02. Dezember 2003 Jonathan Carroll ist Amerikaner, lebt in Wien und sagt von sich, sein Deutsch sei passabel, aber nicht fließend. Sollte das wahr sein und er selbst deshalb noch nicht gemerkt haben, welches Glück ihm widerfahren ist, dann wird es Zeit, daß es ihm jemand ausrichtet: In Rainer Schmidt hat dieser realistische Abwäger des Unwägbaren und optimistische Erzähler von verlorenem Glück, melancholischen Unsterblichkeiten und Hunden, die eigentlich Engel sind, einen sehr raren Vogel eingefangen - den zweisprachigen Kopf, der sich nicht demütig zurücknimmt beim Übertragen, sondern seinen Wortschatz dem des Autors gegenüber in Stellung bringt, damit das reizvolle Schachspiel anfangen kann.
Ein bewegliches Heer von Metaphern sei die Wahrheit, sagt Nietzsche - man nehme noch ein paar lebhafte Verben dazu, lasse den "König Cholesterin" in der Kneipe also "gurren" oder einen anderen suspekten Gesprächspartner "dreckig glucksen", lege auf das Ganze trockenste Wehmut samt unterschwellig nekrophilem Wiener Schmäh - "Ein feiner Gast - du lädst ihn ein, und er fällt tot um", und hat bereits den ganzen Carroll-Duktus.
Den braucht man unbedingt, wenn man Geschichten zu erzählen hat wie die in Jonathan Carrolls "Crane's View"-Büchern, von denen die Kritikerin Pat Conroy geschrieben hat, man fühle sich bei der Lektüre, "als ob man eine Folge von ,Akte X' oder ,Twilight Zone' anschaut, deren Drehbuch von Dostojewski oder Italo Calvino stammt". Vor etwas mehr als einem Jahr erschien, ebenfalls in Schmidtscher Übertragung, der Vorgängerband "Fieberglas". In dieser Zeitung wurde damals gefordert, den "noch schöneren Nachfolger ,The Wooden Sea' bald auf deutsch" erscheinen zu lassen (F.A.Z. vom 11. Mai 2002). Das ist jetzt geschehen, und obgleich der Vergleich schwer umfallgefährdet humpelt, werden endlich auch deutsche Leser erleben dürfen, daß seit Kurt Vonneguts Billy Pilgrim kein Held der Literatur komisch-trauriger aus der Zeit gefallen ist als Carrolls Kleinstadtpolizist Francis/Frannie McCabe.
Der Ermittler im Städtchen Crane's View, New York State, kommt in "Fieberglas" als Nebenfigur vor, mehr Funktion als Person. "Das hölzerne Meer" gibt ihm Gelegenheit, seine Geschichte selbst zu erzählen: Zum zweitenmal verheiratet, mit der Stieftochter auf gutem Fuß, zufrieden, gefestigt, seiner selbst sicher - bis ihm ein struppiger dreibeiniger Hund namens "Old Vertue" begegnet, den er mindestens so sehr adoptiert wie dieser ihn. Und dann öffnet sich der Vorhang, der Schleier der Illusion des behaglichen Lebens, und wir sind abermals in Carroll-Land, dem vermutlich an David Lynchs Welt angrenzenden, aber etwas samtigeren, wärmeren, menschlicheren, zivilisierten kosmischen Irrenhaus, wo man sich auf halbem Weg des Erdenlebens in seltsam vertrauter Waldesnacht verläuft.
Der Hund stirbt, Leute verschwinden, der Hund wird beerdigt, taucht aber wieder auf, eine verwünschte Vogelfeder wird gefunden, und endlich erscheint ein höheres Wesen, das die fehlende Ecke im Weltgewebe ausmalt: Es schickt den Polizisten in die Zukunft, aber auch in Regionen, die eher quer zur Gegenwart liegen als vor oder hinter ihr, und arrangiert damit den Kollaps der Gemütlichkeit, den Carroll braucht, um die Idylle im selben Atemzug als Lebensziel zu stürzen, indem er sie als Kunstziel rehabilitiert.
Tiere als Sakrament, nicht nur im Fall der Opferung, sind aus allen Kulturen und sämtlichen großen Symbolsprachen bekannt, vom Blut des Lammes bis zum Ochsen der Sonne, aber daß ein beschädigter Pitbull Instrument des Unheils wie der Erlösung sein kann, darauf konnte nur dieser Autor kommen, der kürzlich in einem Interview erklärt hat: "Die Leute fragen mich, wieso ich über Hunde schreibe. Ich denke, sie sind so etwas wie Engel. Sie geben uns ihre ganze Liebe, vergeben uns jederzeit unsere Verfehlungen, und lustig sind sie auch. Kann es eine bessere Definition dessen geben, was ein Engel tun sollte? Wenn wir uns mit Hunden umgeben, erleben wir die ständige Gegenwart dessen, wonach wir streben sollten, Reinheit, Hingabe und treue Liebe."
Man muß das alles überhaupt nicht so sehen, man kann Hunde, besonders Pitbulls, sogar recht gräßlich finden, und diesen fabelhaften Roman trotzdem lieben - der Carrollsche Hund ist nämlich nichts anderes als der Benjaminsche Engel der Geschichte: ein leicht unheimlicher, unbedingt erhabener "Anderer", den der Zeichendeuter des Ungeheuerlichen braucht, um damit letztlich nichts Simpleres zu codieren als seinen streitbaren, bei aller Radikalitätsanmutung altmodisch bürgerlichen Humanismus.
Jonathan Carroll: "Das hölzerne Meer". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Rainer Schmidt. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2003. 306 S., geb., 22,90 [Euro].
Buchtitel: Das hölzerne Meer
Buchautor: Carroll, Jonathan
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.12.2003, Nr. 280 / Seite L2
