Imre Kertész: Liquidation

Nur die erzählte Geschichte hat ein Ende

04. Oktober 2003 Wenn man kein Geld hat, spielt man mit den „Valeurs, die einem das Leben zugeteilt hat“. Wieviel Jahre stalinistisches Internierungslager wiegen Mauthausen oder Birkenau auf? B. steigt immer aus, wenn die KZ-Veteranen und Dissidenten „Lagerpoker“ spielen; er glaubt einen unüberbietbaren Trumpf in der Tasche zu haben: Auschwitz. B. war eine Figur aus Imre Kertész' Roman „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“; jetzt taucht der Überlebende, der nach Auschwitz keine Kinder mehr zeugen wollte und mit seiner radikalen Negation Liebes- und Lebensglück verspielte, wieder auf.

„Liquidation“, der erste Roman des Nobelpreisträgers seit 1989, ist eine Art Fortsetzung von „Kaddisch“, und B., Spielfigur und Medium von Kertész, trägt den veränderten politischen und persönlichen Rahmenbedingungen mit einer korrigierten Biographie Rechnung. 1944 im KZ geboren (in „Kaddisch“ war er noch, wie Kertész, fünfzehn Jahre älter), überlebte er Auschwitz wie durch ein Wunder. Die stalinistische Diktatur hielt den Verlagslektor und Übersetzer am Leben, genauer: verdammte ihn zum Weiterleben. Jetzt, 1990, sind plötzlich alle Sicherheiten liquidiert: Gefängnisstaat, Verlag, Vergangenheit, selbst die „sogenannte Wirklichkeit“. Die Erfahrung der Schicksallosigkeit, der Widerstand gegen die totalitäre Zerstörung des Subjekts schenkten B. eine paradoxe Form der Identität: Er war der lebende Widerspruch, der mit seiner Selbstzerstörung Zeugnis ablegen wollte vom Ende aller Zivilisation. Das Leben ist ein Konzentrationslager, schrieb er in seinem nachgelassenen Theaterstück „Die Liquidation“: „Sich selbst umzubringen ist gleichviel wie / die Wache überlisten / fliehen desertieren / den Zurückgebliebenen eine Nase drehen.“ Aber das „einzige würdige Selbstmordinstrument“, die unhintergehbare Revolte, ist doch das Leben selbst, wie Kertész mit Anklängen an Camus, Cioran und Beckett schreibt.

Sein schicksalloser Schicksalsstoff

Imre Kertész

Imre Kertész

B. aber ist 1990 nur noch der Schatten eines Schattens. Die Kraft zum Widerstand, der „Überlebenstrotz“ ist verbraucht, seit die Welt offen vor ihm liegt. Seine geschiedene Frau Judit besorgt ihm das Gift für seinen Selbstmord und verbrennt als letzten Liebesbeweis seinen großen Roman über Auschwitz. „Ich will mein Zelt nicht auf dem literarischen Jahrmarkt aufschlagen“, schrieb B. in seinem Abschiedsbrief, „ich will meine Ware nicht feilbieten. Häßliche Ware, nicht für Menschen bestimmt.“ Der ominöse Roman ist, wie Kertész' „Roman eines Schicksallosen“, der Fluchtpunkt aller Lebenslinien und Erzählstränge. Für B.s alten Freund und Kollegen, den Lektor Keserü (zu deutsch: der Bittere), wird er zur Obession. Verzweifelt sucht der selbsternannte Nachlaßverwalter den Roman, der sein verpfuschtes Leben rechtfertigen und ihm, dem Nichtjuden, das „Geheimnis“ von Auschwitz offenbaren soll. Er findet nur „Die Liquidation“, die „Komödie“, in der B. in einer Art postmodernen Volte seinen eigenen Selbstmord begründet und ratifiziert hatte. Auch Imre Kertész arbeitete an einem Theaterstück, als die Liquidation des Staatssozialismus ihm die Grundlagen seiner Existenz entzog. Wenn er jetzt aus dem Torso des Stücks einen schmalen, hochkonzentrierten Roman über den Umgang mit dem Zivilisationsbruch Auschwitz nach 1989 rekonstruiert, nimmt er damit die Liquidation der Vergangenheit zurück.

„Liquidation“ ist eine Art Summe seines Werks - und zugleich eine zögernde Abkehr vom düsteren Pessimismus: eine erzählerische Selbstentfesselung, in der Kertész seine Dialektik vom Untergang und Überleben der traumatischen Wirklichkeit in der Literatur spielerischer und befreiter als je zuvor entfaltet. Auschwitz bleibt, ungesagt oder als Trumpfkarte ausgespielt, das beherrschende Thema aller Gespräche, Gedanken und Handlungen. Aber noch nie ist Kertész so souverän und ironisch mit seinem schicksallosen Schicksalsstoff umgegangen. Elemente von Drama und Lyrik, Kriminal- und Liebesroman, Selbstzitate, Zeitsprünge, Überblendungen, Rollen- und Perspektivwechsel machen „Liquidation“ zu seinem komplexesten Roman. Er erinnert manchmal fast an die virtuosen Vexierspiele, mit denen Philip Roth jüdische Identität und autobiographische Erfahrungen fiktionalisierte; aber Kertész verrät dabei nie seinen Ernst und seine moralische Skepsis um der Provokation willen.

