28. Januar 2005 Vielleicht ist Martin Walser ja gar nicht der großmächtige Goliath der deutschen Sprache, der so gern ein David sein möchte und sich deshalb immer dann, wenn er mit gefährlich aussehenden Wörtern fuchtelt, darüber wundert, daß das Feuilleton seine Davidspflicht tut. Vielleicht ist er in Wahrheit der Parsifal der deutschen Literatur, der mit staunenden Augen durch den dunklen Wald der Welt wandert, um zu lernen, was es mit der Erlösung auf sich hat. Jedenfalls blickt er zu Beginn seines neuen Buches, das seine im letzten Jahrfünft entstandenen Aufsätze versammelt und damit auch zu einer Chronik der deutschen Aufgeregtheiten zu Beginn des dritten Jahrtausends geraten ist, geradezu erlöst auf das Wort Erlösung, als er es Adorno unvermutet im letzten Abschnitt der "Minima Moralia" verwenden sieht: "Egal, ob wir noch erlösbar sind oder nicht, allein der Gebrauch des Wortes Erlösung ist wenigstens eine Erlösung aus dem Richtig/Falsch-Dilemma."
Und gewiß klingt in dem am Ende des Bandes abgedruckten, im Jahre 2002 anläßlich eines Gesprächs mit dem Bundeskanzler gehaltenen Vortrag, der nicht das Geschichtsgefühl, sondern "ein Geschichtsgefühl", nämlich das Walsersche, zum Thema hat, auf höchst Walsersche Weise bei dem Versuch, das Wort Nation zu definieren, der Nachhall eines Parsifal-Motivs an: "Man kann nämlich durch Empfinden wissend werden." "Durch Mitleid wissend, / der reine Tor", so heißt es in Richard Wagners "Parsifal", und wem diese Assoziation im Falle Walsers zu weit hergeholt erscheint, der sei daran erinnert, daß die schönste Wortneuprägung in diesem an schönen Wortneuprägungen nicht eben armen Buch am Ende der eben zitierten Rede steht: "Geschichtsmitgefühl". Daß wir Geschichtsmitgefühl für unsere Landsleute in den neuen Bundesländern aufbringen sollen, fordert Walser dort; wie er selbst aber als Schriftsteller Geschichtsmitgefühl zu entfalten vermag, zeigt in diesem Band auf bewegende Weise zum Beispiel sein Text über das Leben der in Auschwitz ermordeten Lilli Jahn. Durch Geschichtsmitgefühl wissend: Es sollte nicht schwerfallen, einem solchen Parsifal Respekt und Sympathie entgegenzubringen, auch wenn er im dunklen Wald der deutschen Geschichte auf der Suche nach dem richtigen Wort gelegentlich stolpert und man ihm nicht auf allen Um- und Nebenwegen folgen mag. Er findet schließlich immer noch so viele richtige Worte wie kaum ein anderer.
Das liegt an seinem besonderen Verhältnis zur Sprache. Sprache gibt es für ihn nur dort, wo es Erfahrung, Empfindung, Erlebnis gibt, und so ist denn Sprache für ihn untrennbar von der Person, die sie spricht: Sprache ist "immer persönliche Sprache. Sie drückt nur aus oder verrät zumindest, wie der, der sich da ausdrückt, gerade fühlt, denkt, meint, irrt, also ist." Deshalb muß sich der Leser dieser Vorträge und Aufsätze auch darauf einrichten, sehr oft in ihnen dem Wörtlein "ich" zu begegnen, das gar nicht so klein gemeint ist, wie es daherkommt, denn in dem Blütenreichtum der Walserschen Sprachlandschaften findet ein an Erfahrung, Empfindung und Erlebnis starkes Ich den einzig ihm angemessenen Ausdruck.
Walser nennt einmal die Sprache die "andauernde Hochzeit von Natur und Geschichte". Deren Kopulation aber vollzieht sich ausschließlich in den Erfahrungen des Ich, und so wird denn die Sprache um so reicher, je persönlicher sie wird: "Wenn wir dann fürchten müssen, vor lauter Nichtanpassung der Mitteilung an irgendeinen Adressaten überhaupt keinem mehr außer uns selber verständlich zu sein, dann sind wir auf einem knospenreichen Weg." Das ist der Verehrer Hölderlins, Kafkas und Robert Walsers, der so schreibt.
Wenn Walser in den Texten dieses Bandes dennoch mit Sorgfalt darauf achtet, in seiner Sprachgewalt möglichst vielen Adressaten verständlich zu sein, dann liegt das an seinem Kampf gegen dasjenige, was er das Vokabular nennt und was Karl Kraus vermutlich noch den Jargon genannt hätte: Sprache ohne Erfahrung und ohne persönliche Prägung, erfahrungsresistente gestanzte Formeln, imprägnierte Terminologie, an der alle Empirie abperlt. Walser weiß, wovon er redet, denn auch auf seinem Sprachleib hat die Anfälligkeit fürs Vokabular tiefe Narben hinterlassen: "Am peinlichsten sind mir immer noch die Anleihen beim marxistischen Vokabular."
Um so härter schlägt dann dieser mit "historisch geschulten Empfindungen" gewappnete Jünger der Sprache auf diejenigen ein, in denen er die aktuellen Sachwalter des Vokabulars erkennt: die "Diskursfürsten". Denn: "Vokabulare sind dazu da, daß man am Diskurs auch mit wenig Erfahrung teilnehmen kann." Solche Diskursfürsten sieht Walser, wie er nicht müde wird zu wiederholen, vor allem in den Medien sitzen. Die möchte er dann am liebsten als "linksliberale Intellektuelle" beschimpfen. Aber das wäre erstens höchst unpräzise und zweitens, wie er zwar genau weiß, aber nicht selten zu vergessen scheint, eben auch nur Vokabular.
