Die Sterne sind abgewetzt wie ein altes Sofa

Silke Scheuermanns Geschichten / Von Kolja Mensing

16. März 2005 Es ist nicht leicht, mit Lyrik erfolgreich zu sein, aber Silke Scheuermann ist es gelungen. Vor vier Jahren bekam sie den Leonce-und-Lena-Preis zugesprochen, kurz darauf feierte die Kritik ihr Debüt "Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen", und im vergangenen Frühjahr stellte sie eine weitere, vielbeachtete Sammlung mit Gedichten zusammen. Für ihr drittes Buch hat sie nun nicht nur den Suhrkamp Verlag verlassen und ist zu Schöffling & Co. gewechselt, sie hat sich auch einer neuen Gattung zugewandt: "Reiche Mädchen" ist ein Band mit Erzählungen.

"Was kommt wenn wir uns alle Geschichten erzählt / haben", hatte Silke Scheuermann in einem ihrer melancholischen Gedichte geschrieben, was kommt, wenn "das Lexikon unserer Luftschlösser durchbuchstabiert / ist und wir unseren Stern durchgesessen haben wie das Sofa". Die Antwort auf diese durchaus aus dem Leben gegriffene Frage gibt sie jetzt in Prosa, und sie fällt nicht gerade optimistisch aus. Franziska zum Beispiel ist in der "Krieg und Frieden" überschriebenen Erzählung die Beziehung zu Timo bereits seit längerem langweilig geworden, und auf seine verständnisvollen Anrufe, die sie Abend für Abend "pünktlich wie die Tagesschau" erreichen, würde sie lieber verzichten. Darum gehört also auch sie jetzt "zu den Frauen, die eine Affäre haben".

Sie schläft mit einem Dozenten von dem Lehrstuhl, an dem sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt ist, doch der Wechsel von einem Luftschloß in das andere verläuft nicht ganz so glatt, wie sie es sich zunächst erträumt hat. Hoffnungsvoll erkundigt sich Franziska an diesem Abend wieder einmal nach der zerrütteten Ehe ihres Liebhabers, und während er auf dem zerwühlten Bett liegt und eine Zigarette raucht, bekennt er voller Selbstmitleid, daß er sich ein Leben ohne seine Frau nicht vorstellen könne. "Das ist leider nicht anders denn als Rückschlag zu verbuchen."

Silke Scheuermanns Stil ist gewöhnungsbedürftig. So gibt der Liebhaber in "Krieg und Frieden" nicht einfach nur eine "klägliche" Figur ab, sondern wirkt gleich "wie ein Fünftkläßler, der gerade einen Verweis bekommen hat", und zunächst wird man den Eindruck nicht los, daß die Dichterin der ungebundenen Sprache nicht so recht über den Weg traut. Sehr viel häufiger als nötig greift sie in ihren Erzählungen zu Metaphern und wilden Vergleichen. Ein Vortragender in der Universität haut gleich in den ersten Sätzen mit seinen "weißen Altmännerhänden" in die Luft, "als wolle er dort seine Thesen festklopfen", bei einem gemeinsamen Spaziergang wird der wehleidige Dozent zu einer "Siegertrophäe".

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Reiche Mädchen
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Manchmal ist Silke Scheuermann in ihre eigenen Einfälle sogar so verliebt, daß kein Komma und kein Punkt sie stoppen kann. "Ich benutze seine Worte wie einen ausgeliehenen Füllfederhalter", läßt sie Franziska feststellen - und widmet sich dann noch endlos ebendieser Feder, die "bei mir aber nicht so gut schreibt, keinen so guten Eindruck hinterläßt, zumindest würde jeder Graphologe Verstellung und Unsicherheit konstatieren, und mit Grausen wird mir bewußt, er hätte recht". Immerhin bleibt Silke Scheuermann an dieser Stelle noch im Bildbereich. Einige Seiten später ist auch diese Barriere überwunden, und im Frankfurter Bahnhofsviertel hebt ein "eintöniger Mix aus orientalischer Musik und Popsongs" an, der "seine Fangarme" über die "frühe Müdigkeit" einer der Erzählerinnen wirft. So nah sind sich Straßengeräusche, Meeresbiologie und körperliche Empfindungen in der Literatur bisher nur selten gekommen.

Doch anscheinend mußte Silke Scheuermann sich nur warm schreiben. Nach den ersten zwanzig oder dreißig Seiten nehmen die unnötigen stilistischen Verzierungen und Verrenkungen in "Reiche Mädchen" nämlich glücklicherweise immer weniger Platz ein. Dafür zeichnen sich jetzt um so schärfer die Konturen der bedrückend leeren Welt der Thirtysomethings ab. Die gelangweilte Franziska und ihr unentschiedener Hochschuldozent waren nur der Anfang eines ganzen Reigens trauriger Figuren, die immer nur das bekommen, was sie gerade nicht wollen. Lisa, die naive Buchhändlerin, sucht über eine Kontaktanzeige nach einer "intensiven Beziehung" und gerät in einen masochistischen Albtraum aus Blut und Leder, Natalie hangelt sich von einer Beziehung zur nächsten, nur um die Männer wie ein Vampir "auszusaugen, alles aus ihnen herauszupressen" und sie dann wieder zu verlieren - und seit Jakob von seiner Freundin verlassen worden ist, verbringt er die Tage damit, in dem leeren Haus "auf den Schmerz zu hören" und das Kind zu vergessen, "das er mit Mona nicht gewollt hatte".

