02. Oktober 2008 Jeder Schriftsteller kennt und fürchtet die "wichtigsten Fragen" der Leser. Von "Warum schreiben Sie?" über "Sind Ihre Geschichten autobiographisch oder erfunden?" zu "Was wollten Sie mit Ihrem letzten Buch sagen?" Auf solche Fragen, meint der Schriftsteller in Amos Oz' vertracktem kleinem Roman, gibt es nur zwei Arten von Antworten: spitzfindige und ausweichende. Vor seiner Lesung im Kulturzentrum will sich der Autor im Café schnell noch darauf vorbereiten, aber kaum erscheint die Kellnerin, kaum hat er den Sliprand unter ihrem Rock erspäht, geht er schon wieder seinem indezenten "Gaunermetier" nach. Wie ein Taschendieb stiehlt er den Personen die Attribute und erfindet ihre Geschichten.
Das setzt sich in der Veranstaltung "Das gute Buch" fort. Der Kulturbeauftragte, der Literaturexperte, die Vorleserin und die fragenden Zuhörer, alle bekommen insgeheim ihre Erzählung zugewiesen. So wird die Lesung selbst zu einer Geschichte, aus der wieder Geschichten hervorgehen. Als Zugabe eine terminologisch hochgerüstete literaturwissenschaftliche Analyse, ein Rabbi nebst seinen Allerweltsweisheiten und ein vergessener Dichter und sein verkanntes Werk "Verse auf Leben und Tod". Angesichts der Zitate daraus will dem Leser scheinen, es hätte bei der Vergessenheit bleiben können. Sie sollen aber an Zeiten erinnern, in denen dem Dichter aufgegeben war, "das kulturelle Niveau des einfachen Volkes zu heben", während heute die Literatur vorwiegend den Staat Israel negiert, was allerdings nach Auskunft des Schriftstellers "nicht selten Ausdruck eines tiefgreifenden Schmerzes" ist.
Während der Lesung schon haben sich die Geschichten miteinander verstrickt. Nachdem er die üblichen Antworten gegeben hat, ist der Schriftsteller mit ihnen allein, und er hat nun die Wahl, in welche er sich weitläufiger begeben soll. Er entscheidet sich für eine Liebesnacht mit der Vorleserin, die jedoch für seinen männlichen Stolz sehr zwiespältige Folgen zeitigt. Ihr verschafft er durch sein Handwerk einen Höhepunkt, er selbst bleibt mangels konstanter Erektion unbefriedigt. Seine Peinlichkeitsgefühle gehen fließend, aber nicht ganz stimmig über in die Scham und die Trauer des Schriftstellers "über seine ewige Fremdheit, über seine Unfähigkeit, zu berühren und berührt zu werden". Als er jünger war, hat sich der Schriftsteller begeistert und verzweifelt um Verständnis bemüht, "warum die Menschen sich gegenseitig ständig Leid zufügen, warum sie sich selbst Leid antun, obwohl sie es gar nicht wollen".
Das ist beinahe eine schlichte Zusammenfassung von Amos Oz' großem Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" (2004), die schon als Biographie Israels bezeichnet worden ist. Auch dieser kleine Roman erzählt israelische Geschichte und fragt danach, wie die Abgründe zwischen den Menschen überwunden werden können. Die Fragen aber werden symbolisch beantwortet in der Verknüpfung der Geschichten. So "schlimm und lächerlich und schrecklich" die Summe auch sein mag, alles, was Menschen vorkommt, kommt in Geschichten vor. Man muss versuchen, "auf diskrete Art großzügig zu sein, auch auf etwas verschlungenen Wegen". Das ergibt in listiger Identifikation mit dem angeblichen unbedeutenden Vorgänger eine melancholische Erwägung über das Verhältnis der Literatur zum Leben, eine frank die Grenze zum Albernen überschreitende Satire auf den israelischen Literaturbetrieb, vor allem aber einen augenzwinkernden Einblick in die Werkstatt eines bedeutenden Schriftstellers, der sich über Bedeutung lustig macht.
Mirjam Pressler ist es gelungen, die wechselnden Töne und Stilhaltungen trennscharf ins Deutsche zu bringen. Im angehängten Verzeichnis wird über alle erzählten Personen kurz etwas gesagt, als ob sie nunmehr reale Figuren seien. Nur der Schriftsteller scheint als Produkt seiner selbst ein Mann ohne Eigenschaften zu sein. Der Leser hat aber längst erfahren, was seinen Autor auszeichnet: Menschenfreundlichkeit trotz aller Distanz.
FRIEDMAR APEL
Amos Oz: "Verse auf Leben und Tod". Roman. Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 120 S., geb., 16,80 [Euro].
Buchtitel: Verse auf Leben und Tod
Buchautor: Oz, Amos
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2008, Nr. 231 / Seite 40