So haben all die Auseinandersetzungen, die seit der Paulskirchenrede um Walser geführt worden sind, bei diesem zu einem neuen Nachdenken über die Sprache geführt, und die Leser dieses Buches werden dies als Gewinn verbuchen. Dabei greift er noch einmal zur eigenen Positionsbestimmung auf seine bewährte poetische Leitfigur Friedrich Hölderlin zurück, dessen "feiernde Tonfolgen" von der Angst leben, "daß Nichts herrsche", die angeschrieben sind gegen das Ausruhen in der Verneinung und aus Nichts und Gegennichts einen einzigartigen Ton formen, den Walser nennt, wie nur Walser ihn nennen kann, nämlich "schlechthin gezwirnt". Die poetische Erzeugung eines solchen Gegentons allein aus Sprache, das "lichtsüchtige" Anschreiben gegen die Finsternis, die Überwindung, nein "Verklärung unserer Mangelhaftigkeit" durch Kunst, die Arbeit des Autors an der Sprache: das ist es, was Walser - nicht sehr glücklich, wie ich meine - "die Verwaltung des Nichts" nennt. Er wäre aber nicht Martin Walser, wenn er dasselbe nicht auch erheblich präziser und schöner sagen könnte: "Meine Arbeit: Etwas so schön sagen, wie es nicht ist."
Das muß man allerdings können, und Martin Walser kann es. Natürlich je nach Thema und Kenntnisstand, wie es bei solchen ja auch von der Auftragslage bestimmten Zusammenstellungen zu geschehen pflegt, in unterschiedlichem Grade: "Der schöngemachte Schmerz, das ist Musik." So anläßlich der Frauenstimmen in den Opern von Richard Strauss, und das ist denn doch wohl zu schön, um wahr zu sein. Wo sich Martin Walser aber hervorragend auskennt, also etwa im Bodenseegebiet, da gelingt ihm die Verwaltung des Nichts hinreißend schön. Die Aufhebung der "Gleichgewichtsverpflichtung" beim Schwimmen im Bodensee, die Zärtlichkeit der Bodenseelandschaft und ihrer "Erdgeschichtspoesie", die "jeweils fällige Kirchenjahrszerknirschung" der Kirchgänger ("dann vor den Gräbern stehend, die Drandenkzeit mit der Seele zählend"): das ist, in dem Text "Aufgeschriebene Zeit", in einer nahezu schwerelosen und dennoch höchst präzisen Sprache poetischer Realismus vom Feinsten. Und es mußte einfach geschehen, daß dieser sprachmächtige Meister der Nachkriegsliteratur eines Tages dem sprachgewaltigsten Meister der Poesie der ersten Jahrhunderthälfte begegnen und in ihm einen Bruder im Geiste - nicht im Geiste der Politik, wohl aber in dem der Sprache - entdecken würde: Rudolf Borchardt.
In dem großen (zuerst in dieser Zeitung erschienenen) Aufsatz über den Briefwechsel Borchardts mit Rudolf Alexander Schröder, der das gewaltig klopfende Herz dieser Sammlung bildet, blüht die Walsersche Sprache noch einmal mächtig auf, als habe sie sich zuvor mit dem Wärmestrom der Borchardtschen Prosa ganz vollgesogen (F.A.Z. vom 6. November 2001). Er erzählt diesen Briefwechsel als einen gewaltigen Abenteuerroman der Sprache, mit Respekt vor dem "hanseatisch geübten Proportionswahrer" Schröder und liebender Verehrung für den "Freiheitsübermut" und die "Einsamkeitskraft" Borchardts, dessen Dante-Übersetzung noch nie so sprachtrunken gerühmt worden ist wie hier: "für jeden Sprachmenschen eine Art Wildwasserkanufahrt im Dichterelement selbst".
Und so steht Martin Walser denn, ein Apostel seiner erfahrungsgesättigten Emotionsgewißheiten, ein deutscher Nonkonformist und Rechthaber - "Ich bin alles andere als nicht rechthaberisch. Aber dann will ich auch noch darin recht haben, daß man nicht recht haben kann" -, getragen von seiner großen Sprachkraft, die geistigen Wegbegleiter Hölderlin und Kierkegaard zur Linken und zur Rechten, als aufrechter Verwalter des Nichts vor uns und diktiert uns solche Sätze ins Stammbuch: "Ohne Gott ist die Welt nur als Schönes zu rechtfertigen." Und: "Ich rede mir ein, man könne immer versuchen, der Macht zu zeigen, wie häßlich sie ist." Und: "Genauigkeit ist doch ganz von selber etwas Schönes." Und: "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr."
Und wer ihm dann noch, nach derart virtuos vorgeturnter Verwaltung des Nichts, skeptisch gegenübersteht, über den schwingt er am Ende aufs graziöseste den Morgenstern seiner Selbstgewißheit: "Und ich behaupte: Mir fällt gegen mich mehr ein als Ihnen." Das muß das keltische Erbe sein, auf das man sich im Bodenseegebiet einiges zugute hält.
ERNST OSTERKAMP
Martin Walser: "Die Verwaltung des Nichts". Aufsätze. Rowohlt Verlag, Reinbek 2004. 284 S., geb., 22,90 [Euro].
Buchtitel: Die Verwaltung des Nichts
Buchautor: Walser, Martin
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2005, Nr. 23 / Seite 36
Bildmaterial: Rowohlt