Triumph der Witzfiguren

06. Oktober 2004 Juan Deza wurde im Spanischen Bürgerkrieg von seinem besten Freund verraten. Er hatte Glück im Unglück, denn die Falangisten stellten ihn nicht an die Wand; er kam mit Gefängnis davon. Später verschwendete er keinen Gedanken mehr an den Verräter; jegliches Rachegelüst war ihm fremd: "Es gibt Menschen, deren Beweggründe kein Nachforschen verdienen . . . Was dieser ehemalige Freund mit mir gemacht hatte, war so unentschuldbar, daß seine ganze Person sofort aufhörte, mich zu interessieren."

Hauptfigur des Romans ist allerdings nicht Juan Deza, sondern sein Sohn Jaime. Dem geht die Sache nicht aus dem Kopf. Wie konnte der Vater Kindheit und Jugend gemeinsam mit diesem besten Freund verbringen, "ohne sein Wesen oder zumindest sein mögliches Wesen zu erahnen"? Und damit sind wir im heißen thematischen Kern des neuen Großwerkes von Javier Marías, dessen erster Teilband nun mit dem Untertitel "Fieber und Lanze" auf deutsch erschienen ist: "Wie ist es möglich, daß ich heute nicht dein Gesicht morgen erkenne, das schon da ist oder hinter dem entsteht, das du zeigst, oder hinter der Maske, die du trägst, und das du mir erst dann vorführen wirst, wenn ich es nicht erwarte?"

Möglich ist dies, wenn man sich nicht auf Physiognomik versteht, jene alte Kunst des Deutens von Gesichtern und darüber hinaus der ganzen Erscheinung eines Menschen. Es ist kein Zufall, daß Jaime Deza, den man sich als Alter ego des Autors denken darf, eine außerordentliche physiognomische Begabung entwickelt. Anders als sein Vater hat er den Blick, der durch die Oberfläche der Gegenwart dringt. Verborgene Absichten lassen sich erkennen, eben weil sie niemals ganz verborgen sind. Schicksal und Charakter seien "begrifflich dasselbe", heißt es an einer Stelle. Wenn diese kardinale Gleichung stimmt und man den Charakter eines Menschen aus seinem Äußeren lesen kann, kennt man demnach auch seine Zukunft. "Man sieht, wer eines Tages wen verlassen wird, wenn einem ein Ehepaar vorgestellt wird." Man sieht den "zitternden Kiefer des konfusen Ehrgeizlings", das "Verziehen einer Lippe bei der Vorbereitung der Lüge". In solchen Formulierungen zeigt sich allerdings auch schon das Dilemma allen Gesichterdeutens: Es kann keine zuverlässigen Gesetze formulieren, sondern muß sich ganz auf Intuitionen verlassen.

Wie dem auch sei: Als Jaime Deza Gelegenheit bekommt, sein Talent als eine Art Profiler in den Dienst des britischen Geheimdienstes zu stellen, scheint eine faszinierende Geschichte auf den Weg zu kommen, ein physiognomischer Agententhriller, der in mancher Hinsicht an Marías' vielgelobten Campus-Roman "Alle Seelen" von 1989 anschließt. Hier berichtete ein Spanier von seinem Lektoren-Leben in Oxford, einem Ort kultivierter Langeweile, vieler Heimlichkeiten und verschrobener Rituale. Autobiographische und fiktive Anteile gingen bereits in diesem frühen Werk jene kalkulierte Durchmischung ein, die auch "Dein Gesicht morgen" bestimmt.

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Jaime Deza ist aus Madrid nach England zurückgekehrt. Es scheint eine Flucht vor seiner privaten Misere, denn neuerdings lebt er getrennt von Frau und Kindern. Sein Mentor und Gesprächspartner Sir Peter Wheeler, ein emeritierter Professor von achtzig Jahren, entpuppt sich als Mitglied des britischen Geheimdiensts, für den er vor allem während des Zweiten Weltkriegs aktiv war. Über Wheeler ergibt sich der Kontakt zu Dezas zukünftigem Auftraggeber namens Tupra - ein Stratege, wie geschaffen, "Vorkriegswirren zu entschärfen" und "Aufständische zu beschwichtigen".

