Die vergeblichen Schreie

01. März 2005 In Händen hält man ein exzellent gestaltetes, untadelig gedrucktes Buch von rund siebenhundert Seiten Umfang, eine Art Kippobjekt, das man drehen und wenden muß, weil in ihm zwei Bücher zusammengeführt sind, von denen jedes seine eigene Titelei hat und die beide - von vorn nach hinten und/oder von hinten nach vorn gelesen - irgendwo in der Mitte jeweils umgekehrt aufeinandertreffen. Ein erotisches Buch schon der äußeren Form nach, ein Buch, das zwei gegenläufige, einander ergänzende Textkörper zur Verschmelzung bringt.

Was da so ingeniös zu einem großen zweisprachigen Doppelband vereint wird, ist das durchaus disparate, in einer Vielzahl schmaler Einzeldrucke verstreute Werk des rumänisch-französischen Dichters Ghérasim Luca (1913 bis 1994), von dem auch in der Originalsprache keine vergleichbar umfangreiche und repräsentative Textausgabe vorliegt. Luca, seit 1952 als "papierloser" Einwanderer in Paris ansässig und immer auch als bildender Künstler aktiv, stand den späten Surrealisten um Victor Brauner und Wifredo Lam nahe, war mit Paul Celan befreundet, wurde aber erst in seinen letzten Lebensjahren, als der Verleger José Corti mit dem Nach- beziehungsweise Neudruck seiner Wortarbeiten begann, einem breiteren Publikum bekannt.

Als "Wortarbeiter" ist Ghérasim Luca durchaus zutreffend charakterisiert, denn dem einzelnen, dem kontextfrei gesetzten Wort und dessen vielfältigen - semantischen wie klanglichen - Schattierungen gilt sein vorrangiges Interesse. Als Sprachverrückter ist er zugleich ein Sprachverächter, der jeder sprachlichen "Kommunikation" und vollends jeder sprachlich durchgesetzten "Wahrheit" zutiefst mißtraut. So meidet er denn auch konsequent sowohl diskursives wie metaphorisches Reden, das lediglich eine jeweils vorbestimmte Bedeutung zu transportieren hätte. Lucas poetischer Impulsgeber und zugleich sein Arbeitsmaterial ist das Wort als solches, das Wort in seiner puren, zumeist ambivalenten Laut- oder Schriftgestalt, und ebendiese sinnlich faßbaren Sprachqualitäten nimmt er zum Anlaß vielfältiger Ableitungen, Variationen und Permutationen, die ihrerseits - gleichsam autopoetisch - einen unvorhersehbaren, ja unerhörten Eigensinn gewinnen können. So ließe sich etwa aus "ô je dis jour" (o ich sag' Tag) das Wort "aujourd'hui" (heute) herauslesen oder aus "héros-limite" (Grenz-Held) die Fügung "éros hors limite" (Eros entgrenzt).

Lucas bevorzugte Verfahrensweisen sind nebst dem Einsatz von Gleichklängen (Assonanzen, Homophonien) die Bildung von "Koffer-Wörtern", in denen mehrere Begriffe gleichsam komprimiert sind (wie zum Beispiel in "pouvoir", Macht, die Elemente "pou", Laus, und "voir", sehen), sowie die lautliche oder anagrammatische Entfaltung vorgegebener Themawörter ("... pour l'aimée à aimer l'amour ...". Anhand der nun greifbaren zweisprachigen Werkausgabe, die als Buchobjekt der ausufernden, bisweilen widerläufigen Schreibbewegung des Autors optimal entspricht, läßt sich überprüfen, ob und inwieweit derartige Texte übersetzerisch einholbar sind.

Das Unterfangen ist höchst anspruchsvoll, da bei Luca die Klanggestalt vor dem Bedeutungsgehalt durchweg klare Priorität hat. Und da Klang, im Unterschied zu Bedeutung, niemals adäquat von einer Sprache in die andere übertragen werden kann, ergibt sich die Notwendigkeit, die Originaltexte in der Zielsprache - mit deren Mitteln und unter deren spezifischen Bedingungen - nachzubauen. Naturgemäß gibt es dafür jeweils mehrere Möglichkeiten, so daß Übersetzungen solcher Art nicht im üblichen Verständnis von "richtig" oder "falsch" beurteilt werden können. Die Frage ist vielmehr: Entspricht der übersetzte, also nachgebaute Text der lautlichen Struktur und formalen Machart des Originals?

