – aber wer will, wenn er sich den Glauben an die Menschen bewahren möchte, seine Leichtgläubigkeit“ aufgeben? –, zu denjenigen zählte, auf die es ankommt“.
Aber ach, kaum hält man ihnen das vor Augen, was sie tatsächlich tun und sind, so – verwandeln sie sich augenblicklich in sich selbst zurück. Diese (keineswegs neue) Erfahrung habe ich nun auch mit Böll gemacht. Nicht daß ich darauf nicht vorbereitet gewesen wäre; aber daß es so kommen würde, so eindeutig in seiner Infamie, das hatte ich weiß Gott nicht erwartet.
Und so rief ich bei Ihnen an, um Sie und Ingeborg zu fragen, ob ich mit all diesen Fragen und Ratlosigkeiten – die Sie ja kennen, seit langem, in jederlei Gestalt! – nach Zürich kommen kann, in einer Woche etwa. Bitte, sagen Sie mir, ob Ihnen dieser Zeitpunkt gelegen ist, ich kann – wirklich – auch später kommen (und bis dahin und darüber hinaus mit meinen Fragen weiterleben), im Mai vielleicht, auf der Reise nach Österreich (wo wir den Sommer verbringen wollen) oder im Juni.
Entschuldigen Sie, bitte, die Eile und Sprunghaftigkeit dieser Zeilen und erlauben Sie mir, Sie auf das herzlichste zu grüßen Ihr Paul Celan
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Uetikon, 16. April 1959
Verehrter und lieber Paul Celan,
eben kommt Ihr Brief. Ich habe zuvor einen Brief von Inge auf die Post gebracht. Kommen Sie bald! Ich bitte Sie um Nachsicht, wenn dieser Brief nicht sehr spontan klingt, ich habe Ihnen gestern einen spontanen geschrieben, aber die Herrin fand einen Nebensatz darin, einen Lappalien-Satz, einen Geschwätz-Satz, betreffend den VW, der Sie abholen und hieherbringen soll, nicht angemessen, und ich mag Briefe solcher Art, spontane, nicht desinfizieren. Wir haben also gezankt! – im übrigen versuchte jener Brief, den ich zerknüllt habe, Ihnen zu sagen, dass ich mich aufrichtig auf die Begegnung mit Ihnen freue, dass ich sie schon seit einiger Zeit wünsche, dass ich eine Scheu davor habe, weil ich viel von Ihnen weiss, durch Inge, und sehr wenig, Scheu nicht wegen Inge, sondern wegen Ihres Werkes, das ich bewundere, soweit es mir zugänglich ist, und Scheu, weil es mir nicht überall zugänglich ist bis jetzt. Ich denke, Uetikon wäre besser als Basel, wo man sich von Restaurant zu Restaurant trifft; hier in der Nähe, zweihundert Schritte von dieser Wohnung, ist ein nettes Hotel, wo Sie übernachten könnten, und hier haben wir Ruhe, wir können auch dahin oder dorthin ausfahren. Bleiben Sie nicht zu kurz! Man muss sich die Chance geben, dass man sich in Wiederholungen eines Gesprächs, wenn man darüber geschlafen hat, verständlicher macht. Können Sie ein paar Tage bleiben? Glauben Sie mir, dass ich mich freue.
In Erwartung und herzlich Ihr
Max Frisch
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23. Oktober 1959
Lieber Max Frisch,
Hitlerei, Hitlerei, Hitlerei. Die Schirmmützen.
Sehen Sie, bitte, was Herr Blöcker, erster deutscher Nachwuchs-Kritiker von Herrn Rychners Gnaden, Autor, ach, von Kafka- und Bachmann-Aufsätzen, schreibt.
Alles Gute!
