Im Inneren des Imperiums

Liebe und Absturz in Amerika: Thomas Hettche erzählt die Geschichte einer Entführung

19. August 2006 Nein, eigentlich sei er kein Schriftsteller, erklärt Niklas Kalf, der seltsam durchsichtige Held von Thomas Hettches neuem Roman "Woraus wir gemacht sind", gleich zu Beginn des Buches seinem New Yorker Verleger. Er sei "Biograph". Einer, der sich in fremdes Leben einnistet, in die Haut eines anderen schlüpft, ein Profi, der schon dank weniger Details Witterung aufnimmt für eine unbekannte Identität. "Das war sein Job. Wie auf eine Fertigkeit, für die man nichts kann, wie Schielen oder ein besonderes Gedächtnis für Zahlen, konnte er sich darauf verlassen, daß ihm dieses fremde Leben mit einem Mal vertraut und ganz nah war." Mit seiner schwangeren Frau Liz ist er nach Amerika gereist, um im Goethe-Haus in New York zu lesen und in Los Angeles zu recherchieren für eine Biographie des deutschen Emigranten Eugen Meerkaz, eines Physikers, den es in den dreißiger Jahren auf der Flucht vor Hitler nach Kalifornien verschlug. Es ist das erste Mal, daß Kalf die Vereinigten Staaten besucht, aber was als Suche nach den Spuren eines anderen geplant war, verwandelt sich bald zu einem Absturz aus dem Leben des Biographen.

Virtuos schildert Hettche die eigentümliche Erfahrung der Ankunft in Amerika. Das merkwürdig Schlafwandlerische des Hinübergleitens in eine nur scheinbar bekannte Welt, das Eintauchen in die fremde Sprache, deren wir uns wie selbstverständlich bedienen, deren Tiefen und Nuancen wir aber sowenig kennen wie all das, was unter den Abziehbildern Amerikas liegt. Ganze Dialoge schreibt Hettche in Englisch, das Geplapper der Fernseher, die Ansprachen des Präsidenten zeichnet er im Originalton auf, selbst das Wispern beim Sex notiert er in der fremden Sprache und erinnert mit diesem irritierenden Kunstgriff beständig an die Distanz zwischen Alter und Neuer Welt. Amerika ist ein fremdes Land, in dessen Weiten, Abgründen, Obsessionen man sich leicht verlieren kann. Und Kalf verliert sich geradezu vorsätzlich darin, nachdem sein bisheriges Leben mit einem Schlag zerbrochen wird.

"Woraus wir gemacht sind" beginnt wie ein Thriller. Am 12. September 2002, ein Jahr und einen Tag nach den Anschlägen auf das World Trade Center, erwacht Niklas Kalf nach einer unruhigen, vom Jetlag zerfurchten Nacht in einem Hotelzimmer in New York und entdeckt, daß Liz verschwunden ist. Ohne ein Wort, ohne irgendeine Spur. Bald darauf klingelt das Telefon, die Stimme einer Frau, eine unklare Botschaft, Liz ist entführt. "Keine Polizei! Alles hängt von dir ab." Und während Kalf "nichts als brackige, ölschlierige Angst" empfindet, "die ihn lähmte und in der er widerstandslos und still ertrank", läuft im Fernsehen, von Hettche virtuos parallel montiert, eine Rede von Präsident Bush zum drohenden Irak-Krieg, die in den Worten gipfelt: "We must choose between a world of fear and a world of progress." Aber Kalf hat keine Wahl, sich gegen die Furcht zu entscheiden, und er hat keinen Schimmer, wie er Liz retten kann. Vage Hinweise nur erhält er, es gebe im Leben von Eugen Meerkaz ein Geheimnis, das er enthüllen möge, wolle er seine Frau und sein ungeborenes Kind wiedersehen.

Thomas Hettches letztes Werk, "Der Fall Arbogast" (2001), die beklemmende Rekonstruktion eines spektakulären Lustmords aus den fünfziger Jahren, nannte sich im Untertitel kokett "Ein Kriminalroman". Er löste aber gleich im ersten Kapitel alle Rätsel, stellte Tathergang, Motive und Begleitumstände von Anfang an klar und erhob sich gerade dadurch über das Genre. Nun, im neuen Buch, verhält es sich genau umgekehrt. Geradezu genüßlich läßt Hettche seinen Helden in ein abstruses Komplott stolpern, schickt ihn ahnungslos in die Weiten des Südens. "Kein Kondensstreifen markierte den riesigen Himmel, kein Wagen bis zum Horizont. Der Sendersuchlauf des Radios eilte unermüdlich durch das Frequenzband, ohne auf ein Signal zu stoßen." Der Biograph landet in einem texanischen Kaff namens Marfa, unweit der mexikanischen Grenze. "Niklas Kalf hielt an der Tankstelle und stieg aus. Und er war sich nicht sicher, ob er tatsächlich hier war, um ein Geheimnis zu lüften, das es vielleicht gar nicht gab, oder vielleicht doch nur, um sich zu verstecken."

