Der neue Roman von Philip Roth

Auf den Schlachtfeldern von Lust und Alter

Von Jordan Mejias, New York

Auf der Höhe seiner Erfindungskraft: Philip Roth

Auf der Höhe seiner Erfindungskraft: Philip Roth

01. November 2007 Wenn Philip Roth im Dezember wieder einmal nicht zur Verleihung des Literaturnobelpreises nach Stockholm reisen wird, bekommen amerikanische Kritiker die Gelegenheit, noch einmal zu rekapitulieren, was einige von ihnen schon vor der Bekanntgabe der Preisträgerin zu wissen glaubten.

Im Umlauf war damals die Meinung, Roth könne gar nicht ausgezeichnet werden, weil die Juroren in Stockholm für ihre als literarisch ausgegebene Entscheidung gewisse feministische und politische Leitlinien im Auge behielten. Gälte hingegen nur Talent, müsste Roth schon längst Nobelpreisträger sein. Denn wie Metakritiker Harold Bloom charakteristisch umwunden zu Protokoll gab: „Ich bin mir nicht sicher, ob Philip nicht näher dran ist, der Beste zu sein, als alle andern.“

Es gab aber einen weiteren Grund, den wahrscheinlich besten lebenden Schriftsteller Amerikas zu übersehen. Der Preis hätte ihm zu keinem günstigeren Zeitpunkt überreicht werden können. Und da die schwedische Akademie eher ungewöhnliche, wenn nicht unpassende Augenblicke bevorzugt, sprach auch die Tatsache gegen Roth, dass soeben der neunte und wohl letzte Band seiner Romanserie um Nathan Zuckerman, sein uneingestandenes Alter Ego, in die Buchhandlungen gekommen war.

Ein großes Puzzle

Zu allem Überfluss zeigt „Exit Ghost“ ihn auf der Höhe seiner schriftstellerischen Erfindungskraft. Ohne Vorbehalte geht es naturgemäß zwar nicht ab, überwiegend aber stimmt die Kritik doch Hymnen an. Als Meisterwerk begrüßt etwa das Nachrichtenmagazin „Newsweek“ den Roman, und in der „New York Times Book Review“ befindet Clive James: „Das Buch eines großen Schriftstellers. Ein großes Buch? Vielleicht ist es nur ein anderes Teilchen eines Puzzles. Eines großen Puzzles, und lebensgetreu ist es gerade deswegen.“

Über fast drei Jahrzehnte erstreckt sich der Zuckerman-Zyklus, der eigentlich keiner ist. In unregelmäßig erfolgten, nicht unbedingt eng verzahnten Lieferungen erfahren wir seit 1979 vom Aufstieg des Schriftstellers Nathan Zuckerman, von seinen inneren und äußeren Problemen, die der Erfolg mit sich bringt, und seinem sich steigernden Leiden an der Welt. Über die Selbsterkundung hinaus, die ihn zunächst vollauf beschäftigt, weitet sich das Panorama in den späteren Werken bis hin zu den Problemfeldern Terrorismus und Rassismus. Der Abschlussband „Exit Ghost“ schlägt schon im Titel den Bogen zurück zu „The Ghost Writer“, dem Auftakt der Serie.

Wut und Resignation

War der junge Zuckerman ein aufstrebender Jungschriftsteller, der in dem einsiedlerisch lebenden und schreibenden E. I. Lonoff sein Ideal sah, hat jetzt der alte, erfolgreiche Zuckerman elf Jahre in ländlicher Einsamkeit verbracht, fern dem Literaturbetrieb, aber unentwegt schreibend, dabei weder von Fernsehen und Internet noch von Handy und Videorecorder abgelenkt, ja selbst den Frauen und der Lust auf sie ist er abhandengekommen. Ausgerechnet seine Krankheit zwingt ihn zur Rückkehr nicht nur in ein Leben, das er für abgeschlossen hielt, sondern in eine lebensgierige Metropole, in ein ihm fremd gewordenes New York. Dass gerade Präsidentenwahlen stattfinden und George W. Bush im Amt bleiben darf, treibt ihn nur tiefer in eine Malaise zwischen Wut und Resignation.