Ihr Paul Celan
Beilage
An die Feuilleton-Redaktion des TAGESSPIEGEL, Berlin
Da ich, wie die Dinge in Deutschland nun einmal wieder sind, nicht annehmen kann, dass einer Ihrer hoffentlich zahlreichen Leser zu der in Ihrer Ausgabe vom 11. Oktober d. J. erschienenen Besprechung meiner Gedichte (Rezensent: Günter Blöcker) das gesagt hat, was dazu gesagt werden muss, tue ich es selbst: das mag, wie ja auch meine grössere Freiheit der deutschen Sprache – meiner Muttersprache – gegenüber, an meiner Herkunft liegen.
Ich schreibe Ihnen diesen Brief: der Kommunikationscharakter der Sprache hemmt und belastet mich weniger als andere; ich agiere im Leeren.
Die Todesfuge“, als deren leichtsinnigen Autor ich mich heute bezeichnen muss, ist tatsächlich ein graphisches Gebilde, in dem der Klang nicht bis zu dem Punkt entwickelt ist, wo er sinngebende Bedeutung übernehmen kann. Entscheidend ist hier nicht die Anschauung, sondern die Kombinatorik.
Auschwitz, Treblinka, Theresienstadt, Mauthausen, die Morde, die Vergasungen: wo das Gedicht sich darauf besinnt, da handelt es sich um kontrapunktische Exerzitien auf dem Notenpapier.
Es war tatsächlich hoch an der Zeit, denjenigen, der – das mag an seiner Herkunft liegen – nicht ganz gedächtnislos deutsche Gedichte schreibt, zu entlarven. Wobei so bewährte Ausdrücke wie kombinationsfreudiger Intellekt“, duftlos“ usw. sich ganz besonders empfahlen. Gewisse Autoren – das mag an ihrer Herkunft liegen – entlarven sich übrigens eines schönen Tages selbst; ein kurzer Hinweis auf die erfolgte Selbstentlarvung genügt dann; worauf man unangefochten über Kafka weiterschreiben kann.
Aber, werden Sie einwenden, unter Herkunft“ z. B. versteht der Rezensent ja nichts anderes als den Geburtsort des Autors jener graphischen Gebilde. Ich muss Ihnen zustimmen: Blöckers Wirklichkeiten, nicht zuletzt die freundlichen Ratschläge am Ende seiner Rezension, sprechen unzweideutig für diese Auffassung. Dieser Brief hat also, werden Sie nun, einen Schlusspunkt setzend, sagen, mit der Besprechung nichts zu tun. Auch hier muss ich Ihnen zustimmen: Tatsächlich. Nichts. Nicht das geringste. Ich agiere im Leeren.
(Paul Celan)
P. S. Alles in diesem Brief durch Unterstreichungen Hervorgehobene stammt aus der Feder Ihres Mitarbeiters Blöcker.
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Uetikon am See, 6. November 1959
Lieber Paul Celan!
Ich habe Ihnen schon vier Briefe geschrieben, lange, dann auch noch einen fünften, kurzen, alle gehen nicht. Aber ohne Antwort kann ich Sie nicht lassen. Was soll ich Ihnen nur schreiben? Das politische Einverständnis, das Sie bei mir voraussetzen können, würde nur verdecken, was mich an Ihrem kurzen Brief sonst bewegt, Ihr persönliches Problem, worüber zu sprechen mir nicht zukommt, zumal Sie es nicht als solches, sondern als ein politisches, objektives, vor mir hinstellen.
Ich bin in echter Verlegenheit, glauben Sie mir das, und der Brief an Sie beschäftigt mich seit Tagen, ich habe ganze Vormittage und ganze Abende darauf verwendet. Sie geben mir den Kredit, kein Antisemit zu sein. Verstehen Sie, was ich meine, wenn ich Ihnen sage, dass ich mich damit noch wenig bewegen kann? Ich habe keine Ahnung, welchen Kredit sonst Sie mir geben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es zwischen Menschen so, wie es zwischen Ihnen und mir kommen würde, wenn ich Ihnen einfach recht gebe, nicht geht, und ich bin besorgt, wenn ich mich auf die Rolle eines verlässlichen Anti-Nazi reduzieren lasse.