Hier ist jeder nur mit sich selbst beschäftigt, und auch der Sex ist in dieser selbstverliebten Welt natürlich längst zu einer lästigen Nebensache geworden. Die kurzen, intimen Begegnungen der Protagonisten, die jetzt in einem rohen und unbehauenen Vokabular geschildert werden, sind nicht mehr als ein "Anschwellen der Venen" und ein "Stechen zwischen den Beinen" und der scharfe Geruch von Körperflüssigkeiten. In manchen Momenten sieht die atemlose Begegnung zweier nackter Körper sogar "der Liebe täuschend ähnlich", aber selbst diese klebrige Illusion hält meistens keine fünf Minuten, geschweige denn ein ganzes Leben.

Kein Wunder also, daß die reichen Mädchen und rundum versorgten Jungen in Silke Scheuermanns Erzählungen sich am liebsten für immer aus der tristesse royale ihrer gemütlichen Zwei-Zimmer-Wohnungen und aufwendig renovierten Eigenheime am Stadtrand verabschieden würden. "Gleich daheim werde ich noch ein bißchen arbeiten und später das Essen vorbereiten, ich werde noch eine Weile mit Clemens dasitzen, vielleicht die Nachrichten ansehen, den Kanzler betrachten, die neuesten Informationen über die Ausbreitung von Sars anhören, den Wetterbericht registrieren, und dann wird der Tag auch schon vorbei sein", ahnt zum Beispiel die junge Übersetzerin Lizzy.

Mit erschreckender Umsicht und kalter Präzision bereitet sie darum ihren Ausstieg aus dem vermeintlichen Idyll der Zweierbeziehung vor - und kümmert sich sogar um eine neue Lebensgefährtin für ihren vielbeschäftigten Freund. Im Traum schaut sie durch die hellerleuchteten Fenster der Küche bereits zufrieden auf "eine friedliche, häusliche Szene", in der für sie selbst kein Platz mehr ist. Die Lücke ist bereits geschlossen, und das ist das Tragische an Lizzy, Franziska und den anderen Figuren: Sie verschwinden, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen.

Man hat solche Szenarien schon häufiger gelesen. Vermutlich wäre "Reiche Mädchen" darum einfach nur ein weiterer, zum überwiegenden Teil sogar recht beeindruckender literarischer Bericht aus dem Alltag einer sich selbst überdrüssigen Generation - wenn nicht eine Erzählung vollkommen aus dem Rahmen fallen würde. Ihr Titel: "Die Umgebung von Blitzen".

Carl ist ein alter Mann, der die Zeit der gesunden Selbstzweifel und kreativen Lebenskrisen längst hinter sich hat. Dafür erschrickt er sich nun vor dem "komischen, verhutzelten Männchen", das ihm aus dem Spiegel entgegensieht. Um den Gedanken an den Tod möglichst weit zurückzudrängen, beschäftigt er sich bereits seit längerem zum Leidwesen seiner Frau ausführlich mit dem umstrittenen Phänomen der Kugelblitze. Carl verbringt ganze Nachmittage und Abende mit Feldstecher, Fotoapparat und Notizblock am Fenster, um Belege für seine fragwürdigen Theorien zu sammeln.

Während die 1973 geborene Silke Scheuermann nun diesen kleinen, reichlich verschrobenen Mikrokosmos eines Rentners ausarbeitet, fällt plötzlich der ganze Ballast ihrer Generation und ihrer Autobiographie von ihr ab. Vergessen sind die Jakobs und Franziskas, Lizzys und Lisas, und wie von selbst läuft die Erzählung auf einen einzigen, zärtlichen Moment hinaus. Carl und seine Frau, die eigentlich längst genug von diesen "blöden Blitzdingern" hat, warten wieder einmal gemeinsam darauf, daß ein Gewitter aufzieht. Als sie anschließend wie ein vergreister Werther und eine in die Jahre gekommene Lotte in das Unwetter starren, sagt sie, nur weil sie ihn liebt, daß sie die unscharfe, orange Kugel am Waldrand auch gesehen hat - und weil er sie liebt, zweifelt er nicht an ihren Worten.

Schöner kann man vom Glück und all den anderen Illusionen des Lebens nicht schreiben. Und wenn wir, die ewig um die Dreißigjährigen, uns zuletzt alle unsere Geschichten erzählt haben, dann werden wir genau so etwas lesen wollen. Das wird sehr bald sein.

Silke Scheuermann: "Reiche Mädchen". Erzählungen. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2005. 162 S., geb., 16,99 [Euro].

Buchtitel: Reiche Mädchen
Buchautor: Scheuermann, Silke

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005, Nr. 63 / Seite L2

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