03. Mai 2005 Der Sieger besitzt Mitgefühl: "The town is fearfully smashed, rather like a bad dream", berichtet er am 20. Mai 1945 aus dem zerstörten Berlin in die Heimat. Doch sein Bewußtsein, daß den Besiegten recht geschehe, ist unerschütterlich: "Well: They asked for it and they got it", schreibt der Soldat Jonny nüchtern an seine Betty. Im übrigen habe er seiner Sendung ein paar eingetauschte Uhren und militärische Ehrenzeichen der Deutschen beigelegt.
Wer sich dieser Tage an das Kriegsende vor sechzig Jahren erinnert, tut gut daran, einen deutschen Roman aufzuschlagen, der 1946 geschrieben, 1949 publiziert wurde und der Jonnys hartem Diktum eine andere Perspektive entgegenstellt, ohne die eine Seite gegen die andere auszuspielen. Denn Arno Schmidts "Leviathan", dessen erste Zeilen Jonnys Brief enthalten, fragt im weiteren Verlauf dringlich danach, wer denn da bekommen habe, was er sich zuvor verdiente, bildet ab, welcher Natur diese Bestrafung war. Und er führt damit einen Diskurs, der zwar schon rasch - wenn auch nur vereinzelt - in der deutschen Literatur, in der breiten Öffentlichkeit aber erst Jahrzehnte später aufgenommen werden sollte.
Am Anfang ein Funken Hoffnung
Eine Gruppe von Deutschen findet sich am 14. Februar 1945 in einer zerbombten schlesischen Stadt zusammen und flieht vor den anrückenden russischen Truppen: Bauern, kleine Beamte, Soldaten und Hitlerjungen; ein Pfarrer mit Frau und sieben Kindern (von denen zwei grausam ihr Leben lassen werden), einige Frauen und schließlich der Erzähler, ein Soldat mit dem Marschbefehl nach Ratzeburg in der Tasche. Unter den Frauen ist auch seine alte Augenliebe Anne Wolf, und was er in der Folge unternimmt, um die Flucht der kleinen Gruppe zu befördern und gleichzeitig diversen Durchhalteparolen entgegenzutreten, ist immer auch ein bißchen auf die Wirkung berechnet, die es bei Anne hinterläßt.
Am Anfang ist da sogar ein Funken Hoffnung: Ein Zug läßt sich auftreiben, Kohlen auch, bald sitzt man zusammen im Güterwagen, der sich westwärts von der Front entfernt. Doch schon rasch folgen die ersten Bombenangriffe; schließlich bricht eine Eisenkette im letzten Wagen, der "Schwellenreißer", der mit einem großen Haken die zurückgelegte Bahnstrecke zerstört, nimmt seine Arbeit auf, ohne daß man ihn daran hindern könnte, und in der letzten Szene finden sich der Erzähler und Anne auf einer Eisenbahnbrücke wieder, die an beiden Enden in Trümmer gebombt wurde.
Es bleibt nur der Sprung in den Nebel
Dieses majestätische Bild von Auswegslosigkeit, mit dem der Roman schließt, ist nur eines von vielen, die der Erzähler immer wieder malt - ein Zurück gibt es nicht, es wäre auch nicht wünschenswert, der Weg nach vorn ist aber ebenfalls ungangbar, es bleibt nur der Sprung in den Nebel, der die Brücke umgibt. Ein Trost ist das kaum, ein Signal für eine mögliche Fortschreibung dieser Geschichte schon gar nicht, denn daß die beiden letzten Teilnehmer dieser gemeinsamen Flucht durch ein zerstörtes Land den Sprung im Februar 1945 nicht überleben werden, ist sicher. Und es ist einzig Jonnys auf Mai datierter Brief, der dafür bürgt, daß es in der erzählten Zeit des Romans auch nach dem Tod des Erzählers weitergehen wird.
Große Wirkung auf dem Buchmarkt entfaltete der "Leviathan" nach seinem ersten Erscheinen nicht - trotz oder wegen der ganz eigenen Erzählweise und der in jüngster Vergangenheit angesiedelten Handlung. An den niedrigen Verkaufszahlen änderte auch die Auszeichnung der Mainzer Akademie der Wissenschaften nichts, die Schmidt 1950 als einer von vier Preisträgern entgegennahm (und deren Wert - 2000 Mark - das bis dahin gezahlte Autorenhonorar weit überstieg). Der greise Hermann Hesse schließlich nannte Schmidt einen "wirklichen Dichter" und "echten Visionär" - und wurde bald von dem so Gelobten ruppig vor den Kopf gestoßen.
Was muß der Mensch durchgemacht haben
Immerhin wurde das bei Rowohlt erschienene Buch von der Kritik wahrgenommen und dabei meist wohlwollend, bisweilen enthusiastisch besprochen. Doch die frühe Rezeption gab bereits ein Muster vor, das lange Bestand haben sollte: Die Rezensenten konzentrierten sich auf die - rasch mit dem Autor gleichgesetzte - Person des Erzählers, einer gesteht, das Buch müsse "mehr psychologisch als künstlerisch" beurteilt werden, ein anderer weiß, daß Schmidt "ganz einfach jeder innere und äußere Halt" fehlt, ist er doch "einer von denen, auf die das zersplitterte Abendland gewälzt wurde", und sieht ihn gar als potentiellen Insassen "einer Nervenklinik" - keiner jedenfalls, der sich nicht dem Kritiker "E." anschließen würde, der am 27. November 1947 in der Welt am Sonntag konstatiert, daß "viel persönliches Erleben" des Autors in den Roman "eingeflossen" sein müsse.
Natürlich ist diese Rezeption keineswegs abwegig. In Schmidts zu Lebzeiten unveröffentlichter "Wundertüte", entstanden ab 1948, beklagt der Autor eindringlich seine bedrückende persönliche Situation und bringt sie unmittelbar mit dem "Leviathan" in Verbindung: "Da sitze ich hier, habe meine ganze mühsam zusammengehungerte Bücherei verloren, lebe unter dem Existenzminimum in einem verschimmelten Raum, koche Amorphes in alten Konservenbüchsen, muß vor Unterernährung 18 von 24 Stunden im Bett zubringen - und dann braucht nur noch Jemand sich zu wundern, wie man doch hat einen Leviathan schreiben können; daß einmal Einer (oder Eine) gesagt hätte: ,Oh Gott, was muß der Mensch durchgemacht haben, bis er so weit war' - das ist noch Keinem eingefallen!"
Mikrokosmos der Deutschen am Kriegsende
Alles recht. Und dennoch ist eine Rezeption des (handschriftlich auf Telegrammformulare des englischen Militärs notierten) "Leviathan", die von dem konkret benannten zeitgeschichtlichen Hintergrund absieht, natürlich unzureichend. Und das nicht nur, weil dieser Hintergrund die Weltsicht des Erzählers notwendig einfärbt. Zu deutlich ist die Gesellschaft, die sich im Waggon auf dem Weg nach Westen wiederfindet, ein Mikrokosmos der Deutschen am Ende des "Dritten Reiches", und wer sich von der dominanten Gestalt des Erzählers den Blick auf die Nebenfiguren verstellen läßt, verpaßt eine politische Gruppenrobinsonade des Verne-Lesers Schmidt, die unterschiedliche Haltungen zum NS-Staat ebenso abbildet wie die allmähliche Auflösung einer verordneten "Volksgemeinschaft", die sich hier vor allem als Schicksalsgemeinschaft angesichts einer elementaren Bedrohung erweist.
Es sind offensichtlich keine der staatlichen Unterdrückung entkommene Widerstandskämpfer, die da miteinander im Zug sitzen, zumal diese Staatsmacht in Gestalt von Militär und Hitlerjugend auch mit dabei ist. Von denen werden denn auch "die Pazifisten" verwünscht - bei den Jugendlichen hat die nationalsozialistische Indoktrination unübersehbare Folgen gezeitigt: "Ein Soldat unterhielt sich mit den HJ-Halbwüchsigen (und die BDM-Mädchen nickten überzeugt): ,Wir haben noch was; wir siegen. Der Führer verfolgt eine ganz bestimmte Taktik; erst lockt er alle rein, und dann kommen die Geheimwaffen.' ,Goebbels hat ja wörtlich gesagt', erwiderte der eine Junge, ,als ich die Wirkung der neuen Waffen sah, stand mir das Herz still. Und in drei Jahren ist alles wieder - schöner - aufgebaut. Die Pläne liegen alle fix und fertig beim Führer im Schreibtisch.' Und so weiter. Und ihre Augen leuchteten wie die Scheiben brennender Irrenhäuser."
Die Basis des Nationalsozialismus
Da sind die Flüchtlinge, die der zurückgelassenen Heimat - dem "guten Boden" - nachtrauern, Beamte, Arbeiter, die sich politisch bedeckt halten und in die Endsiegträume ebensowenig einstimmen mögen wie in das geradezu als "aufdringlich" empfundene Gebet des Pfarrers. Daß es mit den Nationalsozialisten vorbei ist, ahnen sie, Scheu vor den Vertretern der Macht haben sie keine mehr: "Die alte Frau und die stoppelbärtigen Alten fluchten auf ,den Hitler'; dann wieder auf den ,Hitler, der verfluchte Lump!'"
Aller Distanzierungen im letzten Moment zum Trotz - Schmidts Erzähler gibt immer wieder Hinweise auf die Basis, die der Nationalsozialismus in der Bevölkerung hatte, spricht zwar von einem "getäuschten" Volk, das aber zu den Parolen der Machthaber fröhlich "Heil" gerufen habe, schildert den Marsch einer Gruppe von ausgemergelten KZ-Häftlingen - diese Erinnerungen finden sich kurz vor dem finalen Bombardement des Flüchtlingszuges. Der von Ekel auf seine Mitmenschen und sich selbst geschüttelte Erzähler jedenfalls ruft aus: "Ich würde begrüßen, wenn die Menschheit zu Ende käme; ich habe die begründete Hoffnung, daß sie sich in - na - in 500 bis 800 Jahren restlos vernichtet haben werden; und es wird gut sein."
Schuld und Sühne ist keine Frage
Natürlich ist diese düstere Vision keine Antwort auf Jonnys Überzeugung, mit der Zerstörung ihrer Städte habe die Deutschen eine gerechte Strafe ereilt. Schmidts Bemühen läuft aber auf eine Differenzierung hinaus, die das "they" aus Jonnys Brief aufnimmt, um zu zeigen, wer denn da bombardiert wird - und gleichzeitig, daß diese Differenzierung angesichts des Bombardements für das Überleben des einzelnen keine große Rolle mehr spielt. Voller Zorn auf jene, die noch in der Katastrophe alles tun, um das Leid zu verlängern, voller Mitleid mit denen, die wehrlos auf der Strecke bleiben, und vor diesem Hintergrund ist die Frage von Schuld und Sühne keine entscheidende Kategorie mehr.
Heinrich Böll hat in einem Aufsatz liebevoll "das weiche Herz des Arno Schmidt" identifiziert, keineswegs zu Unrecht, und noch die Ruppigsten unter denen, die in Schmidts Werk als Alter ego des Autors auftreten, zeichnen sich durch eine besonders ausgeprägte Disposition zur Empathie aus, Menschen gegenüber und mehr noch den Tieren. In Schmidts kurz nach dem "Leviathan" verfaßten Roman "Brand's Haide" jedenfalls erfinden sich die bettelarmen Flüchtlinge einen neuen Abendgruß: "Mögen alle Wesen von Schmerzen frei sein!"
Buchtitel: Leviathan
Buchautor: Schmidt, Arno
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.05.2005, Nr. 17 / Seite 13
Bildmaterial: picture-alliance / dpa