Trotz solcher starken Worte begnügt sich die Task Force der "Menschendeuter" und "Geschichtenantizipierer" bis auf weiteres mit physiognomischem Trockenschwimmen, mit Übungsspielen des Interpretierens. Vorgeladene Menschen werden in beliebiger Folge hinter Spiegelglas ausspioniert. Am ergiebigsten ist dabei noch eine Reprise der vielgerühmten komödiantischen Übersetzerszene aus "Mein Herz so weiß", in der zwei Staatsoberhäupter auf groteske Weise zusammentrafen. Diesmal beobachtet der Übersetzer einen Abgesandten aus Venezuela, der mit den Geheimdienstleuten verhandelt. Deza soll herausfinden, wie ernst es der zwielichtige Mann mit dem angekündigten Umsturz meint. Würde er gegebenenfalls dem Präsidenten ans Leben gehen? Lohnt es sich, in seine Hintermänner zu investieren? Ihnen einen Putsch zu spendieren? Die Frage spielt in der Folge jedoch keine Rolle mehr. Der von Marías geschilderte Geheimdienst erweist sich als einer im doppelten Sinn - dem Leser bleibt die Aufgabe Dezas ziemlich "geheim". Bis zum Schluß dieses Bandes weiß Deza selbst nicht, was man mit seinen Expertisen anfängt oder ob sie irgendwelche Folgen für irgendwelche Menschen haben.

Das Umschlagbild, das aus unerfindlichen Gründen ein Motorradcockpit vor freier Landstraße aus Fahrersicht zeigt, wirkt wie ein Hohn auf die mangelnde Dynamik des Buches. Natürlich war Marías nie ein Autor handlungsstarker Romane. Sondern einer, der ein Minimum an Geschehen mit seiner reflexiven Suada immer weiter umkreiste und ausdeutete, so daß es zu außerordentlicher Intensität gesteigert wurde. Umgekehrt sind die Reflexionen dieses Autors auf szenische Beglaubigung angewiesen. Denn oft handelt es sich eher um bohrende Suggestionen als um zwingende Argumentationen. "Warum etwas wissen, wenn nichts von dem, was geschieht, geschieht, weil nichts ununterbrochen geschieht" - über solche eigenwilligen leitmotivischen Formeln konnte man auch in "Mein Herz so weiß" stolpern, aber im Lauf des Geschehens luden sie sich atemberaubend mit Sinn auf.

Diese Balance von Handlung und Reflexion ist in "Dein Gesicht morgen" aus dem Gleichgewicht geraten. Jetzt sucht Marías seine Souveränität darin, daß er fast ganz auf Handlung verzichtet. Mit der Konsequenz, daß die Gedanken nun oft wie private Versponnenheiten wirken, weil ihnen die Anschauung und Exemplifizierung fehlen. Die im Untertitel genannten Formeln "Fieber" und "Lanze" bleiben weitgehend leer und blaß, ohne den suggestiven Sog, der sie zu organisierenden Metaphern des Textes machen könnte.

