29. Mai 2007 Ziemlich genau in der Mitte des dreibändigen Comics "Le Photographe", auf Seite 56 des zweiten Teils, zeichnet Emmanuel Guibert eine Begegnung zwischen dem französischen Fotografen Didier Lefèvre und der französischen Ärztin Juliette Fournot - mitten in Afghanistan im Sommer 1986. Juliette alias Jamila leitete damals im Norden des Landes ein improvisiertes Spital der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", die seit dem sowjetischen Einmarsch von 1979 versuchte, die Afghanen im Krieg medizinisch zu versorgen. Didier begleitete eine dieser Missionen, die ein Team von zehn Medizinern und Pflegern aus der pakistanischen Grenzstadt Chitral in fünfunddreißig Tagen zu Fuß und zu Pferde tausend Kilometer weit nach Zarangatara führte, wo das Spital eingerichtet wurde. Kaum angekommen, fallen in der Nähe Bomben, und ein dreijähriger Knabe namens Nazim Jan wird schwer verletzt eingeliefert. Er stirbt trotz der Hilfe, und seine Mutter trägt den Leichnam schreiend heim. Juliette Fournot filmt sie dabei. Lefèvre fotografiert sie dabei. Guibert zeichnet ihn dabei.
"Le Photographe" ist einer der Meilensteine des jungen französischen Comics. Was hat er aber auf unserer DVD-Seite zu suchen? Dem Abschlussband, der kürzlich erschienen ist, liegt eine DVD bei. Sie enthält unter anderem jene Filmaufnahme von Juliette Fournot, die im Comic beschrieben wird: die Aufnahme des sterbenden Nazim Jan. Als erstes Bild aber erscheint ein Warnhinweis: "Dieser Film enthält Kriegsszenen." Das ist wahr, auch wenn man keine Kämpfe sieht. Man sieht Kriegsfolgen als Kriegsszenen: Verwundete und Tote. Und das Ärzteteam, das unter unsäglichen Bedingungen operiert.
Das sieht man auch im Comic, denn fast alle Szenen aus Juliette Fournots Dokumentation, die den Titel "À ciel ouvert" (Unter offenem Himmel) trägt, wurden damals auch von Lefèvre fotografiert und zwanzig Jahre später von Guibert gezeichnet. Und doch sieht man jeweils etwas anderes, und das ist die Stärke dieses Bandes und der DVD. Nach seiner Rückkehr aus Afghanistan war es Lefèvre gelungen, sechs seiner Fotos in der Tageszeitung "Libération" zu veröffentlichen - sechs von viertausend. Von dem ungehobenen Bilderschatz hörte 2003 Emmanuel Guibert, der gerade mit "La Guerre d'Alan" die Erinnerungen eines amerikanischen Soldaten an den Zweiten Weltkrieg zu einem Comic gemacht hatte. Nun erzählt er von Lefèvres Reise durch Afghanistan, doch gemeinsam mit seinem Mitstreiter Frédéric Lemercier hat er dafür ein neues Prinzip entwickelt: Er kombiniert seine Bilder mit den Fotos von Lefèvre: Wo immer es geht, bebildern die Fotos das Geschehen, nur die Lücken füllt Guibert mit Comicbildern.
Wo bleibt da noch Platz für Juliette Fournots Film? Ihre afghanischen Aufnahmen, achtzehn Stunden insgesamt, die auf der DVD zu vierzig Minuten verdichtet worden sind, ermöglichen es, die Auseinandersetzung, die "Le Photographe" über die Grenzen und Gemeinsamkeiten von Bildmedien eröffnet hat, noch auszuweiten. Im Comic sind die Fotos in ihrem Originalzustand belassen worden; Sprechblasen oder sonstige Texte gibt es nur in den gezeichneten Bildern. Gleichzeitig ermöglichen erst diese Dialoge und Erläuterungen ein Verständnis der Bildgeschichte, die Guibert und Lemercier aus Lefèvres Aufnahmen arrangiert haben. Wer dieses Verständnis noch vertiefen will, der braucht die DVD.