Seit seiner Prostataoperation leidet Zuckerman an Impotenz und Inkontinenz. Die medizinische Nachbehandlung bringt keine Linderung. Obendrein reißt die Stadt bei ihm, der sich in ihr wie ein Wiedergänger fühlt, die alten Wunden auf. Im einsamen Landleben konnte er sich in der Illusion wiegen, sein sexuelles Verlangen unter Kontrolle gebracht und dabei so etwas wie Freiheit gefunden zu haben. New York weckt im kranken, alten Mann die nur allzu gesunden Triebe. Zwar ist die Angebetete von einst noch kränker als er, doch bringt eine junge, unerreichbare Frau seinen Gefühlshaushalt total durcheinander. In seinem verfallenden Körper haben sich die alten Obsessionen ihre elementare Kraft bewahrt. Angesichts der „schönen, privilegierten, intelligenten, selbstsicheren, gleichgültig blickenden Dreißigjährigen“ empfindet er die „bittere Hilflosigkeit eines verspotteten alten Mannes“, der alles darangäbe, „wieder ganz“ zu sein. Die ländliche Triebdressur war umsonst.

Frei von Selbstmitleid

„Exit Ghost“ ist eine elegische Variation des in „Everyman“, seinem vorhergehenden Roman (siehe: Philip Roth stellt sich mit „Everyman“ dem Alter), so klar und unerbittlich angeschlagenen Themas. Es lautet, in Roths eigenen Worten: „Das Alter ist keine Schlacht; das Alter ist ein Massaker.“ Frei von Selbstmitleid, aber tief gezeichnet von Einsamkeit und Ausweglosigkeit und einem nachlassenden Gedächtnis, ist Zuckerman hilflos der Frustration angesichts einer Jugend ausgeliefert, die „bis zu den Zähnen mit Zeit bewaffnet“ ist.

In all den melancholischen Motiven, in eingeschobenen Dialogszenen und thematischen Abschweifungen, die sich nur ein Meister leisten kann, klingen jetzt aber bisweilen poetische und nostalgische Noten auf, wie sie in „Everyman“ noch fehlten. Der Mann, der mit seinen phallozentrischen Exzessen nicht immer auf feministische Gegenliebe stieß, muss sich in einem absurden Abgrund zwischen Wollen und Nichtmehrkönnen einrichten. Allein die Energie des Erzählens und der Elan einer klaren, unverschnörkelten, nicht selten rabiaten Sprache sorgen in dem Stück über Verfall und Vergeblichkeit für einen vitalen Kontrapunkt. Gibt es am Ende also doch einen Sieg der Kunst? Oder wiederum nur einen enttäuschenden Scheinsieg?

Unverkennbar erkennbar

Gar nicht nur nebenbei geht es auch noch einmal um das alte Versteckspiel, das zu spielen Roth nie zugab. In Zuckerman sollte nie Roth zu entdecken sein, im Protagonisten nie der Autor. Ein forscher Nachwuchs-Zuckerman will in „Exit Ghost“ nun aufzeigen, dass eine inzestuöse Affäre die künstlerische Kraft des inzwischen verstorbenen und vergessenen Lonoff zum Versiegen brachte. Was von Lonoffs Geliebter bestätigt wird. Zuckerman mag sich jedoch auch von ihr nicht überzeugen lassen. Die schriftstellerische Fiktion will er nicht als kostümierte Fortsetzung des Alltags anerkennen.

Der Autor, der seine Romane oft genug autobiographisch einfärbt, bestreitet vehement jede Übereinstimmung und jeden Erkenntnisgewinn aus dem Vergleich von Werk und Leben. In den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss meint Zuckerman zu hören, wie der Komponist alle Masken fallen lässt und als Zweiundachtzigjähriger nackt vor uns steht. Roth und Zuckerman wollen bis zum Schluss maskiert bleiben. Aber sie sind doch immer erkennbar, unverkennbar.

Text: F.A.Z., 01.11.2007, Nr. 254 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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