Von Wulf Segebrecht
26. Januar 2004 Gemeinplätze waren noch nie Peter Rühmkorfs bevorzugte Aufenthaltsorte, und selbst wo er sich ihnen gedanklich annähert, was schon mal passieren kann, da katapultiert er sich sogleich poetisch davon und landet auf dem Hochseil oder in der Gosse. Die Formulierung macht's. Sie geht zur Sache, böse und witzig, scharf und rücksichtslos. Wo immer man Rühmkorfs Bücher aufschlägt, da fliegen die Fetzen und sprühen die Funken, da blitzt und donnert es, Schlag auf Schlag, Seite für Seite, Zeile für Zeile. Man nehme eine Papierschneidemaschine, zerteile Rühmkorfs Gesammelte Werke in Schnipsel und Streifen, greife dann hinein in die volle Dichterlostrommel - was man dort packt, ist immer amüsant.
So ähnlich muß das neue Buch von Peter Rühmkorf entstanden sein. Man findet kleine und kleinste Partikel aus seinem Gesamtwerk vor, schnell verglühende Sternschnuppen, grell leuchtende Feuerwerkskörper, flotte Attacken auf Augen und Hirn. Und unter jedem aphoristischen Lichtblick ist - Ordnung muß sein - vermerkt, aus welchem Buch das jeweilige Zettelchen stammt: Aus Ta und Lu und Be und Ex beispielsweise, aus Wo und Es und Ja und auch aus Ku wurden die Zitat-Schnitzel herausgeschnitten und nach Themen neu geordnet. Die Auflösung dieser geheimen Aktenzeichen ergibt, daß nicht weniger als zwanzig Bücher des Dichters und Denkers Rühmkorf zerlegt werden mußten, um dieses Werkpuzzle zustande zu bringen. Zusätzlich - und nicht zu knapp - findet sich Unveröffentlichtes unter den Aperçus, sorgfältig registriert unter der Sigle q (das sind Rühmkorfs sogenannte Quantenmappen und Stoffsammlungen).
An Stoff fehlt es ihm und seinem Herausgeber wahrlich nicht. Zuerst bekommen "große und kleinere Geister" ihr Fett weg: "Erich Fried: der dichtende Briefkastenonkel" etwa oder Paul Celan, "dieses depressive Geklumpe". Dann ist die Liebe dran und die Arbeit des Artisten und Leidensmannes (das ist natürlich Rühmkorf selbst). Es folgt die Kritik der Kritik im Feuilleton ("MRR: eine Zuchtrute der Musen") und in der Wissenschaft ("Wiedergutmachungsgermanistik: in jedem siebenarmigen Armleuchter ein großes Licht erkennen zu müssen") sowie der Literaturmarkt, und über das göttliche Jenseits und den diesseitigen Schnaps dringt Rühmorf folgerichtig zur Frage des Pilatus vor und zu der unter Aphoristikern unumgänglichen Frage "Was ist der Mensch?" (Antwort: "ein kleines Klümpchen Mist").
Mit Gedanken aus dem Tagebuch und zu "Wirtschaft und Politik" ("Politik beginnt erst da, wo grrrrrundsätzlich keine Kinder getätschelt werden") gelangt man zum vergleichsweise konventionellen Ende des Verschnitts, der vom ersten bis zum letzten Tropfen goutierbar ist, weil er Appetit macht auf Peter Rühmkorfs unzerschnittene Bücher, auf das "Gesamtwerk des bedeutendsten deutschsprachigen Dichters", wie es im Klappentext des Verlages vollmundig heißt, offensichtlich im Bemühen, sich oder den Autor lächerlich zu machen. Das hat er nicht verdient.
Peter Rühmkorf: Funken fliegen zwischen Hut und Schuh. Lichtblicke, Schweifsterne, Donnerkeile. Ausgewählt und herausgegeben von Stefan Ulrich Meyer. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2003. 150 S., geb., 17,90 Euro.
Buchtitel: Funken fliegen zwischen Hut und Schuh - Lichtblicke, Schweifsterne, Donnerkeile
Buchautor: Rühmkorf, Peter
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2004, Nr. 21 / Seite 30
Bildmaterial: DVA