Juliette Fournot hatte eine Videokamera mit nach Afghanistan genommen, und sie filmte in jeder Situation. Wir sehen den Ärztetrupp auf dem Pferdemarkt von Peshawar und in den Geröllfeldern des Hindukusch. Wir sehen dort eines der Pferde abstürzen - der erste Tod in den vierzig Minuten. All das hat auch Lefèvre fotografiert. Aber weder seine Bilder noch Guiberts Zeichnungen können die Bombeneinschläge im Nachbartal hörbar machen, die die Tonspur der Videokamera zuverlässig aufgezeichnet hat. Oder die Augen einer Mutter in ihrem endlosen Starren bewahren, nachdem sie gehört hat, dass ihre angeschossene Tochter querschnittsgelähmt bleiben wird. Und dann kommen die Aufnahmen des sterbenden Nazim Jan. Sieht man sie zuerst im Film, wirken sie obszön. Doch aus dem Comic erfährt man, warum Juliette Fournot sie nicht herausgeschnitten hat: "Die Mutter", so erzählt sie Didier, "hat mir gesagt: ,Film das, Jamila. So werden es die Leute erfahren.'" Der Film ist also ohne den Comic unvollständig und der Comic ohne den Film, und beide ergänzt noch die Fotografie. Die jeweiligen Begrenzungen werden durch das Zusammenwirken der drei Bildmedien aufgehoben.
Doch am interessantesten ist, wie unterschiedlich man dieselben Geschehnisse in den unterschiedlichen Bildern wahrnimmt. Als im Spital ein junger Mann mit einem von Granatsplittern zertrümmerten Kiefer eintrifft, haben Juliette Fournot wie Lefèvre ihre Kameras parat. Die Filmaufnahmen sind unerträglich: Das Objektiv scheint fast in die klaffende Wunde zu kriechen, die das Gesicht des Afghanen zu einer formlos-blutigen Masse macht. Wir sehen zu, wie diese Wunde mühsam gesäubert, gerichtet und vernäht wird. Didiers Bilder zeigen das alles auch, aber in Schwarzweiß, viel weiter entfernt und naturgemäß als Standbilder. Hier kann man problemlos hinsehen, denn der Schwerverletzte bewegt sich nicht auf diesen Fotos. Er wirkt wie tot. Und als Comicbilder sind solche Szenen noch einmal harmloser, weil sie durch die Zeichnung ein weiteres Mal verfremdet und vom realen Geschehen entfernt werden. Nur der Film lässt schaudern, aber andererseits lässt nur der Comic es zu, dass man sich solchen Szenen überhaupt länger aussetzt, sie vielleicht gar noch einmal ansieht. Ob Abschreckung oder Annäherung das beste Mittel dazu ist, etwas über die Folgen des Krieges zu erfahren, das muss jeder Betrachter für sich selbst entscheiden. "Le Photographe" bietet dazu mit "À ciel ouvert" alle Optionen.
Das Experiment der Trias aus Comic, Foto und Film ist also geglückt, aber es wird einmalig bleiben, weil die spezifische inhaltliche Konstellation der drei Bildmedien hier eine derart glückliche war. Doch das Beispiel von "Le Photographe" zeigt, welche Bereicherung DVDs als Bonus zu Büchern darstellen können. Das gilt auch für viel schlichtere Kombinationen wie etwa für die DVD der Luxusausgabe von Jacques Tardis neuestem Comic "L'Étrangleur", die die fünfzigminütige Dokumentation "Tardi en noir et blanc" enthält. Wann hatte man schon einmal die Gelegenheit, diesem extrem scheuen Zeichner beim Arbeiten zuzusehen? Und wann hätte man je eine Hilfsmission auf geheimen Pfaden nach Afghanistan begleitet? Der Film bietet auf dem dokumentarischen Feld dann doch mehr als Comics, weil er intensivere Gefühle provoziert. Der dritte Band von "Le Photographe" wurde im Januar als einer der sechs besten französischen Comics des Jahres ausgezeichnet. Wenige Wochen später ist Didier Lefèvre gestorben. An seinen Tod wird sich die Welt weniger erinnern als an den des kleinen Nazim Jan.
ANDREAS PLATTHAUS
Buchtitel: Le Photographe
Buchautor: Guibert, Emmanuel
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2007, Nr. 122 / Seite 45