21. März 2007 Der Beginn dieses Buchs weckt Interesse und Neugier - und so soll es ja auch sein. Die titelgebende "Frau Paula Trousseau", eine Kunstmalerin von etwa Mitte Vierzig, ist der Welt unter zunächst rätselhaften Umständen abhanden gekommen; ihr Jugendfreund Sebastian, der seit gut zwei Jahrzehnten nichts mehr von ihr gehört hatte, und ihr erwachsener Sohn Michael machen sich, einer testamentarischen Verfügung folgend, auf Spurensuche und Bilderschau. Was hatte es auf sich mit dieser Frau? Was war ihr Geheimnis?
Fast am Ende des Romans - es ist der sechste des 1944 geborenen Erzählers und Dramatikers Christoph Hein - gibt es ein kleines Kapitel, das in Paulas frühe Kindheit zurückblendet. Das kleine Mädchen, für ein paar Stunden den Tyranneien des Vaters und dem Dauerstreit der Eltern entronnen, sieht auf der Lichtung des nahen Waldes einem Fremden zu, der Landschaft und Natur skizziert. Unangestrengt und genau hält diese Passage auch den Beginn von Paulas lebenslanger Leidenschaft fürs Zeichnen und Malen fest.
Zwischen den beiden Kapiteln aber liegen fünfhundert Seiten. Nur ganz wenige von ihnen vermögen das anregende Erzählklima und die verträgliche Handlungstemperatur zu bewahren, die der Anfang verheißt und das Fast-Ende noch einmal gewährt. Dies, es verdichtet sich rasch zur Gewissheit, geschieht mit Bedacht: Christoph Hein, bereits aus früheren Büchern als kühler Chronist bekannt, hat im harten Stil den harten Roman einer harten Frau geschrieben - atmosphärisch herrscht hier das Dauertief Paula.
Nicht, dass es der Heldin äußerlich permanent schlecht erginge. Ihr, einem Kind der frühen DDR, gelingt gegen alle familiären Widerstände und nach einem juvenilen Suizidversuch ein recht passables Studium an der Ost-Berliner Kunsthochschule Weißensee. Ein Star der Szene wird sie danach zwar nicht, kann aber von ihren Bildern und Buchillustrationen einigermaßen ordentlich leben: Die stets klamme DDR war, ideologische Botmäßigkeit oder unpolitisches Verhalten der Subventionierten vorausgesetzt, ein großzügiger Künstlerversorgungsstaat. Zudem sieht Paula fabelhaft aus, die Männer reißen sich um sie, Frauen fühlen sich zu ihr hingezogen. So mancher Offerte kommt sie gerne nach, wobei es mit Hans, ihrem ersten Mann, mit Fred, ihrem Professor, mit Jan, dem Filmschauspieler, und mit Heinrich, dem Restaurator, meist nicht eben prickelnd ist, mit ihren Freundinnen Kathi und Sibylle dafür nicht selten besonders schön.
Trotz all der Liebschaften, die sie gerade mit Männern nie ohne Berechnung eingeht, ist sie viel eher eine femme frigide als eine femme fatale. Ihr Aggregatszustand: Eiswüste, innen. "Meine Aggressivität", sagt sie stolz, "ist meine wichtigste Kraft und mein Schutzschild" und sie fügt trotzig hinzu: "Ich erwarte nicht, dass mich einer versteht." Wer aber will die weitläufige Rollenprosa einer zwar schönen und emanzipierten, vor allem jedoch reichlich und absichtsvoll unsympathischen Frau lesen, wer den Bildungsroman einer innerlich Entwicklungslosen, die ganz offensichtlich nicht einmal von ihrem Autor, dem Schriftsteller Christoph Hein, sonderlich geschätzt, geschweige denn geliebt wird?
Wohl deshalb gibt es - anders, als der Romananfang verspricht - auch kein Geheimnis um Paula. Sie ist, wie sie ist, weil sie immer so war - von klein auf seelisch verstört und zutiefst von der unwandelbar miesen Menschennatur überzeugt. Den Vorwurf eines Lehrers, wie sie selbst besäßen auch ihre Bilder "keinerlei Mitleid", versteht sie denn auch als Kompliment, als ein verdientes obendrein. Bei siebzig der fünfundachtzig Kapitel des Romans führt sie als Ich-Erzählerin Regie - gnadenlos selbstgerecht und höchstens mal etwas irritiert darüber, dass es um sie herum immer leerer und einsamer wird.
In Gestalt, Temperament und Charakter erinnert Paula Trousseau sehr an die attraktive Ärztin Claudia, die Hein vor einem Vierteljahrhundert zur herben Hauptfigur seiner Novelle "Drachenblut" machte. Deren erzählerische Prägnanz hatte auch mit genrebedingter Kürze zu tun - die Novelle umfasst 160 Seiten. Der neue Roman hingegen, ungleich umfangreicher, stellt alsbald das wirkliche Erzählen ein und begnügt sich stattdessen mit einem penibel aufzählenden Lebensreferat, mit der Fallstudie eines unausweichlichen Unglücks als Porträt und Selbstporträt.
Dokumentarisch interessant sind einige Szenen über die Künstlerboheme der DDR, über ihre kleinen Freiheiten und ihre großen Feste. Das böse Omen vom Ende des ersten Kapitels aber wird der Roman nie wieder los. Da gibt Michael ein Paket an seine Halbschwester Cordula auf. Es enthält Paulas Lebensgeschichte, von ihr selbst verfasst und für die Tochter versiegelt. Das Paket wird nie geöffnet und kommt postwendend zurück. Auch Cordula will nicht lesen.
Christoph Hein: "Frau Paula Trousseau". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 537 S., geb., 22,80 [Euro].
Buchtitel: Frau Paula Trousseau
Buchautor: Hein, Christoph
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2007, Nr. 68 / Seite L7
