19. März 2002 Aglaja Rewkina muß sich gut überlegen, wen sie in ihre Wohnung hineinläßt. Dabei kann sie sich über Platzmangel kaum beklagen. Als leitende Parteifunktionärin in dem russischen Provinzstädtchen Dolgow gehörte sie einst zu den Privilegierten. Nach dem frühen Tod ihres Mannes und dem Auszug des studierenden Sohnes bewohnt Aglaja alleine eine Dreizimmerwohnung, als deren besonderer Vorzug sich eine überdurchschnittliche Deckenhöhe erweist. Was der Alleinstehenden das Leben schwermacht, ist auch nicht die Aufdringlichkeit der Männer. Obwohl es da schon den einen oder anderen gegeben hatte, der ihre Situation auszunutzen versuchte - schließlich war sie nicht immer eine ergraute, abgemagerte Rentnerin. Und es sind nicht einmal die Schergen der Geheimpolizei, die ihr Sorgen bereiten. Obwohl es manche Situation gab, in der Aglaja mit ihrer Einstellung und ihrem Lebenswandel politisch aneckte - schließlich spielt ihre Geschichte vorwiegend in den Zeiten des Kalten Krieges.
Eine Dissidentin? Das nun gerade nicht. Ihr Fall ist in Kürze dieser: Aglaja muß auf den Schutz ihrer Wohnung bedacht sein, weil sie, für ihre Nachbarn ein offenes Geheimnis, dem bekanntesten und gefürchtetsten Manne der Sowjetunion Unterschlupf gewährte, und das über Jahrzehnte hinweg. Ihr heimlicher Gast ist kein anderer als der Genosse Jossif Wissarionowitsch Stalin, den 1956 die Beschlüsse des XX. Parteitages postum von seinem Sockel gestürzt hatten. Die Rettung des Denkmals Stalin, ganz wörtlich genommen: Darin besteht die Lebenstat der Aglaja Rewkina - und die bizarre Grundidee des Romans von Wladimir Woinowitsch.
Im Wohnzimmer der Rewkina endet, festgeschweißt auf einer Stahlplatte, jene überlebensgroße Statue des einstigen Generalissimus, die im Dezember 1949 zu Stalins siebzigstem Geburtstag unter großem Pomp auf dem Dolgower Hauptplatz enthüllt worden war. Ein Augenblick, der sich aus späterer Sicht zu mythischer Größe erhebt. Alle großen Straßen führten zusammen, wo Stalins rechter Arm leicht salutierend erhoben war, seine Linke mit lässiger Geste die Handschuhe gegen das Knie schnalzte. Ein Wunder der Bildhauerkunst, so fanden damals alle. Wie lebensecht drohend schienen seine Augen zu funkeln! Selbst die Tauben hielten sich in respektvollem Abstand und wagten es nicht, das Denkmal durch Spuren des Vergänglichen zu beschmutzen. Die letzten Zweifler und Spötter verstummten, als am Ende der Eröffnungszeremonie gar der Blitz in den Eisenmann einschlug und damit die übernatürlichen Kräfte des Kultbilds offenbarte. Für Aglaja, die das Monument in Auftrag gegeben und in Zeiten bitterster Nachkriegsarmut durchgesetzt hatte, bedeutete jener Einweihungstag eine der beiden Sternstunden ihres Lebens. Die andere war ein gutes halbes Jahrzehnt zuvor, als sie mit ihrem Mann zusammen ein Fabrikgebäude vor den anrückenden deutschen Truppen in die Luft gejagt hatte - und aus Zeitnot ihren guten Rewkin leider gleich mit. "Die Heimat wird dich nie vergessen", rief sie ihrem Mann noch zu, während sie den Auslöser betätigte.
Woinowitsch, der ein glänzender Fabulierer ist, scheint sich diese tapfere Skrupellosigkeit zum Vorbild genommen zu haben. Seiner Heldin vergönnt er nur Liebesgeschichten der herben Sorte. Aber immerhin: Aglaja Rewkina gewinnt dafür den obersten Führer ihres Vaterlandes als gußeisernes, unvergängliches Standbild. Die unbeschreibliche Last der Vergangenheit muß sich der Lust an der Anekdote unterordnen. Im Russischen trägt der Roman den Titel "Monumentalnaja Propaganda", was beileibe nicht heißt, daß hier zentnerschwere Parteigeschichte aufgetischt würde. Wenn Stalin, die Polit-Ikone des Dämonischen, im Wohnzimmer-Eckchen einzieht, so sieht dies eher nach leichtfertigem postmodernen Allotria aus. Doch bedient sich Woinowitsch des robusten Genres der Groteske, um in seinem Schutz das zarte Pflänzchen einer wirklichen Romanze zu hegen.
