01. März 2008 In Denys Arcands Film "Der Untergang des amerikanischen Imperiums" aus dem Jahr 1986 formuliert die Geschichtsprofessorin Dominique, unverheiratete Doyenne ihrer Fakultät in Montreal, bei einem Spaziergang in der Dämmerung im Freundes- und Kollegenkreis das Programm einer ultimativen Abrüstung der Sexualmoral. "Der Papst sollte nur über Dinge sprechen, von denen er etwas versteht: Masturbation und Prostataprobleme."
Der Film zieht die Bilanz der historischen Folgen der sexuellen Revolution. Die handelnden beziehungsweise hauptsächlich redenden Personen sind alle Historiker. Welche Stufe der Karriereleiter sie erreicht haben, hängt wesentlich von ihrem Geschlecht und ihren Reproduktionsentscheidungen ab. Mit dem vollen ironischen Ernst der Geschichtsschreibung großen Stils erörtern sie beim Abendessen in der Wochenendresidenz am See die These des Filmtitels: dass die auf Verzicht, Disziplin und Berechenbarkeit angewiesene westliche Zivilisation durch die Normalisierung der Promiskuität ins Zeitalter der Dekadenz eingetreten ist.
Die endzeitliche Vision, als letzte Instanz der Alten Welt werde auch der Papst sich der Privatisierung der Moralbegriffe fügen und die Umstellung von Autorität auf Authentizität nachvollziehen, ist ein Glücksversprechen, hat allerdings im Moment des Spaziergangs eher die Qualität des Trostes. Das Unglück, das sich in Jahrzehnten der Glückssuche durch Partnerwechsel und Ehebruch im Rücken der Getriebenen akkumuliert hat, ist beim festlichen Tafeln plötzlich auf den Tisch gekommen, weil ein Regime der Kommunikation zusammengebrochen ist. Dieses Regime beruhte auf einer strikten Trennung der Geschlechter, die immer über dasselbe redeten, aber nie gemeinsam. Die erste Hälfte des Films zeigt die beiden Untergruppen der Clique getrennt, in vertauschten Geschlechterrollen: die Männer in der Küche, die Frauen im Fitnessstudio. An beiden Orten wird in einem fort erzählt, vom Erobern und Erobertwerden, von den Täuschungen und Selbsttäuschungen der entfesselten Libido. Zur Katastrophe kommt es, weil eine Professorengattin nicht verstanden hat, dass die ganze Zeit über auch von ihr und ihrem Mann die Rede war.
Als Adam grub und Eva spann.
Zwei Jahrzehnte trennen Arcands Helden von ihrer Studienzeit: Die Männer haben sich Bäuche zugelegt, die Frauen sehen Falten im Spiegel, aber Sturm und Drang haben nicht nachgelassen. Seitdem sind zwei weitere Jahrzehnte vergangen. Charlotte Roche, geboren 1978, hat sich in ihrem ersten Roman an jenem Zuständigkeitsprinzip orientiert, dem sich der Papst noch immer nicht unterworfen hat. In einem Interview sagte sie: "Ich habe mich auf das besonnen, was ich gut kann: Das ist hingucken und anfassen. Und ich habe versucht, über das zu schreiben, was mich wirklich etwas angeht: über weibliche Flüssigkeiten und betörende Gerüche."
Beide Themen, auf die die fortgeschrittene historische Einsicht im erzkatholischen Quebec das päpstliche Magisterium beschränkt wissen wollte, werden im Roman mit der Gründlichkeit wahrer Hingabe erörtert - wobei an die Stelle der Prostata das anatomische Analogon tritt. Der Roman ist der innere Monolog der achtzehnjährigen Helen, die in der proktologischen Abteilung eines Krankenhauses liegt. Die schon als Fernsehmoderatorin wegen ihrer deutlichen Sprache berühmte Autorin nimmt in ihren Interviews eine Art Lehramt wahr. Sie hält ihren Geschlechtsgenossinnen Predigten über Schönheitsdiktatur und Hygienewahn. Ob ihre Diagnosen die Lage der Frau treffen, erscheint den Teilnehmerinnen von Internetforen so fraglich wie bei den Verlautbarungen des Bischofs Mixa.
