Bescheidenheit ist eine Zier

Sofies Welt: Helmut Krausser träumt vom Jahrhundertroman / Von Edo Reents

04. Oktober 2006 Vielleicht hätten die Kritiker nicht so viel von dem deutschen Roman reden sollen. Sie hätten lieber darauf hinweisen sollen, wie gut es oft ist, wenn ein Autor etwas weniger will und sich auf das beschränkt, was er aus eigener Erfahrung oder Einfühlung kennt. Die Kritiker aber redeten von dem großen deutschen Roman, einem Zeitroman, der uns alles erklärt und die Trias des Nichtssagenden prima bedient und einlöst: wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen, ein Buch in dem praktisch alles drin ist, NS-Zeit, BRD, DDR und die Wiedervereinigung und Nachwendezeit am besten auch noch. Nun ist es Gott sei dank so, daß dieses Gerede in den vergangenen Jahren nachgelassen hat. Eigentlich will niemand mehr diesen Roman haben.

Und so ist es ein großes Pech für Helmut Krausser, daß er sein neues Buch, das dieser schwachsinnigen Forderung nachzukommen so ersichtlich bemüht ist und das er nach eigenen Angaben vor knapp zehn Jahren angefangen hat, nun, wie das Nachwort freiwillig mitteilt, "in der siebzehnten und letzten Fassung" endlich fertig hat. Das wäre an sich nicht schlimm, gute Bücher brauchen ihre Zeit; aber Krausser hätte besser daran getan, die lange Prozedur für sich zu behalten. Es hätte besser ausgesehen, wenn er den Lesern nicht mit dieser Wichtigtuerei gekommen wäre, sondern einfach gesagt hätte: Hier habt ihr meinen neuen Roman, den habe ich mal so hingeschrieben. Wenn er euch nicht zusagt, tut es mir leid, einer kann mal danebengehen. Sechzehn Fassungen: Die Helmut-Krausser-Forschung wird dereinst vor gewaltigen Aufgaben stehen.

Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr - Kraussers "Eros", wie der Roman in gewollter Entsprechung zu "Thanatos" (1996) heißt, ist ein Dokument des Versagens vor viel zu hohen Ansprüchen. Bis in die Mikrostruktur des Textes ließe sich die Prätention aufspüren, verräterisch ist schon das Detail. Der den Rahmen der Handlung aufziehende Ich-Erzähler, hinter dem man Kraussers Alter ego vermuten darf, sagt: "In einem unsinnigen Reflex anerzogener Bescheidenheit gab ich mich mit dem Vorhandenen völlig zufrieden." Wieso soll dieser Reflex unsinnig sein?

Bloß von einer "Geschichte" zu sprechen, würde Krausser jedenfalls als Beleidigung auffassen. Er wollte offensichtlich mehr. Aber was? Ein Zeitpanorama, ein Gesellschaftsporträt über sechs Jahrzehnte? Der Roman beginnt damit, wie der Ich-Erzähler seinen Auftraggeber Alexander von Brücken, einen etwa siebzigjährigen, unermeßlich reichen, aber sterbenskranken Fabrikanten ungefähr im Jahre 2000 aufsucht, um sich dessen seine Lebensgeschichte erzählen zu lassen, auf daß er sie zu einem Roman verwurste: "Ausgesöhnt mit allem Schmerz, beschenkt mit den tiefsten Erkenntnissen des Kosmos, Sie werden dafür Worte finden, die glaubhaft und nicht zu schwülstig klingen, wiewohl das auf die Leser schwülstig wirken muß, so etwas teilt sich nicht eins zu eins mit, so etwas teilt sich nicht, das bleibt in einem Stück und nur dem Auserwählten begreiflich." Das ist natürlich nur Rollenprosa, aus welcher der Beauftragte den Roman ja erst zu schreiben hat; aber man hat hier schon den ganzen Krausser mit seiner gar nicht gut riechenden Mischung aus Kitsch und Kraftmeierei - einen der wenigen Autoren, die begriffen haben, daß auch der schlechte Geschmack etwas mit Elite zu tun hat.