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Erst Wochen, dann Monate verbringt Kalf in Marfa, tagsüber dösend, immer noch wie gelähmt, nur nachts von Träumen an Liz verfolgt, sich der Welt immer weiter entziehend. Er freundet sich mit ein paar Leuten an, findet eine Frau, schläft mit ihr in einem Wohnwagen draußen am Rande des Ortes, fast schon außerhalb der Zivilisation, "inmitten eines grenzenlosen Kontinents", wo "der Horizont sich nachts funkenschlagend" um ihn dreht. "Er hätte niemals gedacht, daß er sich in einem fremden Land so zu Hause fühlen konnte."

Es ist von provozierender Ironie, daß Hettche seinen Helden, einen jungen, nachdenklichen Intellektuellen aus Deutschland, gerade in einem Moment Amerika verfallen läßt, da sich das Land von Europa weiter entfernt als je zuvor in der Nachkriegszeit. "Woraus wir gemacht sind" nämlich hat einen präzisen historischen Ort. Am Anfang steht Bushs Rede vor den Vereinten Nationen in New York im September 2002, am Ende, ein halbes Jahr später, hört Kalf, verlorengegangen im weiten Land und am anderen Rand des Kontinents wiederaufgetaucht, die Fernsehansprache des Präsidenten am Vorabend des Einmarschs in Bagdad, während er auf den Pazifik hinausblickt, ein Gedicht von Heiner Müller auf den Lippen und in Gedanken bei den deutschen Emigranten, die just dort, in Los Angeles, vor über sechzig Jahren am Ufer standen, in Erwartung eines anderen Krieges gegen einen anderen Diktator.

Immer wieder zitiert Hettche, versessen aufs präzise Detail wie in all seinen Büchern, Zeitungsmeldungen und Fernsehberichte, flicht in die Gespräche seiner Figuren Bemerkungen zum Streit mit Saddam ein, und kreist beharrlich um die Debatte, die in diesen gar nicht weit entfernten Monaten um die Frage geführt wurde, ob Amerika das neue Imperium sei. Rom ist ein zentrales Motiv des Romans, auf das Hettche insistierend zurückkommt, Rom, das Weltreich, Rom, das modernde Denkmal, dessen Reste überall sind, "wie die Gräten eines längst verfaulten Fisches am Strand", Rom, dessen Geschichte jeder Europäer mit sich herumschleppt. "Wenn du hier ein paar Meilen aus dem Ort hinausfährst", sucht Kalf seiner texanischen Geliebten den Unterschied zu erklären, "bist du an einem Platz, an dem höchstwahrscheinlich noch niemals ein Mensch gewesen ist. Rom ist, daß du mit Geistern schläfst. In jedem Raum, in dem du übernachtest. Und bei jeder Frau, die du küßt."

Hettches Buch ist ein road movie, natürlich, das dem Leser ungeheuer dichte Landschaftsaufnahmen schenkt, aber es ist viel mehr als das: ein zarter, verstörender Versuch über das, was wir Liebe nennen, und ein intelligentes Spiel mit all den Bildern von Amerika, die jeder von uns mit sich herumschleppt. Was dabei Traum ist, was Wahn, was Hollywood-Zitat und was theoriesatte Ironie, das hält Hettche lange in amüsanter Schwebe. In einem burlesken Kapitel tritt der Teufel selbst auf, mal in Gestalt von Al Pacino, mal als Christopher Walken, und je näher Kalf Hollywood kommt, desto aufdringlicher werden die Filmverweise. Marlon Brando taucht für einen Moment auf, wie ein unendlich müder, fetter Schatten des Colonel Kurtz in "Apocalypse Now", bis die zusehends wirre, immer mehr an David Lynch erinnernde Story schließlich ausgerechnet im Keller eines verlassenen Kinos in Downtown L.A. ihre blutige Auflösung findet.

Immer wieder, in "Nox" (1995) genauso wie im "Fall Arbogast", hat sich Thomas Hettche als ebenso sprachmächtiger wie hellsichtiger Porträtist der Bundesrepublik erwiesen. Nun ist ihm eines der faszinierendsten Bücher über Amerika gelungen, das seit langem in Deutschland geschrieben wurde. Über das Amerika, das unvermeidlich zu dem Stoff gehört, aus dem wir gemacht sind.

Thomas Hettche: "Woraus wir gemacht sind". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 336 S., geb., 19,90 [Euro].

Buchtitel: Woraus wir gemacht sind
Buchautor: Hettche, Thomas

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2006, Nr. 192 / Seite 44

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