19. Juli 2008 Mehr als nur Muse des Surrealismus: "Ich stelle euch die Windsbraut vor. Wer ist die Windsbraut? Kann sie lesen? Schreibt sie fehlerlos Französisch? Aus welchem Holz ist sie geschnitzt? Aus dem Holz ihres intensiven Lebens, ihres Geheimnisses, ihrer Poesie. Sie hat nichts gelesen, doch alles getrunken . . ." Rien lu, mais tout bu. Nein, fehlerfrei war Leonora Carringtons Französisch nicht, damals, 1938, als Max Ernst seine Windsbraut der Welt präsentierte. Er tat dies in der Rolle des "Obervogels Loplop" im Vorspann ihrer ersten Erzählung, zu deren wilder Phantastik er passende Illustrationen beisteuerte, ohne das etwas schräge Französisch zu bereinigen.
Es ist die Geschichte einer unheimlichen Initiation, die sich in einem eisigen Palast, in der Gesellschaft sprechender Pferde unter dem dämonischen Einauge der Angst vollzieht, um jäh im Unsagbaren abzubrechen. Max Ernst hat diesen Moment als Klippensturz eines Mädchenkörpers festgehalten. Die Bilderscheu der Bibliothek Suhrkamp enthält uns diese Deutung vor, ebenso die Collagen zu den fünf folgenden Erzählungen, die 1939 unter dem Titel "Die Ovale Dame" in einer Reihe mit Texten von Nerval, Lautréamont, Breton, Soupault und Kafka erschienen - für eine literarische Anfängerin eine bemerkenswerte Entourage.
Immerhin gönnt uns der Verlag ein Foto der jungen Autorin in ihrer selbstbewussten, strengen Schönheit. Aber auch das ist, genaugenommen, eine halbe Sache. Denn man hat die andere Hälfte des ursprünglichen Doppelporträts, die Max Ernst zeigte, säuberlich abgetrennt. Dabei schmälert der Status dieser frühen Texte als multimediale Gemeinschaftsarbeiten Carringtons Eigenständigkeit nicht im Geringsten. Sie stammen aus einer Zeit des erotischen und künstlerischen Aufbruchs, über die sie später sagen wird: "Max hat mich gelehrt, ich selbst zu sein . . . Es war eine paradiesische Ära." Freilich, dieses Paradies spiegelt sich kaum in den Texten. Allenfalls die Richtung, in der es liegen könnte, ist zu ahnen: in Szenen von Aufruhr und Befreiung, die zugleich naiv und pervers, absurd komisch und tödlich sind - Aufruhr gegen das erdrückend wohlhabende und autoritäre Elternhaus, besonders gegen den Vater, einen Textilunternehmer, der die künstlerischen Interessen der Tochter für eine abstoßende Form von Idiotie hielt und nur darauf bedacht war, sie in die besten Kreise zu verheiraten; Befreiung aus dem düsteren Labyrinth des viktorianischen Herrenhauses, in dem sie aufwuchs, Erlösung von einer Kindheit in goldenen Fesseln. Aber da war auch vielerlei Kindheitszauber: der Reiz der unergründlichen Baulichkeiten, der erregende Ausblick auf die Irische See, die Nähe zu den geliebten Tieren - Leonora war leidenschaftliche Pferdenärrin - und die Nanny aus Irland mit ihren Märchen, Geistergeschichten und katholischen Ritualen ein unerschöpfliches Reservoir an Symbolen für die späteren Texte und Bilder.
Schon mit sechs begann Leonora zu malen, beidhändig, und zu schreiben, in Spiegelschrift. Teure Internatsschulen bescheinigten ihr Unerziehbarkeit, die Ausbildung in einer privaten Malakademie musste sie sich ertrotzen. Als sie auf dem Umschlag eines Buches, das zur ersten Londoner Surrealistenausstellung erschien, ein Bild von Max Ernst sah, wusste sie ihren Weg. "Ich brannte durch, nach Paris. Nicht mit Max. Ich bin immer auf eigene Faust durchgebrannt."
Ihre Geschichten, mit Nonsens und schwärzestem Humor gewürzt, inszenieren den eigenen Aufbruch als surreale Rebellion: die Ovale Dame, Kind eines sadistischen Vaters, reitet sich auf ihrem magischen Schaukelpferd frei und wandelt sich dabei selbst zum Pferdgeschöpf; eine geschwätzige alte Königin wird im Löwenkäfig entsorgt; eine Debütantin lässt sich auf dem verhassten Ball durch eine befreundete Hyäne vertreten, die sich zu diesem Zweck das Gesicht des zuvor verspeisten Kindermädchens aufsetzt. Ein berühmtes Bild Carringtons aus dieser Zeit, "The Inn of the Dawn Horse", zeigt sie selbst in androgyner Pose als Zähmerin einer Hyäne, hinter ihr ein durch die Luft galoppierendes Schaukelpferd, draußen vor dem Fenster ein weiteres weißes Pferd im Sprung. Dieser Blick auf das, was sie ihr "inneres Bestiarium" nannte, verrät, dass sie sich von Anfang an der Rolle einer Kindfrau, wie sie die Surrealisten für ihre Musen vorsahen, verweigert hat. Sie wurde trotzdem in diesem Kreis für ihr Talent, ihr Aussehen und ihre Exzentrik bewundert. André Breton, der von ihrem samtenen Spötterauge und ihrer brennenden Neugier auf das Verbotene schwärmte, nahm die Debütantin als ein Glanzstück in seine Anthologie des Schwarzen Humors auf.