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Alexander von Brücken also, Sohn eines Münchner Rüstungsfabrikanten, lernt im Luftschutzkeller kennen, was er für die Liebe seines Lebens hält: das Mädchen Sofie. Die beiden, bei Kriegsende Vollwaisen geworden, verlieren sich aus den Augen; Alexander, schwer traumatisiert, berappelt sich, steigt in die Familienfirma ein, schmeißt den intriganten Zwischenchef raus und umgibt sich fortan mit dessen Sohn Lukian, der ihm bei allem und nichts hilft - unter anderem dabei, die vermißte Sofie aufzuspüren. Die durchlebt als spätes Mädchen die studentenbewegten sechziger Jahre und gerät in militante Kreise. Was dann kommt, ist auch klar: Terrorismus, Untergrund, zweite Existenz in der DDR, Mitte der achtziger Jahre Rückkehr nach Westdeutschland. Zwischendurch hat Alexander Kontakt zu den "Beatles", die er vergeblich zu einer Wiedervereinigung zu bewegen versucht. Zuletzt steht Sofie, stilecht verhüllt, am Grab Alexanders des großen, der die ganze Zeit seine schützende Hand über sie gehalten hat; ein Mann, der alles kann, Detektive aussenden, Wohnungen verwanzen lassen, ein ganzes Staatswesen bestechen - und das alles für eine Liebe, die bis zuletzt vollständig unmotiviert bleibt, die genauso ausgedacht ist wie die Epochen, die Krausser mehr abhakt als durchdringt.

Wenn man es positiv formulieren will, könnte man sagen: sehr schlechter Jakob Wassermann. Schwerer als die Kolportage wiegt der Stil, in dem sie dargeboten wird, Fügte-er-hinzu-Literatur über weite Strecken. Dabei gilt Krausser als origineller Autor; aber wenn man genau hinsieht, merkt man, wie ungenau er arbeitet. Einmal heißt es "wir mußten beide lachen", im selben Zusammenhang ist die Rede "von einem Lächeln, dem ersten seit Wochen." Zum Ohnesorg-Tod schreibt er: "Die Leiche . . . hieß also Benno." Es müßte "Der Tote" heißen, "Leiche" meint das rein Körperliche, nicht die Person. Da hat die Kälte eine Stadt "im Arm" und nicht im Griff. Wenn jemand "verdammt" sagt, gilt das als "Anachronismus" und nicht als Verstoß gegen den gehobenen Ton. Ein halbwegs einheitlicher Stil ist nicht auszumachen; man sagt "Verzeihung, aber das ist unbefriedigend" und redet dann von "meschugge". Und lauter Gestelztheiten: "Mein Haß auf Olaf war beschlossene Sache und irreversibel."

Wo lernt man eigentlich, so zu schreiben? Im Selbstbedienungsladen: "Und das ist das Schöne an der deutschen Sprache, in ihrer Präzision steckt subtile Wahrheit." Sprachlicher Patriotismus in allen Ehren, aber auch gutes Deutsch ist nicht umsonst zu haben. Dergleichen nimmt sich inmitten der unsäglich hölzernen philosophisch-ästhetischen Anstrengungen doppelt ärgerlich aus: "Ich entgegnete, die Verwandlung in ein Kunstwerk sei nun das Übelste nicht, was einem Leben widerfahren könne. Er schüttelte den Kopf. Kunstwerke seien Lügen." Kraussers Buch ist keines, man bräuchte sich also gar nicht aufzuregen - wenn wir es nicht mit jemandem zu tun hätten, der für viele ein Hoffnungsträger ist.

Eine Frage noch: Was ist bloß in Daniel Kehlmann gefahren, "Eros" zu loben? "Ein ganz, ganz großes Buch" steht auf dem Klappentext. Über Produktinformationen, die vom Hersteller stammen, soll man eigentlich nicht reden. In diesem Fall wird man fragen dürfen, ob es einem Schriftsteller, der einen Ruf zu verlieren hat, egal ist, was man über seine Urteilsfähigkeit denkt.

Helmut Krausser: "Eros". Roman. DuMont Verlag Köln 2006. 320 S., geb., 19,90 [Euro].

Buchtitel: Eros
Buchautor: Krausser, Helmut

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2006, Nr. 230 / Seite L9

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