Ihr Brief, lieber Paul Celan, fragt mich nicht, Ihr Brief gibt mir die Chance, mich zu bewähren, wenn ich auf die Kritik von Blöcker so reagiere wie Sie. Das ist es, was mich aufreizt. Ich wollte, nach so vielen gescheiterten Briefen, nur noch schreiben: Sie haben recht, Sie haben recht. Ich wollte resignieren. Wie schwer es mir fällt, lieber Paul Celan, zu resignieren. Unsere Begegnung in Sils: ich war so froh, Ihr Gesicht und Ihre Stimme wahrzunehmen, nachdem doch Ihr Name, lange schon der Name eines Dichters, ein Name in meinem eigensten Leben geworden ist.
Ich hatte Angst vor Ihnen, jetzt habe ich sie wieder. Ob Sie zu einer Freundschaft bereit sind? Und auch dann, wenn ich nicht mit Ihnen einverstanden bin? Ich könnte Ihnen versichern, dass mich Symptome von Hitlerei ebenfalls entsetzen, ferner darauf hinweisen, dass die neuen Bedrohungen, wie wir ja wissen, sich kaum in Aehnlichkeiten mit der alten Hitlerei werden erkennen lassen. Aber wenn wir ins Politische denken wollen, so müssten wir uns, glaube ich, ablösen von allen Fällen, die sich vermischen können mit dem Problem, wie wir uns zur literarischen Kritik überhaupt verhalten.
Ich weiss nicht von Ihnen, aber von mir, wie froh ich mitunter bin festzustellen, dass der Kritiker, der meinen Ehrgeiz verletzt, politisch eine trübe Figur ist. Und was mich, zum Beispiel, am meisten verletzt, das ist nicht ein wilder Verriss, sondern das sind die Zwischentöne einer Anerkennung, die mir zeigt, dass der Kritiker (wie miserabel er sich auch ausdrücken mag) meine momentane Schwäche oder meine Grenze überhaupt gewittert hat.
Von einem gewissen Alter an, nämlich wenn wir durch einige Leistungen ausgesteckt sind, leiden wir ja weniger an einem Fall von Misslingen als an den deutlich werdenden Grenzen unsrer Möglichkeiten überhaupt, und ich könnte mir denken, dass auch jemand daran leidet, dessen Möglichkeiten gross und ungewöhnlich sind, also auch jemand wie Sie. Seien Sie nicht böse, lieber Paul Celan, wenn ich mich daran erinnere, wie kränkend das öffentliche Missverständnis ist auch dann, wenn der Verdacht, dass es aus Antisemitismus kommt, nicht anwendbar ist. HITLEREI, HITLEREI, HITLEREI, DIE SCHIRM MUETZEN! schreiben Sie.
Ich finde die Kritik von Blöcker nicht gut, nicht frei von zwielichtigen Wendungen, das gebe ich Ihnen zu, wenn ich das andere auch sagen darf: Ich finde Ihre Entgegnung, obschon sie ein Meisterstück sprachlichen Scharfsinns ist, auch nicht gut. Sie zwingt mich (und ich verehre Sie ja freiwillig), Sie zu verehren, nämlich ohne Frage zu glauben, dass Sie, lieber Paul Celan, vollkommen frei sind von Regungen, die mich und andere heimsuchen, Regungen der Eitelkeit und des gekränkten Ehrgeizes. Denn sollte auch nur ein Funke davon in Ihrem Zorn sein, so wäre die Anrufung der Todeslager, scheint mir, unerlaubt und ungeheuer.
Wem sage ich das! Wenn Sie aus einer Kritik, wie der von Blöcker, ein politisches Phänomen machen, so stimmt das zum Teil, glaube ich, zum andern Teil aber nicht, und ein Problem fälscht das andere. Es fällt mir nicht leicht, einen Brief abzuschicken, der dazu führen kann, dass Sie mich aufgeben, oder zu einem Verschweigen, was das Ende einer Freundschaft bedeutet, bevor sie begonnen hat. Vielleicht können Sie auch das, was ich unter Freundschaft verstehe, gar nicht brauchen, nicht wünschen, aber es ist das Einzige, was ich anzubieten vermag.
