14. Juli 2008 Der Aufbau Verlag steht vor dem Ruin, ein neuer Berliner Verlag baut sich seit einigen Jahren auf: der Verbrecher Verlag, der zumal heimatlos gewordene, versprengte Autoren aufliest. So die skandalumwitterte Gisela Elsner. Sie zählt zur großen Gruppe der Streiter fürs Proletariat, die sich von den noblen Bürgerfamilien, in denen sie groß wurden, losgesagt haben. Die 1937 geborene Tochter eines Nürnberger Siemens-Direktors und Klosterschülerin suchte ihr Heil in der DKP. Sensationelle, auch internationale Erfolge brachten ihr die Romane "Riesenzwerge" (1964) und "Berührungsverbot" (1970). Eine "Humoristin des Monströsen" hat Hans Magnus Enzensberger sie genannt. In der DDR war sie westdeutsche Vorzeigekommunistin, aber verpönt mit ihrer Darstellung von "Gruppensex" und der "Anhäufung von pikant-unappetitlichen Situationen" (so ein Literaturlexikon der DDR). Die Wiedervereinigung Deutschlands machte sie zur Verliererin. Verbittert, von ihrem alten Verlag verlassen, nahm sie sich im Jahr 1992 das Leben. Ihr Sohn Oskar Röhler hat mit dem Film "Die Unberührbare" (2000) ein Requiem inszeniert, das wohl niemanden kaltlassen konnte.
Der mit seinem Namen provozierende Verbrecher Verlag bietet seit 2002 Neudrucke ihrer Werke, zuletzt den Roman "Heilig Blut" (2007), der nur in der Sowjetunion in russischer Übersetzung hatte erscheinen können. Jetzt folgt der bisher unveröffentlichte Roman "Otto der Großaktionär", dessen Text Christine Künzel aus dem schwer lesbaren Manuskript erst hat herstellen müssen. Das Thema dieses Romans kann in einer Zeit der "feindlichen Übernahmen" von Industriebetrieben und der folgenden Massenentlassung von Arbeitern mit Aufmerksamkeit rechnen. Otto Rölz, dem Arbeiter in einer "Ungeziefervertilgungsmittelfabrik", steigt der Besitz von fünf Kleinaktien des Chemiekonzerns zu Kopf, so dass er aus allen Wolken fällt, als er bei den ersten Absatzschwierigkeiten zu den Entlassenen zählt. Ein Aktienverkauf erlaubt ihm noch einmal eine Mallorca-Reise, dann reiht er sich in die Schlange der Arbeitslosen im Arbeitsamt ein. In der Direktorentochter spielt die Autorin mit einer Selbstmaskierung. Der Hass gegen den Vater, den "Ausbeuter", treibt sie in den terroristischen Untergrund, in die "Brigade der Rächerin der Entrechteten". Die Bombenanschläge auf die Fabrik stärken aber nur die Solidarität mit der Leitung. Die Umstellung auf die Produktion von Betäubungsgas zur Bekämpfung von Terroristen setzt sich fort.
So weit der Handlungsgrundriss. Parodie und Satire triumphieren. Sie haben ihr Existenzrecht. Aber jedes brauchbare Thema gerät in Schieflage, wenn Ideologie die Ästhetik überwuchert. So finden wir hier keine Menschen mit ihren Widersprüchen, sondern alte Stereotypen und Charaktermasken wieder: den Ausbeuter, den von oben getretenen und sich durch Tritte nach unten entschädigenden Abteilungsleiter, den seine "Klassenzugehörigkeit" vergessenden Arbeiter mit Kleinbürgerambitionen, eine idealistische, die vorläufige Unmöglichkeit der Revolution verkennende Schwärmerin; hinzu kommt das Touristenklischee vom ewig nörgelnden, überheblichen Deutschen. Immer wieder ist die Satire zur Farce überdreht. Das kann man lustig finden, aber nur zu dem Preis, dass man die Gesellschaftskritik der Autorin nicht mehr ernst nimmt. Wo Ideologie unbedingt recht behalten will, geht die vielgestaltige Lebenswirklichkeit dem Blick verloren.
WALTER HINCK
Gisela Elsner: "Otto der Großaktionär". Roman. Verbrecher Verlag, Berlin 2008. 172 S., br., 14,- [Euro].
Buchtitel: Otto der Großaktionär
Buchautor: Elsner, Gisela
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2008, Nr. 162 / Seite 30