26. November 2006 Am Tag, als das Phantom zum ersten Mal in der Öffentlichkeit sprach, landete die Sonde Opportunity auf dem Mars. Und als sei die Wirklichkeit einer seiner Romane, attackierten gleichzeitig Rechtsextreme beim Weltwirtschaftsforum in Davos Globalisierungsgegner, und in Tiflis wurde Micheil Saakaschwili als georgischer Staatspräsident vereidigt. Es war der 25. Januar 2004, das Phantom stand auf dem Bürgersteig vor einem Schild "Thomas Pynchon's House: Come On In!", es trug eine Papiertüte mit Sehschlitzen über dem Kopf, unter der sich eine Haartolle und vorstehende Schneidezähne abzeichneten, es sprach in ein Mobiltelefon und lobte Marge Simpsons ersten Roman: "Thomas Pynchon liebt dieses Buch fast so sehr, wie er Kameras liebt." Dann rief das Phantom in den vorbeiströmenden Verkehr: "Hey, hierher! Lassen Sie sich mit einem einsiedlerischen Autor fotografieren. Und nur heute gibt's noch gratis ein Autogramm dazu!"
Der Auftritt in der Zeichentrickserie "The Simpsons" spaltete die Gemeinde der Pynchonites. Er habe sich verkauft, schrieben die einen; die "Simpsons" seien der ideale Ort, fanden die anderen. Das Wispern und Raunen im Netz, das bei solchen Anlässen an- und abschwillt, ist die Fieberkurve der Pynchonmania. Und so sehr hängen die von ihr Befallenen am Mythos vom Unsichtbaren, daß sie sich mit den fast fünfzig Jahre alten Fotos begnügen und ignorieren, daß es längst ein neues Bild aus dem New York der späten Neunziger gibt, welches einen Jungen an der Hand eines älteren Mannes zeigt, der einen weißen Schnäuzer trägt und markante Schneidezähne hat.
Die Pynchonites erkennen ihn in der Rätselgestalt seiner Bücher. "Against the Day", das neue Proteus-Gesicht des 69jährigen, hat das Raunen wieder anschwellen lassen, wenngleich merklich schwächer als zuvor. Bei amazon.de liegt der Roman schon auf Platz 14, was einem mindestens so viele Rätsel aufgibt wie der Roman selbst, bei pynchonwiki.com arbeiten Unermüdliche an einem Register, das täglich wächst. Zugleich hat sich in Amerika ein Schwall von Verrissen über Pynchon ergossen, moderat die wenigsten, gereizt die meisten, als müßten sie mit dem abrechnen, dessen Prosa sie früher verehrten. Und sieht man mal von Louis Menand im "New Yorker" ab, so ist da kaum einer, der einen Gedanken zu diesem Roman entwickelt hätte.
Pynchons Buch treibt die Kritiker in die Mimikry. Er füllt seine Romane wie ein Faß ohne Boden mit listenartigen Aufzählungen, und prompt zählen die Rezensenten auf, was es so alles gibt. Da muß man nicht mitspielen, es reicht zu sagen, daß der Roman im Zeitraum zwischen 1893 und dem Ende des Ersten Weltkriegs spielt, daß er für Pynchons Maßstäbe frappierend linear erzählt ist und daß die Rache für den ermordeten Anarchisten Webb Traverse nur insofern ein Plot ist, als man annimmt, das Skelett einer Maus könne einen Elefantenkörper tragen. Aber was ist eigentlich so anders, im Vergleich zu "V." (1963), zu "Die Enden der Parabel" (1973) oder "Mason & Dixon" (1997), die Pynchons Weltruhm begründeten? Alle sind sie dickleibige Romane, vollgestopft mit Charakteren, Bizarrerien, mathematischen Gleichungen, sexuellen Praktiken, irren Namen, obskuren Begebenheiten, Phantasmagorien und Paranoia, voller Tonart- und Schauplatzwechsel? Waren da früher "echte Menschen", ging es etwa "seelenvoll" zu in den "Enden der Parabel"? Spricht durch diese Begriffe nicht bloß das Über-Ich der Rezensenten, das auf dem Realismusgebot besteht? Hat es früher niemanden genervt, daß Pynchon wie ein großer Mäandertaler jedem Subplot einen weiteren anfügte? Hat man das nicht gefeiert als "Hypertext-Roman", sobald das Internet die Metapher geliefert hatte für die Verzweigungen, die Um- und Abwege, die unterirdischen Stollen von Pynchons Prosa?