Von Herzen Ihr Max Frisch
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Paris, 29. Mai 1960
Lieber Max Frisch,
ich möchte Ihnen noch einmal für das Gespräch bei Ihnen in Uetikon danken.
Vieles, ich weiß, wollte nicht ins Wort, ließ sich nicht greifen. Vielleicht war aber gerade das unser beider Gewinn: das so scharfe Hervortreten der Konturen, das wir dem Psychologischen – es gehört zweifellos zum Unumgänglichen – verdanken, hat, glaube ich, seine Kehrseite –: die Entfernungen, die Räume, das In-derZeit-Stehen der Dinge, das alles wird dabei aufgehoben. (In unserm Gespräch blieb es unaufgehoben.)
Ich glaube wirklich, daß es etwas gibt, das hier mitspielt“, uns allen – so oder so – mitspielt; ich meine dabei das, was ich im Gespräch mit Ihnen objektive Dämonie“ nannte – ohne es durch diese Bezeichnung wirklich benannt zu haben. Zufall“ wäre vielleicht ein anderes Hilfswort dafür, in dem Sinne etwa, daß es das uns Zugefallene und Zufallende ist; auch ein Wort wie Schicksal“ mag hier mitunter helfend“ hinzutreten. Mit all dem haben wir wohl Berührung, wenn wir schreiben.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Paul Celan
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78 rue de Longchamp
Paris 16e
23. Januar 1958.
Meine liebe Ingeborg,
heute abend las ich zum erstenmal in Ihren Gedichten, sehr lange. Sie haben mich erschüttert. Ich habe viel durch sie verstanden, und ich schäme mich der Reaktionen, die ich hatte, als Paul zu Ihnen zurückging. Seit heute abend glaube ich, Sie ein wenig besser zu kennen. Ich verstehe, wie sehr Sie während dieser vergangenen sechs Jahre leiden mußten. Ich weinte, Ingeborg, als ich mehrere Ihrer Gedichte las. Ich verstand, und ich schämte mich. Die Welt war wirklich zu ungerecht gegen Sie. Wie schlecht ist alles eingerichtet!
Ich habe gelitten, das wissen Sie, als ich Paul sich entfernen fühlte, so weit . . . bei seiner Rückkehr aus Köln im Oktober, aber Sie haben so viel mehr gelitten. So viel mehr.
Ich würde Ihnen gerne die Hand drücken, Ingeborg
Gisèle
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Kirchgasse 33
Zürich, 20. Dezember 1959
Meine liebe Gisèle,
Sie wissen vermutlich, daß ich Ihnen einen Brief schreiben und Sie um Hilfe bitten wollte, als ich letzten Monat so verzweifelt war. Aber im Grunde möchte ich zu sehr, daß Sie nur den Schmerz und die Sorgen von Paul tragen müssen, und ich weiß, daß schon das Ihre ganze große und schöne Kraft verlangt. So bleibt mir wenig zu sagen – aber ich habe, nach wie vor, mehr Vertrauen in Ihre Kraft und Ihre Gegenwart als in alle Worte, als in alle Briefe. Um Paul im Unglück zu helfen, um ihn auch von allem Mißtrauen zu erlösen, wo es ohne Grund ist, wird Freundschaft niemals genügen, sondern diese Gegenwart und all das, was Sie ihm geben, die unerschöpfliche und tapfere Liebe. – Gisèle, noch einmal bedauere ich, daß wir uns im Sommer nicht getroffen haben, und oft glaube ich, daß vieles nicht so schlimm gekommen wäre, wenn wir hätten miteinander sprechen können. Ich fürchte Briefe mehr und mehr, weil sie uns unbeugsam ansehen, wenn man nur das lebendige Wort sucht – und sogar den lebendigen Widerspruch.