Wie in jeder Liebe ist auch hier die Stärke der Gefühle nicht davon abhängig, ob sie erwidert werden. Aglajas Passion beginnt mit der Tauwetter-Periode Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre. Nach Chruschtschows legendärer Rede gegen den Personenkult bringt sie ihre Treue zu Stalin in Gegnerschaft zur Heuchelei der Apparatschiks. Obwohl hochdekorierte Weltkriegsteilnehmerin, verliert sie ihre leitende Stellung und wird bald in den vorzeitigen Ruhestand abgeschoben. Tatenlos muß sie zusehen, wie Stück für Stück aus ihrem Lebensgebäude herausgebrochen wird. In Rage bringt sie, daß die Zeitschrift "Nowy mir" sogar die Erzählung eines ehemaligen Lagerhäftlings abdruckt (eine Anspielung auf Solschenizyns "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch").
Den Gipfel und Wendepunkt ihrer Leidenszeit aber bildet die Demontage des Dolgower Stalindenkmals. Für ein stattliches Bestechungssümmchen läßt Aglaja den gefallenen Helden kurzerhand zu sich nach Hause transportieren. Weitere Schmiergeldzahlungen sind fällig, als der Hauswart und schließlich der Aufseher des Wohnungsamtes von ihrem ungemeldeten Untermieter Wind bekommen. Der eiserne Stalin trinkt nicht, raucht nicht und verschlingt dennoch ihr letztes Geld. Als eines Abends die heimlich mitgehörte BBC den Sturz des Reformers Chruschtschow durch den harten Breschnew meldet, knallen bei Aglaja die Sektkorken. Doch die Hoffnung auf eine Rehabilitierung ihres Helden war verfrüht, der Sockel auf dem Dolgower Zentralplatz bleibt verwaist.
Um so inniger gestaltet sich Aglajas Zusammenleben mit dem Geächteten, den sie jetzt mit niemandem mehr teilen muß. Sie erzählt ihrem Stalin von den bedauerlichen Wendungen des Weltlaufes; sie staubt seine Mütze ab; schließlich wäscht sie ihn zärtlich mit einem nassen Schwämmchen, selbst an jenen delikaten Stellen, die der Bildhauer unter der groben Uniform kaum anzudeuten wagte. Auf Aglajas immer spärlicher werdende Besucher wirkt der eiserne Gast freilich weniger anregend. Ein kurzer Lichtblick fällt in ihre Altersjahre, als Aglaja bei einem der weiteren politischen Kurswechsel mit einem Urlaub auf der Krim ausgezeichnet wird und ihr dort ein hochrangiger pensionierter General den Hof macht. Nach wenigen Tagen läßt sie sich sogar dazu bewegen, mit dem alten Haudegen in Adidas-Klamotten über den Strand zu joggen. Diese ausgesprochen komische Episode gehört zu den stilistischen Höhepunkten des Romans, samt einem höchstpersönlichen Auftritt des Leonid Breschnew zum denkbar unpassendsten Zeitpunkt.
Eine der letzten Szenen führt Aglaja und den General viel später erneut zusammen, bereits in den neunziger Jahren. Mit einem kümmerlichen Häuflein von Altkommunisten marschiert das greisenhafte Pärchen im Protestzug durch die Straßen Moskaus: Ewiggestrige, die Stalinbildchen vor sich hertragen, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Kein Zweifel, daß Woinowitsch seine Geschichte von diesem tristen Ende her konstruiert hat. Aglajas zähe Romanze überdauert selbst den Niedergang der Sowjetunion, den sie schon mit dem poststalinistischen Bildersturz kommen sah.
Auch bei Woinowitsch beherrschen am Ende die neureichen Kriegsgewinnler der Porno- und Waffenindustrie die Szene; der Showdown setzt mit grellen Terrorattacken geradezu prophetische Akzente. Auch das Elend der Gegenwart nährt nostalgische Sehnsüchte, aber an die Gewalt der Lebenstäuschung Aglajas reichen sie nicht mehr heran. Ihr Schicksal, und das macht den Roman letztlich doch zur politischen Fabel, gleicht dem Dilemma Pygmalions und seiner Statue. Was sie liebt, hat niemals gelebt und ist deshalb nicht umzubringen.
Wladimir Woinowitsch: "Aglaja Rewkinas letzte Liebe". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Alfred Frank. Berlin Verlag, Berlin 2002. 436 S., geb., 22,- <Euro>.
Buchtitel: Aglaja Rewkinas letzte Reise
Buchautor: Woinowitsch, Wladimir
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2002, Nr. 66 / Seite L9