Literatur

Lyrik-Gipfeltreffen: Hans Magnus, ich hatte Sehnsucht nach dir

Von Volker Weidermann

Trafen sich zur ersten gemeinsamen Lesung seit Jahrzehnten: Die Schriftsteller (l-r) Enzensberger, Grass und Rühmkorf

Trafen sich zur ersten gemeinsamen Lesung seit Jahrzehnten: Die Schriftsteller (l-r) Enzensberger, Grass und Rühmkorf

16. April 2005 Was für ein Triumph! Beifallumrauscht stehen die drei alten Herren da auf der Bühne, jeder für sich, jeder mit seinem eigenen großen Applaus. Hans Magnus Enzensberger deutet auf Peter Rühmkorf, links außen, schaut ins Publikum und streckt den Daumen in die Höhe, zeigt dann auf Günter Grass in der Mitte, streckt auch hier den Daumen in die Luft, dann zeigt er schließlich stolz auf sich und wiederholt die Daumengeste: Wir sind groß! Wir alle drei!

Dann zieht er mit einem Schwung das Sakko aus, steht kurz im blaugepunkteten Hemd so da, macht Front gegen das Publikum, winkt in die Luft, legt den Arm um die Schulter von Günter Grass und hüpft dann wie ein kleiner Junge nach hinten, hinter die Bühne, wo drei Garderobentüren mit drei großen Namensschildern warten: „Grass“. „Rühmkorf“. „Enzensberger“. Die Garderoben der Heiligen Drei Könige der deutschen Literatur, die heute, am Freitag abend, zum ersten Mal seit achtunddreißig Jahren, wieder gemeinsam auf der Bühne standen. Sie haben Lübeck gerockt an diesem Abend. Mit Gedichten. Und sonst nichts.

Gemeinsamer Rundgang im Günter-Grass-Haus

Es hatte schon am Nachmittag begonnen, als die drei, von einem Dutzend Fotografen begleitet, ins Günter-Grass-Haus einzogen. Ein kleines, freundliches Giebelhäuschen inmitten der Lübecker Altstadt, mit Günter-Grass-Skulpturen, Günter-Grass-Radierungen, Günter-Grass-Lithographien, einem Günter-Grass-Büro und einem Museums-Shop mit Günter-Grass-Devotionalien. Der Hausherr geht voran, wie immer leicht gebeugt, finster schauend, fast halslos so im braunen Anzug, die Pfeife in der Hand. Am Museums-Shop vorbei, in den schmalen Garten, stellen sie sich vor der riesenhaften Grass-Skulptur „Butt im Griff“ auf, vor der die drei recht klein wirken. Grass hatte die Skulptur erst vor wenigen Jahren als Bücherpokal zum Leipziger Buchmessepreis geschaffen, sie wird aber schon nicht mehr vergeben, wohl weil sie zu schwer gewesen sei. Christa Wolf soll ihren Butt-Pokal angeblich immer noch im Kofferraum herumfahren, weil sie ihn nicht mehr herauskriegt und weil es praktisch ist, bei Glatteis im Winter, wenn ein ordentliches Gewicht hinten auf die Antriebsräder drückt.

Vor dieser Überskulptur sind sie also zusammengekommen, Peter Rühmkorf, schmal wie ein Böhnchen, mit blauer Schirmmütze auf dem Kopf und unangezündeter Zigarette in der Hand. Er ist noch leicht derangiert, weil er nach der Geburtstagsfeier Harry Rowohlts mit einem Laternenpfahl kollidierte und sich dabei den Kiefer brach. Der wurde ihm jetzt gerade erst wieder zusammengeschraubt. Aber diesen Auftritt wollte er natürlich nicht verpassen. Sie gehen ins Hinterhaus, das eigentliche Museum, in der Mitte steht eine Vitrine mit kleinen schwarzen Skulpturen auf rotem Tuch, die nennen sich „Leichenfeld“. Grass führt Enzensberger - Rühmkorf scheint das alles schon gut zu kennen - stolz von Bild zu Bild, zeigt ihm, wie man bei den Stehpult-Vitrinen unten dran noch Schubladen aufziehen kann, und Enzensberger sagt immer: „Ist ja doll!“ und „Meine Güte“, und Grass sagt: „Ja, meine Güte, sagst du“, und dann gehen sie hinauf zur Pressekonferenz.

Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Grass und Enzensberger auch viele Trennlinien

Und da sitzen sie, die drei stolzen Herren, die größten lebenden deutschen Dichter, die machtbewußtesten und auch die selbstbegeistertsten. Der treue Freund Rühmkorf hatte eigentlich über all die Jahre, mehr als vierzig Jahre, die sie sich kennen, zu den beiden anderen gestanden. Da gab es, auch bei allen politischen Unterschieden, kaum eine längere Trennung. Bei den beiden anderen war das nicht so. Zu unterschiedlich sind ihre Temperamente, zu selbstverliebt und machtbewußt sind Grass und Enzensberger, um dauerhaft in großer Nähe nebeneinanderstehen zu können und zu wollen. Ihre Sonne wollen sie für sich allein.

Und natürlich spielte bei früheren Zerwürfnissen auch Politik eine Rolle. Einem wie Günter Grass, der seine festgefügten politischen Überzeugungen seit Jahrzehnten wie einen Eisenmantel um den Leib trägt, mußte ein Luftspringer wie Enzensberger, der in seinem Leben schon alle möglichen Standpunkte, Meinungen und Positionen anprobiert hat, zutiefst suspekt sein. Wiedervereinigung, Asylbewerber, Golfkrieg. Es gab genug Anlaß, sich zu verfeinden in den letzten Jahren. Doch jetzt sitzen sie hier. Umgeben von Illustrationen zu Günter Grass' „Blechtrommel“. In der Mitte, der Hausherr, sagt: „Hans Magnus - ich hatte Sehnsucht nach dir.“ „Und nach dir, Peter“, fügt er noch an. Reiner Eigennutz sei das gewesen, dieses Treffen anzuregen. Um sich endlich einmal wieder zu sehen. Im Zeichen der Lyrik. Er sei gespannt, wie das zusammenklinge.

Die drei Schriftsteller sind ein Geschenk des Himmels

Viel war im Vorfeld von einer Wiedervereinigung der Gruppe 47 die Rede gewesen. Die Veranstalter selbst hatten das aus Werbegründen in die Welt gesetzt. Dann war ihnen das wohl selber etwas peinlich, so nur mit drei Übriggebliebenen Wiedervereinigung zu feiern. Und vor allem ohne den verstorbenen Patron Hans Werner Richter, den Grass zum letzten Wiedervereinigungsfest vor fünfzehn Jahren im Rollstuhl auf die Bühne geschoben hatte - das ging nicht recht. Und so haben sie es jetzt einfach und bescheiden „Gipfeltreffen der Lyrik“ genannt, und Peter Rühmkorf liest einen kurzen Ausschnitt aus einem Text von 1962, in dem er den „lyrischen Dreiklang“ der drei schon aufs allerfrüheste herausgehört hatte. „Du bist der Prophet dieses Abends“, sagt Grass väterlich.

Um dann aber doch auf die Gruppe 47 zu sprechen zu kommen, die „Illusion einer literarischen Hauptstadt“ von damals und daß so etwas den jüngeren Autoren heute fehle, so versprengt und vereinzelt, wie sie vor sich hinschreiben heute. Worauf Enzensberger deutlich widerspricht: „So etwas wie die famose Gruppe 47 ist unter den heutigen Bedingungen nicht mehr möglich“, sagt er. Und daß das auch ein Glück sei. Denn die Gruppe 47 habe rein defensiven Charakter gehabt. Eine „Notgemeinschaft“ zur Verteidigung des Schreibens und der Schreibenden, während der „unerträglichen Lage in diesem Land“. Das Ende der Gruppe 47 jedenfalls sei nicht zu bedauern. Und Rühmkorf sagt, das sei inzwischen ja auch mehr eine Sache für Historiker. Was Enzensberger zu dem Einwand führt: „Ich hoffe, Sie haben nicht den Eindruck, es handele sich hier um ein Veteranentreffen.“ Weit gefehlt. Schriftsteller ließen sich einfach ungern pensionieren. „Wir sind schwer loszuwerden.“ Und Grass fügt an: „Wir leben ja weiter.“ Und: „Es läßt sich noch kein Ende absehen.“

Und so sitzen sie zwischen den „Blechtrommel“-Bildern und warten auf Fragen, weigern sich, auch jenseits der fünfundsiebzig, Veteranen genannt zu werden, dichten weiter, schreiben weiter, lesen weiter, feiern. Ob das nicht doch ein Widerspruch sei, vielleicht, frage ich, den Veteranenstatus zu bestreiten und gleichzeitig im eigenen Museum zu sitzen, im Museum der eigenen Werke, zu Lebzeiten schon? Grass blickt noch etwas finsterer als sonst und antwortet: „Für mich ist das kein Museum“, sondern ein lebendiges Haus mit wechselnden Ausstellungen, das seinen Namen trägt, und sehen Sie nur, die Bilder hier zur „Blechtrommel“ von Hubertus Giebe, wie schön die sind. - Also gut. Kein Museum. Keine Veteranen. Also gut.

