Zum Himmel mit Konfuzius

12. Juni 2008 Die im Jahre 1963 in China geborene und seit 1990 in Berlin lebende Autorin Luo Lingyuan machte sich einen Namen mit "Die chinesische Delegation" (2007), einer auf Deutsch geschriebenen Romansatire über eine Europa-Reise chinesischer Funktionäre. Auch die in ihrem neuen Buch versammelten, kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland auf Chinesisch verfassten Liebesgeschichten beleuchten mit großer Beobachtungsgabe lakonisch und tiefenscharf interkulturelle Begegnungen. "Die Frauen tragen auf ihren Schultern die Hälfte des Himmels, und sie müssen sie erobern", so lautet ein geflügeltes Wort Mao Tsetungs. Auch in Luo Lingyuans Erzählfokus stehen junge Chinesinnen, die sich in Deutschland als Himmelsstürmerinnen versuchen. Doch der Himmel über Berlin, speziell über Neukölln oder Wedding, ist vor allem grau.

Luos zwischen Ost und West vermittelnde, aber auch Konfliktlinien präzise nachzeichnende Literatur - etwa deutsche Flirtkultur kontra chinesisches "Abstandhalten zwischen Mann und Frau" - sinnt nach über das "Joint Venture" der Ehe, über kulturelle Werte und Lebensvollzüge. Ihre Figuren, die Selbstverwirklichung anstreben, stoßen immer wieder an die Grenzen der Assimilierungsfähigkeit. Raffiniert spielt Luo mit Erotik, Exotik und Klischees. Vordergründig sehnen sich die "rosenblätterzarten" Chinesinnen danach, das konfuzianische Tugendkorsett abzulegen. Andererseits irritieren sie der Hedonismus und die mangelnde Hierarchiegläubigkeit der Deutschen ebenso wie die schrille Kreuzberger Party- und Protestkultur.

Surreale Traummotive illustrieren die Szenen einer Ehe zwischen einem deutschen Akademiker und der Schanghaier Reedereiangestellten Xinyi in "Der Liebesbaum". Dem westlich-rationalen "männlichen" Universum stehen östlich-natürliche, emotionale Frauengestalten gegenüber. Doch die anfangs euphorischen Affären - angedeutet in Xinyis Halluzination des gespaltenen Stamms des Liebesbaums - sind ephemer. Seismographisch rekonstruiert Luo Momente der Weltbilderschütterung und Dissonanzen im ost-westlichen Liebesreigen. Luos ego- und eurozentrische Männerfiguren, die Chinesinnen als schmückendes Beiwerk auf reproduktive oder repräsentative Funktionen reduzieren, kontrastieren mit deren Unselbständigkeit. Trotz der Konzentration auf Alltagsinteraktionen - die stillen interkulturellen Missverständnisse sind kontrapunktisch angelegt zur unterschwelligen Erotik und Gewalt - spürt der Leser die Sogkraft eines subtil in die Katastrophe gesteigerten Spannungsbogens.

Die Möglichkeit von Zukunft, die am Horizont kurz aufscheint, wird in "Drei Nächte einer Frau" anhand dreier Lebensabschnittspartner Danyues, die für eheliche, karrieristische und romantische Bindungsarten stehen, exemplarisch durchdekliniert. Geschlechterkampf und Kulturgegensätze - in "Ein deutsches Kopfkissen" versinnbildlicht im emanzipatorischen Akt der Zerstörung desselben - sind zwei Seiten einer Medaille. Auch in der unterkühlten Titelerzählung "Nachtschwimmen im Rhein", in der Meizhi, die Gattin eines Vorstandsvorsitzenden der Rheinbau-AG, nach Maos Vorbild zum Flussschwimmen aufbricht, um in der Stille der Mondnacht eine Erleuchtung über das Wesen der Liebe zu erlangen, kommt es bestenfalls zur Scheinkatharsis: Meizhis Versuch, mit einem schweren Kamm den Badezimmerspiegel zu zerschlagen, vermag die Antagonismen nicht aufzulösen. Der erhofften Einnahme des Himmels, so Luos Grundtenor, stehen auch und gerade in der Fremdkultur unsichtbare Schranken im Wege.

STEFFEN GNAM

Luo Lingyuan: "Nachtschwimmen im Rhein". Fünf Erzählungen. Aus dem Chinesischen übersetzt von Axel Klassing. Mit einem Nachwort der

Autorin. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008. 180 S., br., 14,90 [Euro].



Buchtitel: Nachtschwimmen im Rhein
Buchautor: Lingyuan, Luo

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2008, Nr. 135 / Seite 38

 
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