In wenigen Tage wartet Eric auf den Weihnachtsmann. Aber wir, die wir nicht auf ihn warten und nicht einmal auf das kleinste Wunder . . . wir müssen darauf warten, einer für den anderen, und deshalb lebe ich im geduldigen Warten darauf, daß alles gut wird.
Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ruhige, schöne Tage, und Glück!
Ingeborg
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78 rue de Longchamp Paris 16e
2. Dezember 1960
Meine liebe Ingeborg,
acht Tage sind vergangen, seit Paul nach Zürich gefahren ist, er fuhr mit leichtem Herzen in der Hoffnung, auf menschliche und wahre Reaktionen zu treffen, er wurde nicht enttäuscht, er hat Sie gesehen und auch Weber. Er hatte wieder Mut und Hoffnung gefaßt.
Acht Tage sind vergangen! . . . Und nichts ist passiert, Ingeborg. Paul ist verzweifelt. Paul ist erschöpft, Paul geht es nicht gut. Er hat keinerlei Mut mehr, diese Geschichte muß in ihrer ganzen Wahrheit unbedingt ans Tageslicht. Ich bitte Sie, tun Sie alles dafür, was Sie können. Helfen Sie den Leuten zu verstehen, daß diese ganze Geschichte unwürdig ist, und daß man nicht tatenlos zusehen darf.
Das alles dauert nun schon sieben Jahre, langsam wird es spät für Paul, sehr spät, es geht nicht um Worte, nicht um Trost, jetzt sind Taten notwendig, die Leute müssen in den Zeitungen schreiben, müssen die Lügen, die Verleumdungen anprangern, aber sie müssen das schnell tun, Ingeborg, sie müssen das sofort tun. Es ist ihre Aufgabe, das zu tun, im Namen der Wahrheit, der Poesie, was das gleiche ist – Man muß sich auflehnen, sich empören, man darf nicht zulassen, daß das weitergeht. Ich sage es Ihnen noch einmal, Ingeborg, Paul kann nicht mehr. Er wartet jedesmal, wenn die Post kommt, jedesmal, wenn die Zeitungen erscheinen, sein Kopf ist voll von all dem. Für anderes ist kein Platz mehr – Wie könnte es auch anders sein nach sieben Jahren?
Seit seiner Rückkehr aus Zürich, als er wirklich wieder voller Hoffnung war, voller Mut, entschlossen zu arbeiten, fast glücklich, hat ihn keine Zeile erreicht. In der N.Z.Z. einige Zeilen, die auf die Entgegnung in der Rundschau hinweisen: das ist alles, das ist sehr dünn, das ist sehr, sehr wenig, und wenn das alles wäre, wäre es schrecklich. Es gab auch einen Anruf von Armin Mohler, einem ehemaligen Nazi, der wohl, wenn es nicht schon geschehen ist, etwas für die Zeitung von Rychner schreiben will; Sie verstehen, daß uns das nicht gerade freut und daß wir auf andere Stimmen als gerade die seine hoffen. Armin Mohler, der ehemalige Nazi, übernimmt Pauls Verteidigung: verstehen Sie, Ingeborg, wie sehr das verletzt.
Kasack: Paul hat ihn nach seiner Rückkehr aus Zürich angerufen, er möchte Der Sand aus den Urnen“ . . . Ja, sicherlich, aber dennoch, muß man wirklich Beweise sehen? Ist es nicht möglich, gegen diejenigen aufzustehen, die Paul verleumden, sofort zu reagieren, wenn man seine Todesfuge“ angreift, die infamen Behauptungen anzuprangern, die sie über ihn verbreiten läßt? Kann man seine Empörung nicht niederschreiben, wenn man seinen ersten Band nicht in der Hand hat? Das alles ist schrecklich. In Pauls Gegenwart sind die Leute empört, hören ihm zu, aber sobald er fort ist, fällt alles in sich zusammen, als ob es sie nichts angehe.