Drei hochmotivierte Übersetzer haben sich der Wortarbeit Ghérasim Lucas angenommen, um auch im Medium des Deutschen eine Vorstellung vom "entgrenzten Eros" der Sprache zu vermitteln. Mehr als dies wäre ohnehin kaum zu erreichen. Zwei, drei Übersetzungsproben müssen an dieser Stelle als Beleg genügen. Beleg für ein frappierendes Gelingen: Wo bei Luca als gleichklingende Entsprechung zu "l'écrivain" (der Schriftsteller) die Wortfügung "les cris vains" (die vergeblichen Schreie) verwendet wird, findet der Nachdichter den Ausdruck "Schreiblockade", der sich nur durch einen einzigen Buchstaben beziehungsweise dessen Verdoppelung von der sattsam bekannten "Schreibblockade" unterscheidet - dieser minimale, assoziativ leicht zu realisierende Unterschied ("Schrei-"/"Schreib-") verweist in der Zielsprache sowohl auf die Vergeblichkeit des Schreiens wie auch auf den Schriftsteller, dessen Bezeichnung im Französischen ebenfalls das Wort für "vergeblich" (vain) enthält.

Funde und Erfindungen dieser Qualität bietet die deutsche Textfassung zwar nur vereinzelt (namentlich in dem von Mirko Bonné übersetzten Buchteil), aber auch mit Blick auf das große Ganze ist doch, ungeachtet diverser Mißverständnisse und allzu eigenmächtiger Annexionen, manch eine glückliche Lösung zu verzeichnen.

Die Tatsache, daß einer von Lucas stärksten Texten, nämlich die weitläufige Paraphrase auf das Wort "passionnément" (leidenschaftlich), von jedem der drei Übersetzer eigens ins Deutsche gebracht wurde, macht deutlich, worin das Problem der zwischensprachlichen Vermittlung in diesem wie in andern Fällen besteht. Ausgehend von "passion" (Leidenschaft), entfaltet der Autor am Leitfaden des Sprachklangs ein Dichtwerk, das von "pas" (nein; nicht; Schritt) und "papa" via "bas"/"basse" (niedrig), "passer" (vorbeigehen) oder "pisser" (pissen) zu "ration" und "nation" viele sich anbietende Assoziationen in sich aufnimmt.

Während die eine Nachdichtung vom Wortlaut des deutschen Titelbegriffs ("leidenschaftlich") ausgeht und dementsprechend mit lautähnlichen Elementen wie leider, leidig, Leiter, leichter, leitet und so weiter operiert, beziehen sich die anderen auf den Wortklang des Originals (aba, aber, ba ba, Raben, schabt er) oder auf dessen mehrfache Bedeutung (nei, neinerlei, mein Eid; fehl, fällt; tritt, trifft, Schritt, Schrift et cetera). All diese Lesarten sind gleichermaßen berechtigt, und jede ist - trotz beträchtlicher Differenzen - gleichermaßen richtig. Es braucht schon den richtigen "Biß" (morsure), um den "sicheren Tod" (mort sûre) der konventionellen Wortbedeutungen herbeizuführen: "So gehen wir zugrunde und lieben alles, was uns flieht, alles, was in uns schallt, und alles, woran es uns fehlt ..."

FELIX PHILIPP INGOLD

Ghérasim Luca: "Das Körperecho". Gedichte. Übersetzt von Mirko Bonné. Ghérasim Luca: "Lapsus linguae". Gedichte. Übersetzt von Theresia Prammer und Michael Hammerschmid. Doppelband französisch und deutsch. Urs Engeler Editor, Wien/Basel 2004. 240 und 552 S., geb., 29,- [Euro].



Buchtitel: Das Körperecho
Buchautor: Luca, Ghérasim

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2005, Nr. 50 / Seite 40

 
Mehr als 30.000 Rezensionen
Buchtitel Buchautor Im Beitrag
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche