Sturzflut des Gedenkens

Gewaltig und gewaltsam: Paulus Böhmers Zyklus "Kaddish I - X"

10. September 2003 Heinrich Heine wünschte sich - wenn man seinem Gedicht "Gedächtnisfeier" glauben darf - Immortellen auf dem Grab, niedergelegt von Frau Mathilde, seinem "süßen, dicken Kind". Auf diese poetische Weise schien ihm die Unsterblichkeit jedenfalls mit größerer Sicherheit gewährleistet zu sein als durch die christliche Messe oder den "Kadosch" (so Heines Schreibweise), jenes Totengebet, mit dem gläubige Juden das Andenken der Verstorbenen mit dem Gotteslob verknüpfen.

Mit seinem zehnteiligen "Kaddish"-Zyklus hebt Paulus Böhmer die heinesche Alternative zwischen der Poesie und dem Ritus auf: Diese Dichtung ist selbst als Ganzes und in allen ihren Teilen eine gewaltige Sturzflut von Toten-Gedächtnis-Texten, ein Kaddisch-Katarakt in Versen, der sich über die Leser ergießt. Diese Inflation des Kaddisch kann man als freche Verweltlichung und Trivialisierung einer geistlichen Form verstehen; zugleich scheinen aber auch diejenigen Personen und Phänomene, denen ein Kaddisch zugestanden oder zugedacht wird, dadurch gleichsam geadelt zu werden. Beide Lesarten sind offensichtlich erwünscht: Die blasphemische Provokation und das Pathos, die vulgäre Obszönität und gelegentlich auch die liebevolle Zueignung gehören untrennbar zusammen: "Kaddish den Gesprächen über Lebengottliebetod, / mit denen ich aufwuchs. / Kaddish den Baracken und Holzställen, / tapeziert mit Hinterbacken & Titten, / Kaddish der Onanie / und dem Wipfel eines kahlen Baumes / neben den Gleisen".

Autobiographisches und Zeitgeschichtliches, Darstellungen von Gewalt und Sexualphantasien, Bildungswissen und Skurrilitäten aus Natur und Geschichte werden gleichermaßen unter das Gesetz der Vergänglichkeit gestellt, deren Inbegriff das Kaddisch ist, hier zu einem großen Weltgebet oder Weltgedicht mutiert, in dem vor allem und immer wieder vom Sterben, vom Töten und von den Todesarten die Rede ist. Und vom Sex; von Weltlust und Weltekel also, so daß man sich geradezu an barocke Texte erinnert fühlt, zumal in Verbindung mit dem wirkungsmächtigen Wortschwall, der hier wie dort auf den Leser niedergeht.

Doch Böhmers Totenoden sind keine Klagegesänge und keine Trostarien; sie begnügen sich mit Aufzählungen, Benennungen, Zuschreibungen und mehr oder weniger ausführlich kommentierten Fallbeispielen oder Widmungsvorschlägen: "Für Hans-Jürgen Fröhlich. / Für Walter Richartz. / Kaddish / für Rolf Werner Kunz, der sich / vor die S-Bahn legte", heißt es einmal, und an anderer Stelle: "Kaddish / für Hans Henny Jahnn, dessen Fleisch / wie Frauenfleisch roch, dessen Fleisch / wäßrig war, fahl, mitunter / dunkel und trocken".

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Kaddish I - X
von Böhmer, Paulus
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Hunderte von Namen begegnen, für die ein Kaddisch vorgeschlagen wird; Namen von Schriftstellern und Künstlern, von Philosophen und Wissenschaftlern, von Popmusikern, Entertainern, Fußballspielern und von vielen ganz unbekannten Leuten; auch die RAF-Trias von Stammheim, Raspe, Ensslin und Meinhof, erhält ein Kaddisch; und eine buntgemischte Gesellschaft hat Böhmer à la Handke ("Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968") zu zwei Fußballmannschaften zusammengeführt: "Adam. / Kohlmeyer. Klee. / Picasso. Liebrich. Cendrars. / Dalí. Cranach. Ottmar Walter. Fritz Walter. Benn. / Rahn. Islacker. Gottschalk. Turgenjew. / Temath. / Beiderbecke. Wewers. Pollock. / Schau heimwärts, Engel. Te Deum. / Herkenrath."

