Im Gespräch: Karen Duve

Sind Taxifahrer die besseren Schriftsteller, Frau Duve?

Von Tobias Rüther

Fuhr jahrelang Taxi: Karen Duve

Fuhr jahrelang Taxi: Karen Duve

10. Mai 2008 Einer der ersten warmen Frühlingstage an der Außenalster in Hamburg: Karen Duve kommt einem im Literaturhaus im offenen, karierten Hemd entgegen. Man mag sie sofort. Und so gut gelaunt, wie sie wirkt, sind auch ihre Antworten.

Ihr neuer Roman erzählt von einer jungen Frau, die zufällig zum Taxifahren kommt und ewig daran hängen bleibt - genau wie an ein paar Männern, die ihr auch nicht gerade guttun. Man wird mit jeder Seite Ihres Buches neugieriger, ob das auch Ihre Geschichte ist.

Die Bulldogge ist der bessere Mensch: Karen Duve

Die Bulldogge ist der bessere Mensch: Karen Duve

Ich bin selbst dreizehn Jahre lang gefahren. Alles, was an diesem Buch mit Fahrgästen zu tun hat, ist selbst erlebt oder mir von Kollegen erzählt worden. Es haben sich so unendlich viele Anekdoten aufgestaut - ich habe davon noch zwei Säcke voll. Das ist die Versuchung und die Gefahr beim Taxi-Roman: dass man einfach zu viel alberne Geschichten hat.

Sie sagen das so, als sei es eine Gattung: der Taxi-Roman. Dabei dachte ich eigentlich, Ihr Buch sei das erste, das sich ausschließlich mit diesem Berufsstand beschäftigt.

Es gab schon ein paar Romane, die sind aber im Selbstverlag erschienen. Jeder Taxifahrer denkt ja, dass er sofort ein Buch schreiben könnte.

Bei Ihnen habe ich eher das umgekehrte Gefühl, dass Sie erst Taxi fahren mussten, um überhaupt ein Buch schreiben zu können. Haben die Erlebnisse im Auto bei Ihnen literarische Kräfte freigesetzt?

Ich habe das nicht aus Recherche gemacht, ich wollte richtig Taxi fahren. Was das Schreiben aber mit dem Taxifahren verbindet, sind die wiederkehrenden Muster. Ich merke beim Schreiben oft, dass ich Muster wiederaufnehme. Man fängt irgendwann an, die Dinge zu durchschauen. Und was auch noch vergleichbar ist: Taxifahrer und Schriftsteller sind nicht gezwungen, besonders spontan zu sein.

Das müssen Sie erklären.

Jeder kennt doch das Gefühl, abends im Bett zu denken: Als der Typ mir heute das und das gesagt hat, da hätte ich aber sagen sollen! Leider hat man aber meistens keine zweite Chance. Als Schriftsteller kann man sich diese zweite Chance nehmen, ohne in Wirklichkeit so schlagfertig sein zu müssen. Man kann ja ein halbes Jahr über die Antwort nachdenken. Und als Taxifahrer erlebt man eine bestimmte Situation hundertfach. Also kann man sich genau überlegen, was man das nächste Mal sagt oder verschiedene Varianten ausprobieren. Zum Beispiel, wenn einer sagt: „Haben Sie keine Angst?“ Oder: „Wenn du meine Freundin wärst, würde ich dir das aber nicht erlauben!“ Wenn man da eine krachende Antwort parat hat, nimmt man die immer wieder.

Was waren die anderen Muster im Taxi?

Jemand steigt ein und sagt: Du siehst aber schlecht aus, du bist auch nicht mehr ganz jung - und direkt danach kommt eine Anmache. Ich war damals Anfang zwanzig! Oder die Geltungssucht gerade bei Männern, der klassische Fall, dass jemand sein Mofa abstellt und sagt: Zu Hause haben ich einen Mercedes. Das passiert wirklich öfter! Wenn wir abends am Großneumarkt warteten und es kamen da zwei Frauen und zwei Männer auf uns zu, haben alle Taxifahrer gesagt: Oh Gott, hoffentlich kommen die Frauen zuerst! Geht doch ein bisschen schneller! Weil jeder Taxifahrer weiß: Frauen sind bessere Menschen.

Im Ernst?

Taxifahrer stehen ja nicht unbedingt im Verdacht, besondere Feministen zu sein, aber wenn um diese Uhrzeit zwei angetrunkene Männer einsteigen, wissen sie: Das gibt Terror. Bei zwei Frauen wird es angenehm und gemütlich. Am Tag ist das ganz anders. Wenn man da am Flughafen steht und es kommt eine Frau mit kleinem Koffer, weiß man: Das geht nach Eppendorf, kurze Fahrt, zwölf Euro. Man möchte dann lieber jemand, der unrasiert nach Veddel fährt.

Hape Kerkeling, der im Fernsehen gerade einen Taxifahrer spielt, der seine Gäste quält, sagt: In Wirklichkeit ist es umgekehrt.