Ingeborg, Sie haben Weber gesehen, Sie haben vielleicht wieder mit dem Direktor des Burgtheaters gesprochen, Sie haben Max Frisch davon geschrieben. Ich flehe Sie an, tun Sie es, tun Sie es schnell und halten Sie Paul auf dem laufenden.
Rufen Sie ihn bitte an. Helfen Sie den Leuten zu handeln. Wenn Sie wüßten, wie allein Paul ist, wie unglücklich und vollkommen zerstört durch das, was ihm zustößt.
Ich flehe Sie an, tun Sie alles, was Sie können, damit so schnell wie möglich etwas Positives zustande kommt. Lassen Sie ihn nicht ohne Nachricht.
Am Sonntag kommt Frau Fischer nach Paris, wir sollten sie bei Freunden sehen. Aber . . . so unglaublich das scheint, Freunde von C.G. sind dort eingeladen, so weit sind wir. In seinem eigenen Verlag weiß er nicht, wen er trifft. Gestern hat er abgesagt.
So ist die Lage, Ingeborg, sie ist sehr schlecht. Erlauben Sie mir, Ihnen es noch einmal zu sagen, man muß handeln, schnell handeln – Lassen Sie Paul nicht im Stich, halten Sie ihn auf dem laufenden. Sie können ihm helfen. Tun Sie es bitte. Tun Sie es sofort. Nicht mit Worten oder Trost, damit könnte er nichts anfangen. Tatsachen, Gesten, konkrete und mutige Taten – Im Namen der Wahrheit, im Namen der Dichtung, im Namen Pauls, bitte ich Sie flehendlich darum.
Bitte behandeln Sie meinen Brief als ganz persönlich und sprechen Sie mit niemandem über das, was ich Ihnen zu Pauls Zustand sage.
Wir sind sehr verzweifelt, ich sage es Ihnen, Ihnen, die es verstehen werden.
Gisèle.
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78 rue de Longchamp Paris 16e
10 mai 1970
Meine liebe Ingeborg,
ob mein Brief Sie erreicht, weiß ich nicht. Ich denke, daß Sie die schreckliche Nachricht erfahren haben. Ich wollte Ihnen trotzdem schreiben.
Am Donnerstag, dem 16. April, merkte mein Sohn Eric, der wie gewöhnlich mit Paul essen war, daß es ihm wieder sehr schlecht ging. Ich rief ihn selbst am Tag drauf an und bis zum Sonntag, dem 19. April; Freunde, die versuchten, ihn zu erreichen oder die ihn trafen, haben mir nur bestätigt, daß er sich wieder in einer Krise befand.
In der Nacht von Sonntag auf Montag, 19. auf 20. April, verließ er seine Wohnung, um nie mehr zurückzukommen.
Zwei Wochen lang habe ich ihn überall gesucht, ich hatte keine Hoffnung, ihn lebend wiederzufinden. Am ersten Mai fand ihn die Polizei, also fast zwei Wochen nach seinem schrecklichen Schritt. Ich erfuhr es erst am 4. Mai –
Paul hat sich in die Seine gestürzt. Er hat den namenlosesten und einsamsten Tod gewählt.
Was kann ich anderes sagen, Ingeborg. Ich habe ihm nicht helfen können, wie ich es gerne gewollt hätte.
Eric wird nächsten Monat fünfzehn.
Ich umarme Sie
Gisèle Celan
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Jean Bollack, Bericht
Heute morgen ist Paul beerdigt worden, um 9 Uhr auf dem Friedhof Thiais, in Anwesenheit von etwa 30 Leuten, der Familie von Gisèle und einigen Freunden. Den Beamten der städtischen Polizei, von Übersee, nicht mitgezählt. Unter einem feinen Frühlingsregen. Man verbeugte sich vor der Grube und umarmte dann Gisèle und Eric, der, ganz verwandelt, auf eine seltsame Weise seinem Vater ähnlich war.
Dienstag, 12. Mai 1970
Jean
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb, Suhrkamp, Suhrkamp Verlag