Ein Junge verschwindet

09. Mai 2008 Kaddisch, Sohn einer Hure, ist ein liebenswerter Versager. Es gelingt ihm kaum, sich durchzuschlagen; glücklos stolpert er durchs Leben, ohne seine tüchtige Ehefrau Lillian wäre er verloren. Er hat eine Aufgabe, ein Schicksal vielleicht, doch davon ahnt er nichts: Wer "Kaddisch" heißt wie das jüdische Gebet des Totengedenkens, muss um die Verstorbenen trauern und Sorge um sie tragen. Kaddisch Poznan aber, Protagonist von Nathan Englanders Roman "Das Ministerium für besondere Fälle", macht das Gegenteil: Er raubt ihnen die Identität. Denn auf dem alten jüdischen Friedhof von Buenos Aires meißelt er die Namen der Zuhälter, Huren und Ganoven von den Grabsteinen, die durch eine Mauer abgetrennt von den ehrwürdigen Toten ruhen, beauftragt und entlohnt von den Nachkommen, die um ihre Reputation fürchten.

Plötzlich bricht das Unkalkulierbare brutal in Kaddischs Leben hinein, verliert seine Welt jede Verlässlichkeit. Vor seinen Augen wird sein Sohn Pato im Jahr 1976 von Männern in grauen Anzügen aus der Wohnung verschleppt und verschwindet spurlos in der undurchdringlichen Maschinerie des Unrechtsstaats. Die argentinische Militärdiktatur führt einen "schmutzigen Krieg" gegen die eigene Bevölkerung, im ganzen Land werden Menschen entführt und ermordet.

Pato ist ein Junge wie viele andere: ein Collegestudent, der von der Revolution träumt, mit seinen Freunden herumhängt, ab und zu einen Joint raucht, wie ein Kind weint, als er von der Polizei ohne Ausweis aufgegriffen wird, und seinen Vater von ganzem Herzen verachtet. Kaddisch und Lillian kämpfen darum, dass das Leben ihres Sohns nicht aus der Erinnerung gelöscht wird. Im "Ministerium für besondere Fälle", wo sie immer wieder vorsprechen, gibt niemand zu, dass Pato jemals existiert hat. Kaddisch möchte ihn zurückgewinnen, ihn wenigstens beerdigen, sollte er tot sein. Im Gedenken an seinen Sohn erfüllt er endlich die Bestimmung, die ihm sein Name auferlegt.

"Das Ministerium für besondere Fälle" ist eine großartige Parabel auf den Kampf des Einzelnen gegen eine diktatorische Staatsmacht und über den Versuch, die Würde zu bewahren, wenn man nicht mehr Herr seines Geschicks ist. Den Glauben an die Berechenbarkeit der Welt enthüllt Englander als aufgeklärte Fiktion - und beschwört gleichzeitig den Trost der Tradition. Kaddisch kämpft, klagt und fügt sich in sein Schicksal wie ein moderner, hart geprüfter Hiob, der zwischen den Splittern seiner zerbrochenen Wirklichkeit ausharrt.

Auf einen harten Realismus hat Englander bei seiner Auseinandersetzung mit den Greueln der Militärdiktatur verzichtet. Hinter der Geschichte Argentiniens unter der Junta eröffnet sich ein weiter, aus der reichen jüdischen Überlieferung schöpfender Raum des Imaginären, der auch im Tonfall des jungen, 1970 in New York geborenen Autors nachhallt: Ganz ohne Eitelkeit entkleidet er seine Stimme ihres individuellen Klangs und lässt sie aufgehen im Chor der großen jüdischen Erzähltradition, wie sie etwa Isaac Bashevis Singer vertritt.

Als Englander 1999 den Erzählband "Zur Linderung unerträglichen Verlangens" veröffentlichte, wurde er als große Hoffnung der amerikanischen Literatur gefeiert. An seinem Roman arbeitete er zehn Jahre. Gut, dass er sich nicht beeilt hat: "Das Ministerium für besondere Fälle" übertrifft alle Erwartungen. Sollte Englander wieder aus dem Rampenlicht verschwinden, um in Ruhe zu schreiben, bedeutet das nicht weniger als eine Verheißung. Wenn so große Romane dabei entstehen, möge er sich alle Zeit der Welt lassen.

ANDREA NEUHAUS

Nathan Englander: "Das Ministerium für besondere Fälle". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Mundhenk. Luchterhand Literaturverlag, München 2008. 448 S., geb., 19,95 [Euro].



Buchtitel: Das Ministerium für besondere Fälle
Buchautor: Englander, Nathan

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2008, Nr. 108 / Seite 38

 
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