Ich höre das oft. Die Leute sagen: Ich habe schon ganz schlimme Sachen mit Taxifahrern erlebt. Darauf antworte ich immer: Für jede unangenehme Situation mit einem Taxifahrer hat der mindestens hundert unangenehme mit Fahrgästen gehabt.

Haben Sie mal überschlagen, wie viele Touren Sie in den dreizehn Jahren gefahren sind?

Schwer zu sagen. Die ersten drei Jahre bin ich sieben Tage die Woche gefahren, zwölf bis vierzehn Stunden lang. In den letzten vier Jahren ist es dann eher ausgefranst.

Und Ihnen hat das wirklich Spaß gemacht?

Ich wusste vorher selbst gar nicht, dass ich so gern Auto fahre! Irgendwann habe ich mir mal freigenommen. Und weil man als Taxifahrer nichts ausgibt, selbst wenn man sein Essen immer an der Tankstelle kauft, hatte ich sehr viel Geld, also habe ich mir ein Auto gekauft und bin an meinem ersten freien Tag die ganze Zeit damit herumgefahren. Nach drei Wochen habe ich das Auto wieder verkauft, weil ich merkte: Ich mache das, was ich machen möchte - das muss ich jetzt nicht ohne Bezahlung tun. Ich halte Taxifahren immer noch für einen tollen Job. Ich finde alle Berufe gut, in denen man Muße hat zu lesen. Ich glaube aber, dass es körperlich nicht durchzuhalten ist, vor allem wegen der Nachtfahrten.

Wann hat der Job begonnen, Sie zu nerven?

Irgendwann bedrückte mich der ständige Terror von oben. Dass die Leute mit den Türen knallen oder nicht „Guten Abend“ sagen, hat mich so zermürbt - ich habe es selbst kaum mehr fertig gebracht zu grüßen. Manche Taxifahrer regen sich über Kurztouren auf, das war aber nicht in meinem Leidensschema. Es ist wie in einer alten Ehe, wo man immer wieder über dieselben Sachen streitet, und gleichzeitig wie beim Speeddating: Zack, und der Nächste und der Nächste und der Nächste.

Auch das Liebesleben von Alex ist so teilnahmslos, wie sie Taxi fährt: Einer steigt aus, ein anderer steigt dafür ein.

Es gibt ja den handwerklichen Ratschlag fürs Romaneschreiben, dass Figuren immer etwas wollen müssen. Daran muss ein Taxi-Roman aber scheitern, weil Taxifahrer selten zielstrebige Menschen sind, bei denen alles wie am Schnürchen läuft. Sie glauben nicht, wie viele da mitgeschleppt werden! Ich hatte einen Kollegen, der hat kleine grüne Männchen gesehen und seine Fahrgäste in Angst und Schrecken versetzt. Solche Typen finde ich interessanter als den normalen Romanhelden, der einen Plan hat. Weil ich auch nicht immer genau wusste, was ich machen soll und auch nicht immer alles wie am Schnürchen läuft.

Es klingt, als sei die Depression, an der Alex im Buch leidet, auch autobiographisch.

Ja, das war für mich ganz schlimm. Und ich bin sogar noch länger gefahren als Alex! Als ich langsam dreißig wurde, merkte ich: Du hast keine Ausbildung, du hast alles ohne Netz und doppelten Boden gemacht, jetzt wirst du den Rest deines Lebens hier sitzen - und ich hatte eigentlich gedacht, ich würde irgendwann ein Buch schreiben. Das hat mich total in Panik versetzt. Aus der hat mich dann 1990 ein Literaturpreis herausgerissen. Da habe ich sofort das Taxi stehen lassen und habe von den siebentausend Mark ein Jahr lang dahinvegetiert, dabei einen Roman geschrieben und gedacht: Das ist jetzt der Durchbruch. Aber stattdessen kam sechs Jahre lang nichts.

Wie kommt es, dass Alex so passiv ist?

Manche Leute heiraten, wenn sie es nicht fertigbringen, nein zu sagen. Weil es unheimlich viel Energie kostet zu sagen: So geht es nicht. Das Leben wird immer komplexer: die Bedienungsanleitungen für moderne Autos, die Steuererklärung, das Handy . . .

Alex hat bis zum Schluss keine Ahnung, wie sie von Winterhude nach Blankenese kommt.

Das ist natürlich eine Verweigerungshaltung. Wenn man sich die ganze Zeit so autistisch abschottet, lernt man auch nichts mehr.

Wie verhält sich denn aus Sicht des Taxifahrers der perfekte Gast?

Der Durchschnittsgast, über den man sich schon beim Einsteigen freut, ist die Oma. Die ist friedlich und entschuldigt sich immer, dass sie auf der Welt ist. Ich habe eigentlich nie große Ansprüche an die Gäste gestellt, nur dass sie guten Tag sagen, nicht die Türe knallen und einem die gleiche Höflichkeit entgegenbringen wie ihrem Metzger oder ihrem Zahnarzt. Aber schon das scheint für viele Menschen schwierig zu sein. Nicht zu pöbeln. Einen nicht anzufassen. Nicht ins Radio zu greifen. Einfach still zu sein.

Ihr Buch ist ein Panoptikum von Typen, mit denen man sonst in der Literatur selten konfrontiert wird: Frauenhassende Nietzscheleser, kleine Männer, Verkehrsrowdys - man weiß gar nicht, ob man mehr über sie lachen oder weinen soll.

Ich glaube zwar, dass Menschen sich lieber mit Energiebolzen identifizieren. Aber ich finde auch Traurigkeit sehr unterhaltend.

Man denkt beim Lesen unweigerlich an die wirtschaftliche Lage von Nachwuchsschriftstellern. Es gibt viele, die sich quersubventionieren müssen, da bietet sich Taxifahren an.

Das hat beim Schreiben gar keine Rolle gespielt. Außerdem glaube ich, dass Studenten heute gar nicht mehr alle im Taxi sitzen. In den neunziger Jahren wurde das vom Fahrradkurier abgelöst. Und heute sind alle Praktikanten und verdienen gar kein Geld.

Heute fährt nur noch die Joschka-Fischer-Generation, meinen Sie? Graumelierte, jazzhörende ehemalige Soziologiestudenten?

Viele Menschen haben nicht den Beruf, den sie ausüben wollen. Aber ich glaube, dass Taxifahren nicht das Schlechteste ist. Ich habe ganz schön viele Bücher weggeschafft.

Was war das Gefährlichste, was Ihnen je im Taxi passiert ist?

Ich habe bestimmt etliche Mörder in meinem Leben gefahren. Einmal hat sich ein Gast in einer dunklen Ecke am Hafen noch lange mit mir freundlich unterhalten, ganz privat, als ob wir Freunde wären - und hat dabei immer mit einem Messer gespielt. Da habe ich gedacht: So lange ich jetzt noch so tue, als sei alles ganz normal, passiert nichts. Man muss diese Hemmschwelle hochhalten. Nachher stellte sich dann so ein Gefühl von Verschmutzung ein - man musste dem Kerl etwas geben, was man nicht will.

Der wollte die Zeche prellen.

Genau. Meist ist so was aber nur lästig, ärgerlich, doof. Ich bin den Leuten allerdings oft hinterhergelaufen, habe mich mit dem Fuß in der Tür in ihre Wohnungen gedrückt, um irgendwas zu pfänden. Das kann schnell eskalieren. Ich bin auch zwei, drei Mal geschlagen worden, aber nie so, dass ich mit verbeultem Gesicht ins Krankenhaus gekommen wäre. Ich hätte nie gedacht, was das für eine narzisstische Kränkung ist, wenn man geschlagen wird.

Die Menschenkenntnis steigt beim Taxifahrer also, gleichzeitig wird er immer vorsichtiger.

Die Voreingenommenheit gegenüber den Menschen steigt. Tatsächlich weiß man von den Menschen nur, wie sie sich die nächsten zehn Minuten benehmen werden: Der gibt viel Trinkgeld, der nichts, der wird versuchen, einen zu kaufen - das hatte ich immer ziemlich schnell raus.

Kennen Sie das Buch „Taxi Driver Wisdom“ über die Alltagsweisheiten von New Yorker Taxifahrern? Da stehen bemerkenswerte Sätze drin, zum Beispiel: „People look so much better alone“.

Oh, das klingt toll!

Und jetzt sagen Sie, die Menschenkenntnis der Taxifahrer reicht von zwölf bis mittags. Woher kommt denn dann der Mythos, dass Taxifahrer so große Psychologen sind?

Manchmal kommen in diesen zehn Minuten natürlich schon Wahrheiten über den Menschen zutage - zum Beispiel, dass sie tatsächlich entspannter aussehen, wenn sie allein sind. In jedem Fall sind sie angenehmer.

Wenn man Sie so reden hört: Ihr Buch schreit eigentlich nach einer Fortsetzung.

Im Ernst? Erzählen Sie mal, wie stellen Sie sich die vor?

Ich würde einfach gern wissen, wie es weitergeht mit Alex. Taxi kann sie ja nicht mehr fahren, weil sie am Ende ihren Schein verloren hat.

Sie könnte ja Fahrradkurier werden!

Zur Person

Karen Duve wird 1961 in Hamburg geboren. Nach dem Abitur bricht sie eine Ausbildung zur Steuerinspektorin ab, fährt danach dreizehn Jahre lang Taxi und beginnt zu schreiben. Heute lebt sie mit ihrer Bulldogge Bully an der Elbmündung in Brunsbüttel.

1995 erscheinen die ersten Kurzgeschichten, vier Jahre später wird sie dann mit dem „Regenroman“ berühmt. Seither sind Bücher wie „Dies ist kein Liebeslied“ oder „Die entführte Prinzessin“ in zwölf Sprachen übersetzt worden. Erfolgreich sind auch ihre Kinderbücher über Thomas Müller, den Teddybär der Familie Wortmann.

Ihr neuer Roman „Taxi“ erscheint im Verlag Eichborn Berlin (313 S., 19,90 Euro), genau wie das Hörbuch, das die Schauspielerin Anneke Kim Sarnau eingelesen hat (4 CDs, 19,95 Euro).

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Burkhard Neie, Holde Schneider

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