Später am Abend sind solche Fragen ohnehin vergessen. Die drei sind ein Geschenk des Himmels. Was für ein Glück, daß wir sie haben, denkt man und sonst nichts. Draußen vor der Musikhochschule am Ufer der Trave ist Frühling. Männer schrubben ihre Rennboote für die erste Ausfahrt, plaudernde Frauen in Sommerkleidern sehen ihnen dabei zu. Die Menschen stehen bis auf die Straße. Fünfundzwanzig Euro kostet eine Karte. Es gibt schon lange keine mehr. Und da kommen sie. Die drei Tenöre des schönen Worts, die Trias des Stolzes, die alten Männer und jungen Dichter. Jeder mit einem Glas Rotwein vor sich. Und einem Glas Wasser. Die Rotweingläser sind am Ende des Abends leer. Die Wassergläser nicht.

Enzensberger hatte offenkundig den größten Spaß

Und sie lesen, sie deklamieren, sie schwingen die Arme in die Luft, schweigen, machen lange Pausen, spielen virtuos mit ihren Texten und mit dem Publikum. Sie lesen sich einmal quer durch ihr Werk. Mehr als zwei Stunden lesen sie. Sie lieben das Lesen. Sie lieben das Publikum. Sie lieben die Worte und ihre Gedichte. Es geht um Politik, um den Alltag, um schöne Worte, gute Pointen, gute Klänge, die Liebe zur Sprache, die Liebe zum Gedicht. Enzensberger hat den ganzen Abend den größten Spaß. Er hatte vorher noch gesagt, ihm liege das Auf-der-Bühne-Stehen nicht besonders, deshalb mache er das nur sehr selten. Aber hier ist er der Vergnügteste. Die weißen Haare napoleonisch nach vorne geworfen, die Arme breit auf den Lesetisch gestützt, schüttelt er sich bei jedem neuen Gedicht Peter Rühmkorfs vor großer, wahrer Freude, und auch Grass hört er mit großem Vergnügen zu.

Jeder der drei liest anders. Aber jeder der drei wird beim Lesen ein anderer. Wie der gebückte, versunkene Grass beim Vortrag wächst und wächst, den Wörtern hinterhersieht, mit den Wiederholungen spielt, die Sätze wieder und wieder hineinliest in den Raum, immer in einem anderen, immer intensiveren, immer leichteren Ton: „Die Katze spricht / Was spricht die Katze denn?“, und Rühmkorf, wie er die Wörter in die Luft wirft, wieder auffängt, variiert, „Das ist auch so ein Gedanke in Öl, den kannst du dir einrahmen lassen“, und lässig: „Gestern Kommunist, heute Kommunist, aber doch nicht jetzt, beim Dichten“, und schließlich Enzensberger, der mehr und mehr Spaß am eigenen Vortrag findet, mit spitzbübischer Freude sein schon klassisches Gedicht „Die Scheiße“ vorträgt - „heute aktueller denn je“, das „von den Vorzügen seiner Ehefrau“ mit den „vielen weichen Stellen“. Sie dichten von Heimat und von Politik, von Einsamkeit und Freundschaft, und von schönen Worten dichten sie. Jedes Gedicht bekommt dicken Applaus. Und dafür, daß man weiß, daß jeder dieser drei insgeheim peinlich genau darauf achtet, wer hier am längsten beklatscht wird, sind sie wirklich sehr entspannt. Vielleicht weil wirklich alle exakt gleichviel Applaus bekommen. Das Publikum scheint die Empfindlichkeit zu ahnen und ist manisch gerecht.

Und am Ende dichten sie vom Tod. Von einem möglichen Ende von allem. Rühmkorf singt: „Ja, und am Ende sehnst du dich dann nach den Tagen, / die du jetzt so lieblos verabschiedest.“ Enzensberger endet mit seinem traumhaften Wolkengedicht: „Nur daß sie uns überleben wird / um ein paar Millionen Jahre / hin oder her, steht fest.“ Und schließlich Grass dichtet von dem Wunsch des lyrischen Ich, mit einem Sack Nüsse begraben zu werden und neuen Zähnen: „Wenn es dann knackt, wo er liegt, kann man sicher sein: Er ist das. Immer noch Er.“

Dann wird es hell im Saal. Der Applaus will nicht enden. Die drei alten Herren verlassen die Bühne als junge Dichter. Der Abend ist zu Ende. Es sollte der Auftakt sein für eine große Tournee. Sie könnten Stadien füllen.

Das NDR Fernsehen strahlt am 9. Mai ab 23.00 Uhr eine Aufzeichnung des historischen Treffens aus.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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