Auch Charlotte Roche sieht die Geschlechterbeziehungen im Zeitalter nach der sexuellen Revolution durch eine Pathologie der Kommunikation bestimmt. Wo aber Arcand ein streng symmetrisches Verhältnis beschrieb und seine Frauen so hemmungslos schwätzen ließ wie deren Männer, da geht Charlotte Roche hinter die für die siebziger Jahre prägende Annahme zurück, dass wenigstens in der Kommunikation schon Egalität hergestellt sei. Sie beklagt, dass der Frau die Worte fehlen, um von ihrem Geschlechtsteil so zu sprechen wie der Mann von seinem und Martin Walser sogar von dem Goethes. Der Körper, den Helen auf ihrem Lager betastet und beschreibt, ist ein Stück paradiesische Natur, halb Flora, halb Fauna, dessen Benennung Adam nicht vornehmen konnte und Eva aus anerzogener Scham unterlassen hat. Helen findet ihre eigenen Wörter.
Dabei geht es ihr um äußerste äußerliche Präzision. Sie will die Dinge, die man normalerweise nicht sehen und nicht anfassen soll, genau so bezeichnen, wie sie aussehen und wie sie sich anfühlen. Es sind nicht etwa die durch Reizung der entsprechenden Stellen bewirkten Empfindungen, die die Namen soufflieren. Sie zerschneidet gleichsam ihren Körper und sucht Pendants im Bildwörterbuch, in den Schaubildern der Zoologie und des Bäckerhandwerks. Die poetische Freiheit will die wissenschaftliche Bindung. Helen stellt nach eigener Aussage Forschungen an und führt Experimente durch. Sie lässt den Krankenpfleger Fotografien von der operierten Rückseite ihres Unterleibes machen. Als der Professor ihr nicht erklären kann, wo auf diesen Bildern oben und unten ist, offenbart sich, wer hier den Beruf zur Wissenschaft hat. Das pubertäre Herumdoktern mit Wundschorf und Ohrenschmalz ist in Helens Leben keine Phase: In der Analyse der Aggregatzustände von Körperflüssigkeiten ist wie in jeder Wissenschaft ein Fortschreiten ins Unendliche möglich. Der ironische Einsatz des Protokollstils erinnert an "Die Vermessung der Welt". Sogar ihre Tränenflüssigkeit sammelt und konserviert Helen, um Romantik dosieren zu können.
Helen berichtet, dass ihr Vater Chemiker und ihre Mutter eine gläubige Katholikin ist. Die Eltern sind geschieden. Wie in dem Memoirenbüchlein "Aus meinem Leben", das Benedikt XVI. als Kardinal geschrieben hat, die Porträts der Eltern des Verfassers kaum individuelle Züge tragen, sondern die Funktion von Allegorien christlicher Tugenden haben, so erfüllen die abstrakten Elternfiguren in Charlotte Roches Roman einen symbolischen Sinn.
Aber hat die Autorin in ihren Selbstkommentaren außerhalb des Buches nicht eine autobiographische Lesart vorgegeben? "Etwa dreißig Prozent sind erfunden, etwa siebzig Prozent bin ich." Einer der Oxforder Schüler des späteren Kardinals Newman verursachte einen Skandal, als er seinen Beitrag zu der von Newman herausgegebenen Reihe von Biographien englischer Heiliger mit dem Satz beschloss: "Dies ist alles und tatsächlich eher mehr als alles, was Menschen über den heiligen Neot bekannt ist, aber nicht mehr, als den Engeln im Himmel bekannt ist." Die Stilisierungen und Übertreibungen in Charlotte Roches Roman sind die Mittel einer konsequent legendären Erzählweise. Sie begründet ein neues Genre: die Autohagiographie. Den Krankenhauskittel, der hinten offen ist und den Blick auf ihre Wunde freigibt, nennt Helen Engelshemdchen. Sie hat sich einer radikalen Selbstbetrachtung verschrieben, die den Himmlischen nichts mehr zu entdecken lässt.
In ihrem Kampf gegen den Hygieneterror hält sie in ihrem Klinikzimmer Ordnung wie in einer Klosterzelle. Ihre Forschungen sind Exerzitien asketischer Kontemplation. Nun scheinbar ist ihr Versuch vergeblich, durch Herumstochern in der Wunde die Versöhnung der Eltern am Krankenbett zu erzwingen. Die Wiedervereinigung von Vater- und Mutterwelt vollzieht sich in Helens Erzählung: Nach Auskunft dieses klugen Romans ist die sexuelle Aufklärung ein vernünftiger Glaube.
- Charlotte Roche: "Feuchtgebiete". Roman. DuMont Verlag, Köln 2008. 220 S., br., 14,90 [Euro].
Buchtitel: Feuchtgebiete
Buchautor: Roche, Charlotte
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2008, Nr. 52 / Seite Z5