03. März 2007 Was tun, wenn die ältere Schwester plötzlich nicht mehr besser, klüger, schöner, sondern eine Alkoholikerin ist? Silke Scheuermanns erster Roman handelt von der Leere als Lebensgefühl und der ungewohnten Last der Verantwortung.
Von Sandra Kerschbaumer Es bereitet Vergnügen, mit Silke Scheuermann durch die Straßen einer Stadt zu schlendern. Die junge Autorin gehört zu denjenigen, die viel sehen, auch wenn sie schnell vorübergehen, die ein Gespür für die Stimmung eines Abends oder einer Nacht haben und die richtigen Worte dafür finden. In Silke Scheuermanns erstem Roman geht eine junge Ich-Erzählerin durch die Straßen von Frankfurt, ein weiblicher Flaneur im grünen Parka. Sie fängt den Blick der Kioskfrau auf, achtet auf die Pfützen, die in Streifen herabhängenden Plakate.
Silke Scheuermann ist als Lyrikerin bekannt geworden. Ihre Stärke sind kurz aufleuchtende Bilder und vorbeifliegende Szenen. Aber sie belässt ihre Hauptfigur nicht auf dem lyrischen Beobachterposten, sondern stößt sie hinein in das Leben dieses kurzen Romans wie in einen Wasserwirbel, der von einer Mainbrücke aus betrachtet wird: So sieht die Ich-Erzählerin in die schwarze gurgelnde Masse, die sich zusammenzieht, und muss sich am eisernen Geländer festhalten.
Nach "Reiche Mädchen", ihrem vielgelobten Erzähldebüt vor zwei Jahren, in dem sich aber auch einige belanglose Geschichten fanden, hat die Autorin nun ein vollkommen stimmiges Buch geschrieben. Zwei Schwestern begegnen sich nach einigen Jahren wieder. Die Jüngere ist neu in der Stadt, herbeigeweht und bindungslos, und übernimmt doch schnell Verantwortung für die schöne, exzentrische Person, mit der sie eigentlich nichts mehr zu tun haben wollte, die aber auf all ihren Kinderbildern neben ihr steht. Bald ist der Erzählerin klar, dass ihre Schwester dem Alkohol verfallen ist. Schon das Verhältnis der Frauen an sich ist reizvoll, auch ohne Whiskey und Wodka: Die Vertrautheit, selbst mit den verachteten Verhaltensweisen der anderen, die Unausweichlichkeit von Nähe und Nachahmung. Die Distanz, die sie zunächst anstrebt, kann sie nicht aufrechterhalten. Wie von einem Magneten wird sie angezogen, erst von der Schwester, dann auch von deren Freund, mit dem sie sich einlässt.
In diesem Roman gibt es jede Menge Liebesbeziehungen. Sie zerbrechen, bahnen sich an, verbinden für eine gewisse Zeit: "Hier in Frankfurt herrschte überall ein großes Ein- und Ausziehen." Mancher Partnerwechsel ist getragen von der Hoffnung, dem eigenen Leben mit der nächsten Liebe einen Sinn und eine klare Richtung zu geben, sich endlich zu begreifen, durch das, was der andere in einem sieht. Überhaupt spielt ein Gefühl des Mangels in diesem Buch eine große Rolle, das mit den Worten "Ich bin nichts" beginnt und seine Figuren auffällig oft als Silhouetten oder Schatten zeigt. Es ist wohl das von einer jüngeren Schriftstellergeneration wiederholt beschriebene Phänomen, angesichts der Möglichkeiten und uneingeschränkten Freiheiten unserer Gegenwart keinen Ort in der Welt zu finden, der Sicherheit und Stabilität verspricht. "Ich bin nichts" - die leitmotivische Wiederholung dieses Ausspruchs zeugt von der Leere hinter den Ambitionen und munteren Umtrieben der Figuren, von einem Unbehagen, das sich als elegische Atmosphäre über das erzählte Frankfurt legt und dafür sorgt, dass die Prosa Silke Scheuermanns als sehr gegenwärtig empfunden wird.
Das Mangelgefühl ist beiden Schwestern eigen, und die Erzählerin erklärt damit auch den Alkoholismus der Älteren, den diese nicht lange hinter ihren after-work-drinks verbergen kann. Nach drei, vier Whiskeys zieht es sie auf die Tanzfläche einer Bar, wo sie einsam und gelöst im hellen Scheinwerferkegel tanzt, ganz von sich selbst befreit. Die Beschreibungskraft Silke Scheuermanns lässt den Zustand der Betrunkenen zum ästhetischen Phänomen werden, auch wenn sie das hektische Kippen von Flachmännern, die Selbsterniedrigung und das Erbrechen nicht ausspart. Zuletzt liegt sie nach einem Sturz verletzt in einer Lache aus Alkohol, Blut und Scherben. Nun wird die Ich-Erzählerin endgültig hineingezogen in das sich selbst zerstörende Leben der Schwester. Sie nimmt eine Verantwortung an, die nicht frei gewählt, sondern von der Verwandtschaftsbeziehung vorgegeben ist.
Das ist ein interessanter Gedanke, aber eigentlich liest man diesen Roman doch wegen der kühlen, manchmal ironischen, immer bereichernden Beobachtungsgabe der Erzählerin. Denn Silke Scheuermann geht nicht nur durch die Straßen der Stadt, vorbei an beleuchteten Imbissbuden und müden, rollschuhlaufenden Kindern, sondern sie folgt den Figuren auch in deren eigene vier Wände, in die Wohnungen, in denen Möbel umherstehen "wie verlegene Bekannte". In kalkweißen Räumen spiegelt sie den zwanghaften Charakter ihrer Bewohner, oder sie streift ein Chaos aus Cola Dosen, Papiertaschentüchern und Teddybären. Auch hier bewährt sich der wache Blick der Autorin. Sie sieht die Erzählerin vorm Kühlschrank der Schwester stehen: Er ist leer, mit Ausnahme einer einzigen, frischen Zitrone.
- Silke Scheuermann: "Die Stunde zwischen Hund und Wolf". Roman. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2007. 274 S., geb., 17,90 [Euro].
Buchtitel: Die Stunde zwischen Hund und Wolf
Buchautor: Scheuermann, Silke
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.03.2007, Nr. 53 / Seite Z5