Vertrauen und Verrat, Erzählen und Schweigen, Intimität und Öffentlichkeit, Krieg und Politik - an großen Themen und Antithesen mangelt es nicht. Auf der Motivebene ist "Dein Gesicht morgen" eine Kunst der Fuge, auf der Handlungsebene dagegen ein gemischter Salat. Manchmal wirkt es so, als ob eine Sammlung von Fragmenten angestrengt auf einen Nenner gebracht werden sollte. Vor allem fehlen überzeugende Figuren, an denen der Autor und mit ihm auch der Leser Anteil nehmen würde. Das Personal besteht zu nicht geringem Teil aus Chargen, wie sie Marías bevorzugt einsetzt, um seine Verachtung der Politik und vor allem der Politiker zum Ausdruck zu bringen. Auf einem ausgiebig beschriebenen Fest hängt sich ein lächerlicher Landsmann namens De la Garza - Karikatur des unsympathischen Diplomaten - wie ein Schatten an Deza und widert ihn mit "phonetischen Barbarismen und Idiotismen" an. Ein Schwachkopf, freilich einer "mit politischer Zukunft". Hier erinnert man sich daran, daß Proust - mit dem Marías gelegentlich schon verglichen wurde - einen Diplomaten wie den Marquis de Norpois zugleich als lächerliche Gestalt und als Mann von Format schildern konnte. Marías beharrt darauf, daß diese Leute nichts als Witzfiguren seien, nach der Devise: "In diesen Zeiten triumphieren alle Witzfiguren weltweit." Vielleicht wirkt der Witz des Autors gerade deshalb oft so müde.

Das Buch hat gute Passagen, etwa wenn es längere Zeit um den "careless talk" und die Feind-hört-mit-Propaganda des Weltkriegs geht, die den Menschen zu allem sonstigen Leid auch noch die naturnotwendige Neigung zum Sprechen und Schwatzen verbieten wollte. "Man sollte niemals etwas erzählen . . .", lautet schon der erste Satz des Romans. Denn was erzählt wird, kann mißbraucht werden. Wer von einem Geheimnis weiß, dem bleibt nur noch eine Wahl - Komplize oder Verräter zu werden.

Aber aufs Ganze gesehen wird die Lektüre zur Enttäuschung, nachdem man bis zur Mitte des Buches mit großen, aber aufgeschobenen Erwartungen weitergelesen hat. Vielleicht hat der Autor beim in Kürze erscheinenden zweiten Band noch starke Trümpfe in der Hinterhand. Die stilistischen Einbrüche des ersten wären auch dadurch nicht wettzumachen. Der Sprachkünstler und Rhetoriker Javier Marías liest sich hier manchmal wie eine schlechte Übersetzung: "Es gibt Dinge, für die man Faulheit entwickelt . . ." Passagenweise wirkt die Prosa schlicht verfaselt: "Niemand will sehen, was man sehen muß, niemand wagt hinzusehen, schon gar nicht eine Wette einzugehen oder zu wagen, sich zu wappnen, vorauszusehen, Urteile abzugeben, von Vorurteilen ganz zu schweigen, was ein kapitaler Affront ist, oh, das ist Menschheitsbeleidigung." Nicht wenige Sätze sind grammatisch schlampig oder gedanklich kraus, schlimmstenfalls beides zugleich: "Diese Epoche ist so hochmütig, Jacobo, wie es keine andere gegeben hat, seitdem ich auf der Welt bin (Hitler kannst du vergessen), und ich kann mir schwer vorstellen, daß es sie vorher gegeben haben mag."

An einer Stelle ist von Künstlern in der Erfüllungsfalle die Rede. Sie haben Angst, "nicht auf der Höhe ihrer selbst zu sein"; die durch eigene herausragende Werke geweckten Erwartungen lasten schwer auf ihnen. "Denn jetzt bleibt mir nichts anderes übrig", denkt ein solcher Künstler, als "jedes Mal dieses verdammte Niveau zu erreichen, um nicht hinter mich selbst zurückzufallen, wie furchtbar . . ." Das Mitleid des Lesers hält sich in Grenzen. Er ist der Geschädigte.

Javier Marías: "Dein Gesicht morgen". 1: Fieber und Lanze. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Elke Wehr. Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2004. 488 S., geb., 24,50 [Euro].



Buchtitel: Dein Gesicht morgen - 1: Fieber und Lanze
Buchautor: Marías, Javier

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004, Nr. 233 / Seite L21

 
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