16. März 2005 Die Frage ist: Warum stecke ich soviel Energie in das ,Echolot' und dessen Verwandte? Es ist ein Gefühl für Gerechtigkeit. Ich habe den Eindruck, daß man der Generation, die in diese Zeit hineingeboren ist, nicht gerecht geworden ist.
Als sich Walter Kempowski diese Frage im Oktober 1992 stellt, steht das Projekt eines kollektiven Tagebuchs schon in seinem fünfzehnten Jahr - und nur noch ein Jahr vor Veröffentlichung der ersten, hymnisch begrüßten Lieferung. Nun, zwölf Jahre und zehn Bände später, liegt mit dem Abgesang '45 der Schlußstein der monumentalen Collage vor. Man kann das durchaus als Aufforderung nehmen; selbst Leser, die mit dem Echolot nicht vertraut sind, kämen mit diesem Band sofort zurecht. Denn hier, so scheint es, hat der Konzentrationsgrad seine höchste Verdichtung erfahren. Kempowski beschränkt sich in vier Kapiteln auf fünf Tage, die das Ende des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges markieren: der 20., 25. und 30. April, sowie die Tage des Kriegsendes, 8. und 9. Mai.
Kempowskis Suchscheinwerfer
Das Montageverfahren aus bekannten und unbekannten Quellen, aus Tagebüchern, Dokumenten, Briefen, Memoiren ist gleichgeblieben, sein Effekt hat sich jedoch nicht abgenutzt. Man hat gegen ein solche Aufbereitung des Materials eingewendet, sie erkläre zu wenig, ordne und strukturiere nicht genug. Dahinter steht die falsche Annahme, Kempowski wolle irgend etwas beweisen. Er will aber nur zeigen, und dieses nur hat es in sich. Es ist die eigentliche Auswahlleistung des Sammlers, der als Schriftsteller agiert, der Textfunde so montiert, als seien sie unverrückbare Bausteines eines Bildes, dessen Komposition nur der Künstler kennt. Wir folgen keinem Historiker, sondern einem von der Sprache Besessenen, der die Stimmen der Toten hört und ihnen Raum gibt.
Kempowskis Suchscheinwerfer leuchtet zu Beginn den letzten Geburtstag des Führers aus: Hitler im Bunker zu Berlin, langsam, aber sicher in Agonie versinkend. Seiner Sekretärin erklärt er, er brauche sie gesund, weil er eine Widerstandsbewegung gründen wolle. Während Goebbels in seiner Geburtstagsrede noch ein letztes Mal den ganzen Irrsinn seiner Phraseologie vorführt - Er soll uns bleiben, was er uns ist und immer war - unser Hitler! - spielt jener mit einem Welpen namens Wolf, während Reichsmarschall Göring ziemlich durchsichtig an seinem Abgang arbeitet.
Verspreche mir, daß Du Dich erschießt
Die Russen stehen vor der Tür, sie dringen mit jeder Stunde weiter auf Berlin vor. Im Hotel Adlon wird derweil noch Betrieb gespielt; der belgische Kommandeur der Waffen-SS Léon Degrelle, der nach dem Krieg als Geschäftsmann in Spanien lebte, notiert ungerührt über ein spätes Abendessen im Adlon: Es war wirklich schön. Die Haltung der Deutschen, ihre Selbstbeherrschung und das Gefühl für Disziplin bis in die sonderlichsten Einzelheiten hinein und bis zum letzten Augenblick werden für alle, die das Ende des Dritten Reichs erlebt haben, eine großartige menschliche Erinnerung bleiben.
Mit der Selbstbeherrschung ist es aber in der Bevölkerung nicht mehr allzuweit her. Aus Angst vor der Roten Armee wählen Tausende den Freitod. Der einundzwanzigjährigen Friederike Grensemann sagt der Vater: Es ist aus, mein Kind, verspreche mir, daß Du Dich erschießt, wenn die Russen kommen, sonst habe ich keine ruhige Minute mehr. Andere versuchen mit letzter Kraft, den Lebensfaden nicht abreißen zu lassen. Die Todesmärsche sind in vollem Gange, die Konzentrationslager werden befreit und das Grauen, das sich den Soldaten dort bietet, ist, wie der britische Lieutenant Michael Gow notiert, der entsetzlichste Anblick, den ich je gesehen habe oder je sehen werde.
Der Obersalzberg zerstiebt
In Mailand schwadroniert zur gleichen Stunde Mussolini in einem Interview, daß ein unbeirrbarer Junger kommen und die Mission des Faschismus erfüllen werde - ganz ähnlich im Wortlaut wie Hitler, der wenige Tage später in seinem politischen Testament angeben wird, er habe wohl dem deutschen Volk zuviel zugemutet; es sei noch nicht reif gewesen.
Am 25. April treffen Amerikaner und Russen bei Torgau an der Elbe aufeinander. Wie ein zarter roter Faden zieht sich jetzt in vielen Aufzeichnungen der Anbruch des Frühlings durch, die Welt erneuert sich, während sie gleichzeitig untergeht. Der Obersalzberg zerstiebt im Bombenhagel, Thomas Mann notiert dazu reichlich onduliert im fernen Kalifornien: Schwerstes Luft-Bombardement von Hitlers Siedelung bei Berchtesgaden, die zerstört wurde. War er dort, mag er tot sein.
