Am grimmigsten die Wurst entbehrt

19. Juli 2008 Am 7. August 1941 - der Russland-Feldzug der deutschen Wehrmacht hatte keine zwei Monate zuvor begonnen - verfasste der in dieser Zeit zwischen Anpassung, Widerstand und Rückzug ins Unpolitische schwankende Schriftsteller Hans Fallada im mecklenburgischen Carwitz, seinem idyllischen Wohn- und Rückzugsort, eine Erzählung über das im Krieg Verzichtbare und Unverzichtbare. Vermutlich handelte es sich um eine Auftragsarbeit. Als auftraggebende Zeitschrift, so lässt sich aus Briefen rekonstruieren, kommen "Das Signal" oder "Das Reich" in Frage. Doch wurde "Vom Entbehrlichen und Unentbehrlichen" nie publiziert, weder zu dieser Zeit noch später in den Werken Falladas.

In den sechziger Jahren noch befand sich die Erzählung - in Form eines Manuskripts und eines Typoskripts - im Fallada-Nachlass in Braunschweig. Dort kam beides dem Aufbau-Lektor Günter Caspar zu Gesicht. Danach verliert sich die Spur der Erzählung. Die Textzeugen wurden offenbar vererbt und waren lange der Forschung vorenthalten. Jetzt ist das Manuskript wieder aufgetaucht. Am 11. April dieses Jahres hat es die Hans-Fallada-Gesellschaft gemeinsam mit dem Hans-Fallada-Archiv beim Berliner Auktionshaus Bassenge, das die Provenienz geheimhält, für 5952 Euro ersteigert (zum selben Preis übrigens auch noch das Manuskript der allerdings bereits publizierten Erzählung "Der ertrunkene Buddha"). Freitag Abend wurde es im Rahmen der "18. Hans-Fallada-Tage" in Carwitz vorgestellt. Von der stilistisch wenig elaborierten Erzählung geht dabei eine eigentümliche Faszination aus, als hätte eine verirrte Postkarte aus dem Krieg schließlich den Adressaten, die Öffentlichkeit, erreicht.

Romantisiert ist die an die Rahmenhandlung des "Decamerone" erinnernde Szenerie einer Gesprächsidylle inmitten gefahrvoller Umwelt: "In einer stillen Sommernacht des Kriegsjahres 1941 saßen um einen weißen runden Tisch am Ufer eines weiten Sees einige Männer und Frauen im Gespräch beisammen." Man unterhält sich, angestoßen durch einen Gast aus Berlin, der die friedliche Stimmung auf dem Land preist, über kriegsbedingte Entbehrungen. Reihum gestehen die Anwesenden, worauf zu verzichten ihnen am schwersten fällt. Den Anfang macht die Gastgeberin: Sie vermisst das Auto, das es ihr vor dem Krieg ermöglichte, wenigstens zeitweise der Einsamkeit zu entfliehen. Der Gastgeber gesteht, ihm fehle "so viel, daß ich gar kein Ende weiß". Am grimmigsten aber entbehre er den Genuss von Fleisch.

Ein Doktor berichtet von einer Patientin, welche am Mangel von Seidenstrümpfen leide, während ihm selbst besonders das tägliche Bad fehle. Ein altes Fräulein vermisst die Seife. Da ergreift ein Maler das Wort und beklagt das fehlende Licht in den verdunkelten Städten: "Kommt es euch nicht beinahe märchenhaft vor, daß es noch keine zwei Jahre her ist, da strahlten die Städte im Glanz?" Ein junges Mädchen möchte wieder einmal mit jungen Männern ausgehen: "lachen, herumalbern, flirten". Schließlich spricht eine Veronika, die bis dahin geschwiegen hat: "Ich entbehre nur eines - und das ist mein Junge, der jetzt irgendwo draußen im Osten kämpft." Die Gastgeberin beendet das Gespräch mit der Feststellung, Veronika allein habe recht.

Auffällig ist der autobiographische Bezug. Nicht nur die beschriebene Gegend, so der Leiter des Fallada-Museums, Stefan Knüppel, stimme mit Carwitz überein. Im fleischliebenden Gastgeber sei niemand anders als Fallada selbst zu erkennen und in der Gastgeberin, im Text wie im echten Leben "Suse" genannt, dessen Frau Anna Ditzen: Tatsächlich habe man bei Kriegsausbruch auch das geliebte Auto, einen Ford V8, abgeben müssen.

Erika Becker, die Leiterin des Fallada-Archivs, vermochte auch die übrigen Figuren zu identifizieren: Für den Maler habe der befreundete Heinrich Heuser Pate gestanden, für den Arzt Willi Burlage, ein Bekannter aus Jugendtagen. Selbst für die Figur der Veronika kann aus den Briefen ein Vorbild ermittelt werden: Anna Ditzens Schwester, die darunter litt, dass sich ihr Sohn an der Ostfront befand.

Nicht ganz verständlich aber scheint, warum man sich in Carwitz der Meinung Caspars anschloss und die Erzählung als Durchhalteparole deutete. Insbesondere Knüppel betonte, dass die Moral, im Krieg Verzicht zu üben, "den Machthabern doch sehr entgegenkommend" sei. Es scheint dies aber kaum die Moral des Textes zu sein; denn schließlich wird der Krieg, der nicht nur all die kleinen, aber hier eben doch wichtigen Dinge, sondern auch das Wichtigste schlechthin, den Sohn, entführt hat, mit keiner Silbe legitimiert. Es werden nur Verluste gegeneinander gewichtet. Von einer Begeisterung über die ersten Siege im Osten keine Spur. Seife, Fleisch und Strümpfe - wichtiger als das Vaterland allemal.

Nicht viel mehr als bröckelnde Fassade scheint da der einzige einigermaßen linientreue Satz der Mutter zu sein, dass der Sohn "für mich und alle kämpft", zumal sie gleich darauf betont, alles geben zu wollen, ihn bei sich zu haben. Insbesondere aber die allegorisierende Eloge des Malers auf das Licht ist reinster Gegendiskurs. Entworfen wird ein Friedensideal: "Wie nah fühlte sich der Mensch dem Menschen, welche Gemeinsamkeit gaben doch die goldenen Brücken, die das Licht schlug." Ganz anders die bedrückende Gegenwart: "Wie böse Verschworene schleichen wir durch's Dunkel."

Dieser Text unterläuft so die nur formal erfüllten Ansprüche der Gattung der moralisch aufgerüsteten Ergebenheitsfabel. Eben das mag dazu geführt haben, dass er von den Zeitschriften des "Dritten Reiches" übergangen wurde. Obwohl sich Fallada, der sich gegen die Emigration sperrte, in anderen Zusammenhängen nicht eben rühmlich verhalten hat: Einen Propagandaauftrag im Jahre 1941 damit zu erfüllen, dass man den Deutschen bescheinigte, wie "böse Verschworene" zu den Mächten der Finsternis zu gehören, das erforderte nun doch Chuzpe. Und jenen Mangel an Rücksicht auf sich, der Fallada eigen war und ihn von einer Krise in die nächste trieb.

OLIVER JUNGEN.

Falladas Erzählung "Vom Entbehrlichen und Unentbehrlichen" wird exklusiv publiziert auf faz.net.



Buchtitel: Vom Entbehrlichen und Unentbehrlichen
Buchautor: Fallada, Hans

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.07.2008, Nr. 167 / Seite 33

 
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