Alle bekommen ihr Kaddisch ab. Nur "Hitler: kein Kaddish!" Er ist als einziger nicht kaddischwürdig wegen der Gaskammern, wegen "Auschwitz, Dachau, Majdanek, Sobibor", der "wahren Residenzen meines Jahrhunderts". Als Jahrhundertwerk ist dieser überwältigende Zyklus angelegt; und er hat tatsächlich in mancher Hinsicht das Zeug dazu, es zu werden; denn er liefert Namen und Stichwörter zu einer von tödlichen Katastrophen geprägten generationstypischen Bewußtseinsgeschichte wenigstens der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie reicht von den Erinnerungen an eine Kindheit im "Dritten Reich" und in der frühen Nachkriegszeit bis zum Jahre 2000, in dem der israelische Lyriker Jehuda Amichai starb, den Böhmer ins Deutsche übertragen hat und dem das letzte Kaddisch gilt: "Als ich Jehuda das letzte Mal sah, / hatte der Tod sein Gesicht schon beschlagnahmt. / Er lächelte hämisch. Wir / würden uns wiedersehen. Bald."

Böhmers Gedächtnisarchiv speist sich aus dem Widerstandspotential und der Provokationslust der anarchischen Undergroundpoesie der Beat-Generation, deren maßgeblicher Initiator Allen Ginsberg 1960 einen Gedichtband unter dem Titel "Kaddish" publiziert hat, zu einer Zeit, als Paulus Böhmer mit seinen ersten Veröffentlichungen hervortrat. Böhmers "Kaddish"-Projekt reicht bis in diese Anfänge zurück, und Teile daraus hat er seit 1991 mehrfach veröffentlicht. Auch die zentriert gesetzten, um die imaginäre Mittelachse gruppierten Verse, die nach dem Vorbild von Arno Holz' lyrischem Großzyklus "Phantasus" rhythmische Einheiten schaffen, begegnen bereits in seinen früheren Veröffentlichungen, beispielsweise in dem Gedichtband "Darwingrad" aus dem Jahr 1987.

Am singulären Kunstcharakter des "Kaddish" kann kein Zweifel sein. Das Buch ist allenfalls vergleichbar mit den lyrischen Groß-Opera von Wilhelm Deinert ("Mauerschau") und Paul Wühr ("Salve res publica poetica"). Doch die eindringliche Sprachkraft und Gewaltsamkeit, mit denen Böhmer das Heterogenste zusammenzwingt, grenzen ihrerseits an Gewalttätigkeit, die den Reichtum und die Varietät der Formen, die Fülle der Zitate und Anspielungen, die leitmotivhaften Wiederholungen überdeckt. Gerade die durchgehende Monstrosität, das gleichbleibend Extreme, das in gleichem Maße Gültige noch des Banalsten der Alltäglichkeit und des Gräßlichsten der Außerordentlichkeit könnte den Leser zuletzt gleichgültig stimmen. Die ständige sprachliche Hochspannung und die permanenten Schocks, denen er sich ausgesetzt sieht, könnten ihn abstumpfen und seinen Widerstand gegen eine Poesie mobilisieren, die doch den Tod aufheben möchte. Das freilich wäre für sie selbst tödlich.

WULF SEGEBRECHT.

Paulus Böhmer: "Kaddish I - X". Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2002. 347 S., geb., 24,- [Euro].

Buchtitel: Kaddish I - X
Buchautor: Böhmer, Paulus

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2003, Nr. 210 / Seite 38

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