Der beflissene, zu Unrecht berühmte Philologe von Auschwitz

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Liquidation
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„Seine Geschichte war zu Ende, ihn selbst aber gab es noch, und das war ein Problem“: Wie mit der Erinnerung an Auschwitz umgehen, wenn sich alle Wirklichkeit verflüchtigt? Wie Subjekt sein, wenn trotzige Verweigerung und unversöhntes Außenseitertum als Identitätskern ausfallen? B. und sein Bewunderer Keserü sind spiegelbildlich aufeinander bezogene Möglichkeiten des Umgangs mit dem Holocaust. B. wollte Auschwitz in und mit seinem Leben überwinden und wurde wider Willen zum Schriftsteller, sogar zum Komödienschreiber, weil der „total reduzierte Mensch, anders gesagt: der Überlebende“ kein tragisches Schicksal hat. Er hielt sich durch seine radikale Negation „unschuldig wie eine alte Jungfer“; aber durch Schweigen, Erinnern und Dulden versäumte er auch ein Leben, das ihm nicht mehr als ein tristes Dahinvegetieren voller Kompromisse, Schuld und Scham sein zu können schien. Keserü ist B.s „ferner, bildloser Traum“ und Kertész' anderes Alter ego, ein Schriftgelehrter, der die Welt nur durch und als Literatur wahrnimmt. „Die Menschen leben wie die Würmer“, sagt er, „aber sie schreiben wie die Götter.“ Er freilich ist nur „ein Hausaufgaben verbessernder Sklave, ein starblinder Korrektor“, eine in jeder Hinsicht parasitäre, sekundäre, voyeuristische Figur. Nicht zufällig teilt er mit seinem Idol nicht nur Bücher und Beruf, sondern auch die Geliebten. B.s Selbstmord erspart ihm den eigenen; B.s Roman würde ihn zum Schriftsteller machen, B.s Apathie reizt ihn - eher aus Ekel, Langeweile und „reinem Spieltrieb“ als aus Überzeugung oder gar Hoffnung - zu einer „action gratuit“: Er lehnt das Buch eines Apparatschiks ab und verspielt dadurch seine Karriere und seine Ehe. Keserü will mit „reuevollem Eifer“ die Schuld der Welt auf sich nehmen, aber zum Erlöser fehlt ihm die Entschlußkraft, zum Märtyrer die eigene Erfahrung, zum Überleben der Wille: Er bleibt der beflissene, zu Unrecht berühmte Philologe von Auschwitz.

Judit, Jüdin der zweiten Generation, entzieht sich dem mephistophelischen Spiel der alten Männer, die Liebe und Leben als Spielmarken im Lagerpoker einsetzen. Ihr B. war zuletzt so verbittert, daß er nicht einmal mit ihr nach Florenz reisen wollte; in seiner negativen Ästhetik war selbst ein Michelangelo durch die „Kunst des Mordens“ böse geworden. Judit verläßt ihren „Bräutigam Auschwitz“ und wird mit einem reichen Architekten glücklich. Der Vergangenheit kann auch sie nicht entkommen, aber doch ihrer sinnlosen, selbstzerstörerischen Wiederholung. Das Leben kann nur weitergehen, wenn der Bann der Vergangenheit gelöst, das Böse liquidiert wird. „Gehe weiter - Abbrechen“: Die beiden Optionen des Textverarbeitungsprogramms sind das letzte, was auf Keserüs Monitor aufleuchtet. Man kann die Geschichte nicht fortsetzen und keine neue anfangen; beides ist gleich unmöglich. Aber „nur wenn unsere Geschichten erzählt werden, können wir erfahren, daß unsere Geschichten zu Ende sind, sonst würden wir weiterleben, als ob wir etwas fortsetzten (beispielweise unsere Geschichte), das heißt also, im Irrtum leben“. Schreiben nach Auschwitz bleibt für Kertész ein unauflösliches Paradox. In „Liquidation“ aber hat er sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen und seinen Auschwitz-Zyklus mit einem würdigen Schlußstein gekrönt. „Ein großer Schriftsteller“, sagt sein tragischer Sancho Pansa Keserü einmal, „hinterläßt kein unvollendetes Werk.“

Buchtitel: Liquidation
Buchautor: Kertész, Imre

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2003, Nr. 230 / Seite 50

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