Im Zentrum der vorliegenden Ausgabe steht die erstmals ins Deutsche übersetzte, grausam komische Schlüsselerzählung "Der kleine Francis". Sie spielt in der provenzalischen Idylle, die Leonora und Max im Sommer 1938 vor der Eifersucht von Ernsts Ehefrau Marie-Berthe und den Gruppenkämpfen der Surrealisten Zuflucht bot. Doch die Idylle geriet bald in Turbulenzen: Max machte Anstalten, zu seiner Frau zurückzukehren, und Leonora fühlte sich im Stich gelassen. Die Krise dieser Dreiecksgeschichte wird wundersam fiktional aufbereitet. Nach Art ihrer früheren Erzählungen notiert die Autorin das Ungeheuerliche aus der Perspektive des Kindes (wie Carrolls Alice), hier eines kleinen Jungen, als Nebeneinander von Unvereinbarkeiten. Die Übersetzung hat dieses Stakkato gelegentlich geglättet. Max, siebenundzwanzig Jahre älter, tritt auf als Onkel Ubriaco (der Trunkene), als Fahrradkönig mit blauen Fischen in den Augen, Marie-Berthe als besitzergreifende Tochter Amelia. Sie wird dem Vetter Francis, dem vor Kummer ein Pferdekopf gewachsen ist, nach allerlei Irrfahrten, die einen Vorgeschmack seiner Exekution einschließen, am Ende mit einem Hammer in der väterlichen Werkstatt den Schädel einschlagen; und der Onkel wird heimlich seinen weißen Sarg bunt anmalen.
Aber auch das übermütige Glück der Monate, in denen Leonora und Max in ihrem verfallenen Bauernhaus von Saint-Martin-d'Ardèche malten, modellierten, Schabernack trieben und sich liebten, ist in diesem verrückten Text aufbewahrt, nicht zuletzt in der wiederkehrenden Situation paradiesischer Kleiderlosigkeit. Realiter wurde dieses Glück durch die Rückkehr des Geliebten verlängert und durch den Kriegsausbruch beendet. Max Ernst kam als feindlicher Ausländer in ein Lager, Leonora erlitt auf der Flucht in Spanien einen Zusammenbruch. Unter tätiger Mithilfe ihrer Familie wies man sie in eine private Heilanstalt in Santander ein, die sie als ihr privates KZ empfand. Das fiktionale Protokoll dieser einschneidenden Erfahrung mit dem Titel "Unten" schrieb sie, weil die englische Erstfassung verlorenging, erneut 1943 im mexikanischen Exil, diesmal auf Französisch. Es bildet den natürlichen Abschluss der hier versammelten Texte, denn es ist der Abschied von der eigenen Jugend durch das Erleben einer extremen Verletzbarkeit. Carringtons Lakonik dient in diesem Fall der glaubhaften Beschreibung einer Höllenfahrt, ihre Phantastik einer äußersten, letztlich stärkenden Grenzüberschreitung des Bewusstseins. Dem voyeuristischen Interesse der Surrealisten an weiblichen Wahnzuständen erteilt sie eine Absage: "Weder Breton noch die anderen haben je das Innere eines spanischen Irrenhauses gesehen. Aber ich bereue mein Leben nicht." Nach ihrer abenteuerlichen Befreiung traf sie Max Ernst, im Gefolge Peggy Guggenheims, in Lissabon wieder. Sie blieben Freunde, die jetzt ihre eigenen Wege gingen; der ihre führte über New York nach Mexiko, das sie gastlich aufnahm, also an den surrealistischen Ort par excellence (Breton), dessen Atmosphäre sie zu einem bedeutenden Spätwerk inspirierte, wo sie neue Gefährten fand und heute noch hochbetagt lebt. Sie selbst - davon zeugt auch ein mitabgedrucktes Interview und das gehaltvolle Nachwort des besprochenen Bandes - sieht ihre Sturm-und-Drang-Jahre längst distanziert, "wie ein alter Maulwurf, der unter den Friedhöfen schwimmt . . . Wenn mein Leben etwas wert ist, bin ich das Ergebnis der verstrichenen Zeit." Doch ihre Vergangenheit gehört unabdingbar zum Mythos der Moderne. Ihm hat sie sich in jungen Jahren mit der leuchtenden Phantastik ihrer Bilder und Worte glanzvoll eingeschrieben.
- Leonora Carrington: "Das Haus der Angst". Aus dem Französischen und Englischen übersetzt von Heribert Becker und Edmund Jacoby. Nachwort von Christiane Meyer-Thoss. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 245 S., geb., 16,80 [Euro].
Buchtitel: Das Haus der Angst
Buchautor: Carrington, Leonora
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.07.2008, Nr. 167 / Seite Z5