An die Zustände im Kriegsgefangenenlager Bad Kreuznach, wo Tausende von deutschen Soldaten in einem Drahtkäfig ungeschützt Regen, Kälte und Ruhr ausgesetzt sind, erinnert sich der Theologe Gerhard von Rad, den man 1944 eingezogen hatte: Es gehörte für mich zu den wichtigsten Erlebnissen der Lagerzeit, diese äußersten und letzten Möglichkeiten auf dem Wege des Menschen, von denen die Bibel zwar offen redet, die wir Theologen aber doch immer etwas umgangen haben, so als nackte Wirklichkeit bestätigt zu sehen. Im Führerbunker überreicht Hitler mit dem Ausduck des Bedauerns seiner Sekretärin Traudl Junge eine Kapsel Zyankali.
Durchatmen im Bombenhagel
Alles immer zur gleichen Zeit und neben- und übereinander, und erst diese Gleichzeitigkeit von Untergang und Neuanfang, die Atempausen inmitten des Infernos, ergeben das Bild, von dem man sich kaum lösen kann. Schuld? Kollektivschuld? Grete Paquin in Geismar bei Göttingen beschreibt die politischen Metamorphosen, die in diesen Tagen nicht nur Nazi-Bonzen und hochrangige Offiziere durchlaufen, sondern auch der normale Volksdeutsche: Ein dicker Bäckermeister, der mit lautem ,Heil Hitler!' anwortete, wenn ich ,Guten Morgen' sagte, erklärte neulich seiner Kundschaft: ,Endlich kann ich aufatmen. jahrelang stand die Gestapo mit dem Revolver hinter mir.' Erich Kästner notiert im österreichischen Mayrhofen: Die Unschuld grassiert wie die Pest.
Am 30. April verstößt Hitler Göring und Himmler aus der Partei und aus allen Ämtern. Er heiratet Eva Braun und begeht mit ihr am gleichen Tag Selbstmord. Seinem Kammerdiener Heinz Linge sagt er: Linge, ich werde mich jetzt erschießen. Sie wissen, was Sie zu tun haben . . . Linge wußte es, und der Oberwachtmeister Hermann Karnau beschreibt die Folgen - da liegt Adolf Hitler jetzt. Er brennt. Ich habe diese Stelle verlassen (...) und traf an der Treppe den Sturmbannführer Stedle, der mir bestätigte, daß der Chef hinter dem Haus im Garten der Reichskanzlei brennt.
Es gibt neben diesen Momenten unfreiwilliger Komik auch Passagen, die ein Durchatmen ermöglichen. Bei den Siegesfeiern in London lobt etwa der Dichter John Masefield gegenüber Churchills Leibarzt Lord Moran die Ansprache des Premiers mit der Bemerkung: Lloyd George wäre bestimmt pathetisch geworden. Und eine unbekannte Miss Fisher notiert zu den Siegesfeiern in Whitehall: Ein außerordentlich schöner Abend, der nicht vergessen werden wird. Aber im Zentrum stehen die Flüchtlinge aus dem Osten, die Fremdarbeiter, die in den Osten zurückdrängen, die Kriegsgefangenen, die demoralisierten Armeen, die zerbombten Städte. Marodierende Russen, deren wichtigstes Beutegut Frauen, Schnaps und Uhren sind.
Schinderei der Sammelarbeit
Ausführlich protokolliert Kempowski am Ende die Kapitulation: Generalfeldmarschall Wilhelm Keitels Auftritt gegenüber dem sowjetischen General Georgij Shukow wird aus allen verfügbaren Blickwinkeln geschildert. Ein gespenstisches letztes Aufflackern. Am 9. Mai um 0.43 Uhr ist die bedingungslose Kapitulation in Berlin unterschrieben. Für das aus zahllosen Wunden blutende Vaterland, wie es im letzten Wehrmachtsbericht heißt, beginnt eine neue Geschichte.
Auch für Walter Kempowski ist mit der Vollendung des Echolot eine Geschichte zu Ende gegangen. Daß erst dieses Mammutunternehmen ihm jene Anerkennung brachte, die man ihm lange Jahre aus zweifelhaften ideologischen Unterströmungen heraus versagt hatte, mag ihn nur teilweise entschädigen. Seine Culpa-Notizen zeigen ihn als konsequenten Verwirklicher seines großen Werkplans. Gewohnt gewitzt dokumentiert er hier die ; die Querelen mit dem Verlag, die Selbstzweifel. Es liegt in der Natur der Sache, daß sich dies weniger vergnüglich liest als die Tagebücher Sirius (1990) und Alkor (2001). Lob gebührt auch der Beharrlichkeit des Verlages, der half, das Echolot zu einem guten Ende zu bringen. Wie schwierig das beizeiten war, deutet das Nachwort des langjährigen Kempowski-Lektors Karl Heinz Bittel an. Daß sich die Mühe gelohnt hat, steht außer Frage.
Walter Kempowski: Das Echolot. Abgesang '45. Ein kollektives Tagebuch. Albrecht Knaus Verlag, München 2005. 485 S., geb., 49,90 [Euro];
Ders.: Culpa. Notizen zum Echolot. Albrecht Knaus Verlag, München 2005. 384 S., br., 19,90 [Euro].
Buchtitel: Das Echolot - Abgesang '45
Buchautor: Kempowski, Walter
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005, Nr. 63 / Seite L9
Bildmaterial: Verlag