28. September 2002 Eigentlich wollte Paul Maar durchhalten. Durchhalten, keine weitere Fortsetzung zu schreiben. Nun ist es doch wieder da: das Sams, dieser koboldartige Rotschopf mit dem Schweinsrüssel und den blauen Wunschpunkten im Gesicht, dieses seltsame, dickliche Wesen im blauen Taucheranzug, das unbekümmert seine Späße treibt, immer ein wenig zuviel frißt, zu laut singt und zu frech reimt. Vier Bände lang hat es mit seinen derben Einfällen und kecken Sprüchen - und mit viel beiläufigem Hintersinn - das Leben von Adoptivpapa Bruno Taschenbier und das von Taschenbiers Sohn Martin durcheinandergewirbelt und sie und uns gelehrt, daß das Leben aus mehr besteht als aus Zwängen und Konventionen, daß ein bißchen Anarchie guttut, Wünschen hilft und mutig zu sein gar nicht so schwer ist.
Nun aber zeigt das Sams nicht den anderen, wo es langgeht, diesmal benötigt es selbst Hilfe. Martin muß gemeinsam mit seinen Freunden den fiesen Lehrer Fitzgerald Daume zur Strecke bringen, der das Sams in seiner Gewalt hat und es zwingt, ihm Wünsche zu erfüllen. Da ist Gefahr im Verzug, denn nicht nur für den Dieb haben die gestohlenen Wünsche gewisse Nebenwirkungen, auch das Sams leidet, denn es wird mit jedem einzelnen ein Stück kleiner und ein wenig schwächer.
Doch nicht nur weil eine der tollkühnsten Kinderbuchfiguren nun etwas weniger furchtlos, sondern kränklich und verletzlich daherkommt, ist dieser Band anders. Maar bedient sich eines Genres, das derzeit Hochkonjunktur hat: des Kinderkrimis. Doch der äußeren Spannung mußte einiges an innerer Dramatik weichen. Statt kauzig-skurriler Einfälle und phantastischer Wendungen überwiegen Vorhersehbarkeit und Vordergründiges. Die verschmitzten Szenen und die stillen Momente sind selten geworden.
Wäre das Buch nicht von Paul Maar, wäre die Freude über einen vergnüglichen Kriminalroman mit Sinn für erzählerische Prägnanz, feinem Gespür für Sprache und Albernheiten auf höchstem Niveau größer als die Enttäuschung über den Verlust an Unverwechselbarkeit. Maar aber beherrscht das Spiel mit dem Hintergründigen im Nonsens und dem Chaos in der Normalität perfekt und ist nicht auf die gängigen Versatzstücke einer modernen, aber oft auch platten Kindergeschichte angewiesen. In "Sams in Gefahr" aber ist zwischen Detektivspiel, Schülerliebe, Rivalität unter Klassenkameraden und Computerkunde die Poesie auf der Strecke geblieben.
Und auch wenn es mit fast dreißig in die Jahre gekommen ist, läßt sich das Sams, widerborstig und aufmüpfig, wie es nun einmal ist, nur schwer verbiegen und dem Zeitgeist anpassen. Ganz sicher fiele ihm dazu sogar ein ganz besonders frecher Reim ein.
ELENA GEUS
Paul Maar: "Das Sams in Gefahr". Oetinger Verlag, Hamburg 2002. 207 S., geb., 9,90 [Euro]. Ab 8 J.
Buchtitel: Das Sams in Gefahr
Buchautor: Maar, Paul
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2002, Nr. 226 / Seite 30
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