Man möchte "Against the Day" daher sofort verteidigen gegen die Übellaunigkeit der Kollegen und gleich auch noch gegen die Kulturkritik, die beklagt, daß die Aufmerksamkeitsspanne beängstigend geschrumpft sei. Mag ja sein, daß die Zeiten vorbei sind, in denen sich Leser monatelang einem Megatonnen-Buch widmeten, weil sie sich von ihm die Entschlüsselung einiger Welträtsel erhofften. Aber wenn man "Against the Day" in der Hand hält, ist da dieses Pynchon-Gefühl: ein Umschlag mit einem an den Rändern vergilbenden Blatt Papier, darauf ein roter Stempel, und die Buchstaben werfen leichte Schatten. Wenn man dann, wie beim Speed-Dating, mal reingeschaut hat, scheint alles vertraut. Und wenn man schließlich, grob geschätzt, drei Tage in diesem Buch verbracht hat, hinter den Figuren um die halbe Welt hergetaumelt ist, würde es einen auch nicht wundern, wenn auf der nächsten Seite, direkt nach dem ominösen Kaffeehändler Günter von Quassel, auch ein Carsten Ramelow auftauchte, der einer Schar von Männern in kurzen Hosen hinterherläuft, die sich Tottenham Hotspurs nennt. Und man wünscht sich einen großen "Absinth Frappé" - oder zumindest das Buch als Datei und die Funktion Volltextsuche.
Es war schon mal leichter, bei Pynchon den Überblick zu behalten. In "Mason & Dixon" war es die Demarkationslinie, welche später die Parteien im Bürgerkrieg trennen sollte, es gab eine Perspektive, in der sich die Dinge ordneten; der Aufklärung wurde die Rechnung aufgemacht, weil sie "Möglichkeiten in Einfachheiten" verwandelte; da war eine Art Alphabet des wilden Denkens, aus dem sich wie in Spiegelschrift ein Bild "von unserem in Zahlen gebrachten, traumlosen Indikativ" formierte. Wenn "Mason & Dixon" von der Erschließung des Raumes handelte, so ist "Against the Day" ein Roman über die Zeit. Hier gleiten die Luftpfadfinder der "Chums of Chance" mit ihrem wasserstoffbetriebenen Vehikel durch das Buch, tauchen an unwahrscheinlichen Orten auf, und natürlich ist es schwieriger, von Zeitreisen und "Bilocation", von gleichzeitiger Präsenz an zwei Orten, zu erzählen, weil Zeit sich halt immer nur in räumlichen Metaphern fassen läßt.
Worauf dieses Szenario hinauswill, das hat Louis Menand am klarsten benannt. Es ist ein Inventar der Möglichkeiten zu einem bestimmten historischen Moment, als Wissenschaft, Spekulation und Obskurantismus noch ohne feste Hierarchien koexistierten, als die geopolitische Ordnung sich neu formierte - bevor Europa in den Ersten Weltkrieg trieb, bevor Relativitätstheorie und Quantenphysik die neuen Paradigmen wurden. Es ist eine Geschichte von Ordnung und Chaos, eine Rekonstruktion vergangener Zukunftsentwürfe, die längst verschollen sind.
Und wenn man sich lange genug durchgekämpft hat, stößt man auch auf eine Passage, die Pynchons Verfahren ganz gut beschreibt: "Schau", sagt da ein wahnwitziger Bastler, "jedes fotografierte Ding bewegt sich . . . man friert diese Bewegung ein in jenem winzigen Stück Zeit, die es braucht, die Blende zu öffnen und zu schließen. Und so haben wir uns vorgestellt, wenn ein Foto wie die erste Ableitung einer Gleichung ist, dann könnten wir vielleicht einen Weg finden, das Gegenteil zu tun, indem wir mit dem Foto anfangen, seine vollständige Stammfunktion wiederentdecken und es so wieder in Bewegung versetzen . . . womöglich sogar zurück ins Leben."
"Against the Day" ist deshalb ein Roman, den man nicht einfach lesen oder rezensieren kann. Er stellt einem ständig die Frage, wie man ihn überhaupt lesen soll, wieviel Stoff man im Kopf behalten kann und muß, um der Handlung zu folgen, ohne sich selbst in eine Pynchon-Figur zu verwandeln. Aber noch gibt es ja keine Industrienorm für Romane wie zur Herstellung und Auszeichnung von Karamelbonbons. "Against the Day" zieht einen hinein und wirft einen wieder hinaus, er gleicht einem Internet ohne Suchmaschinen, wo man bloß auf einen Link klickt und sich weitertreiben läßt. Doch unterwegs passiert dem Buch dasselbe wie dem Luftschiff der "Chums of Chance": Das Vehikel verwandelt sich "in sein eigenes Reiseziel". Das ist vielen unerträglich, was man verstehen kann; der Gemeinde verschafft es Stoff für die nächsten Jahre. So wahrt der Unsichtbare seinen Nimbus: Er schreibt jetzt eher pynchonesk - und weniger wie Thomas Pynchon.
PETER KÖRTE
Thomas Pynchon: "Against the Day". A Novel. The Penguin Press, New York 2006. 1085 Seiten, 24 Euro. Die deutsche Ausgabe wird im Frühjahr 2008 bei Rowohlt erscheinen und laut Verlag einen Umfang von zirka 1800 Seiten haben.
Buchtitel: Against the Day
Buchautor: Pynchon, Thomas
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 28