Lob des Pathos

17. Juli 2008 Es gibt harte und weichere Formen der Reaktion auf Dissidententum. Die harte lernte Sebastian Kleinschmidt als von einem Kommilitonen verratener Dissident in der DDR kennen. Die weichere, da er es wagte, bald nach der Wiedervereinigung als Chefredakteur der in das neue Deutschland hinübergeretteten Zeitschrift "Sinn und Form" dort Ernst Jünger zu publizieren. Nicht nur Walter Jens schäumte ob dieses Tabubruchs vor Wut. Kleinschmidt ist ein überaus gelassener Tabubrecher und Grenzgänger. In seiner Essay-Sammlung "Gegenüberglück" formuliert er im Anschluss an ein mit Hans-Georg Gadamer geführtes Gespräch sein Programm in einem Satz: "Gelassenheit und Wartenkönnen zählen daher zu den hermeneutischen Kardinaltugenden." Gelassenheit ist die Mutter der Höflichkeit. Höflich und kenntnisreich verabschiedet sich der ehemals kritische DDR-Marxist von Brecht und Lukács und entdeckt nicht nur Ernst Jünger, sondern auch dessen schwierigen, aber völlig zu Unrecht vergessenen feurigen Verbündeten Gerhard Nebel neu. Das Zentrum seines Buches findet der Leser in dem Aufsatz "Pathosallergie und Ironiekonjunktur". Hier plädiert er ungeschützt und mit Hegel argumentierend für das Pathos als konstituierendes Element der Kunst und stellt fest: "In nichts scheint sich unsere nüchterne, verehrungsunwillige, von Visionen enttäuschte Zeit so zu gefallen wie in der Ablehnung dessen, was man die Autorität des Ergreifenden nennen könnte." Zwar begreift Kleinschmidt die Ironie als Gegenteil des Pathos, bleibt aber auch hier gerecht in einem Satz von aphoristischer Scharfsicht: "Wahrhafte Ironie, scheint mir, ist Verbergen von Frömmigkeit." Brillante Essays, scheint uns, sind das Verbergen eines Kampfes - eines Kampfes um Gewissen und Gerechtigkeit. (Sebastian Kleinschmidt: "Gegenüberglück". Essays. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2008. 259 S., geb., 24,80 [Euro].) mmes



Buchtitel: Gegenüberglück
Buchautor: Kleinschmidt, Sebastian

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.07.2008, Nr. 165 / Seite 30

 
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