Neuer Roman von Christian Kracht

Die Vereisung der Welt

Von Volker Weidermann

Die Oberflächen sind vereist in den Romanen von Christian Kracht

Die Oberflächen sind vereist in den Romanen von Christian Kracht

22. September 2008 Es ist fast nichts, was damals anders war. Ein Mann hat einen Zug nicht bestiegen. Er ist einfach nicht mitgefahren, wir wissen nicht, warum. Aber die Welt, wie sie heute ist, wäre eine andere geworden.

Christian Krachts neuer Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ist die Beschreibung einer Welt, wie sie sein könnte, wenn Lenin damals, 1917, den plombierten Zug nach Russland nicht bestiegen hätte und stattdessen in der Schweiz geblieben wäre, um dort die Schweizer Sowjetrepublik SSR zu gründen. Ein winziges Steinchen hat er aus dem Turm der Weltgeschichte gezogen, alles stürzte ein, und Kracht hat es neu zusammengesetzt zu einem Roman aus einer fremden Welt.

Ewiger Krieg in Europa

Erster Roman nach sieben Jahren: Christian Kracht

Erster Roman nach sieben Jahren: Christian Kracht

Es herrscht Krieg in der Welt des Romans, Krieg in Europa, ewiger Krieg. Die kommunistische Schweiz kämpft mit Hilfe riesiger afrikanischer Armeen gegen die faschistischen Mächte Deutschland und England, Russland liegt verseucht und menschenleer, Amerika hat sich abgeschottet und versinkt in einem endlosen Bürgerkrieg. Der Krieg in Europa geht in sein sechsundneunzigstes Jahr, das heißt wir sind im Jahr 2010, kurz nach unserer Gegenwart. Die Welt im Buch hat beinahe nichts mit ihr zu tun. Es lebt fast niemand mehr, der noch den Frieden kannte.

Für die Menschen ist er eine Unmöglichkeit, ein Traumbild, eine Geschichte der Ahnen. Die Gegenwart ist eine Schweiz im ewigen Eis: „Die Gleise rechts und östlich des Bahnhofs verloren sich in sonnenbeschienener, weisser Einsamkeit. Staubfeine, fast unsichtbare Kristalle überzogen die Strassen der Innenstadt. Der braun-gelbe, feuchte Schmutz des lange vergessenen Sommers und des Krieges war an den Hauswänden und in den Arkaden zu dreckigem Eis erstarrt.“ Die Menschen sind Schatten. Wir erfahren fast nichts über sie.

Bücher, die aus der Welt heraus führen

Der Ich-Erzähler ist ein aus Afrika stammender Parteikommissär in Neu-Bern. Am Morgen hatte er, wie viele Tage zuvor, im Büro des Telegraphenbeamten die unverschlüsselten Depeschen an den Obersten Sowjet gelesen, bevor sie an diesen weitergeleitet wurden. An diesem Morgen interessiert ihn nur eine Nachricht: „Das Revolutionskomitee in Salzburg ersuchte den hiesigen Sowjet, einen gewissen Oberst Brazhinsky sofort festzunehmen.“ Wir wissen nicht, warum. Aber für unseren Kommissär ist es der Beginn einer langen Reise, der Beginn einer Suche.

Christian Krachts Bücher, vom legendären Erstling „Faserland“ aus dem Jahr 1995 über seinen Wohlfühlführer „Ferien für immer“ bis zum Revolutionsroman „1979“, sind allesamt Reisebücher, Fahrtenbücher an sonderbare Orte, Bücher des Suchens, der Flucht und der Angst. Es sind Bücher aus der Welt hinaus. Aus einer Welt, die keine Sicherheiten bietet. Der Boden schwankt, und gerade dort, wo er am sichersten scheint, öffnen sich immer wieder plötzlich Höllentore.

Eisige Oberflächen

In „Faserland“ war das zum Beispiel eine Studentenparty in Heidelberg. Eine der wohl harmlosesten und gewöhnlichsten Szenerien unserer Gegenwart. Doch genau dort geschehen plötzlich Dinge, die an klassische Bilder der Apokalypse erinnern. Und in Heidelberg geschieht es auch dem Erzähler, dass er sich in das Wort „Neckarauen“ verliebt. „Das muß man sich erst mal vorstellen, nein, besser noch, man sagt das ganz laut: Neckarauen, Neckarauen. Das macht einen ganz kirre im Kopf, das Wort.“ Und er stellt sich vor, dass ganz Deutschland so sein könnte, so harmlos, schön, romantisch, weich und warm im Klang wie dieses Wort.

Und er weiß, dass es nicht sein kann, dass es nach Nazizeit und Krieg und Judenvernichtung nicht sein kann. Die Oberfläche der Welt in den Büchern Christian Krachts ist eine Eisschicht, von der niemand weiß, wie dick sie ist und wo die dünnsten Stellen sind. Am Ende der Bücher waren Angst, Erschöpfung und Ekel so groß geworden, dass der Erzähler freiwillig und leise die Welt verließ. In der Mitte des Zürichsees oder einem chinesischen Arbeitslager.

Friede droht

Das neue Buch ist den anderen auf den ersten Blick sehr ähnlich. Wieder die Reise durch eine Welt, wieder Bedrohungen überall, wieder ein weicher, naiver, staunender Held, ein Wilhelm Meisterchen mit blauem Blick. Doch diesmal ist die Katastrophe schon geschehen. Es gibt überhaupt keine Sicherheiten, nicht einmal mehr zum Schein. Es droht diesmal etwas ganz anderes als Krieg, Vernichtung, Weltensturz. Diesmal droht: der Friede. Vielleicht ist er sogar schon da, vielleicht fängt damit alles an. Man kann das leicht überlesen, obwohl das Buch gleich damit beginnt: „Es war die erste Nacht ohne das ferne Artilleriefeuer, es war die ganze Nacht still.“ Das ist der erste Satz des Buches. Nicht von „der ersten Nacht seit langer Zeit“, „seit Wochen“ oder „Monaten“ ist die Rede. Es ist das erste Mal überhaupt. Die erste Nacht im Leben des Politkommissärs ohne einen Schuss. Und mit dieser Beunruhigung geht es los.

Der Krieg ist die Grundlage des Lebens dieser Gesellschaft geworden, und an dieser Grundlage halten die Menschen fest. Sie kennen nichts anderes. Der Frieden macht ihnen Angst. Das Mantra des Kommissärs geht so: „Es war notwendig, dass der Krieg weiterging. Er war der Sinn und Zweck unseres Lebens, dieser Krieg. Für ihn waren wir auf der Welt.“ Es ist auf beinahe jeder Seite wie ein neuer Schock, wie es Christian Kracht gelingt, die Gewöhnlichkeit des Ungeheuerlichsten zu beschreiben. - Der Kommissär begegnet einer Gruppe welscher Soldaten: „Sie salutierten. Ich erkannte einen von ihnen. Er hatte persönlich einem gefangengenommenen deutschen Soldaten in Chur, nachdem sie ihn ausgezogen hatten, seine eigenen Epauletten an die nackten Schultern genagelt, mit einem Holzhammer. Danach war der Deutsche verblutend, wimmernd und halb verrückt vor Angst, an einen Lindenbaum gebunden und erschossen worden. Als ich vorbeigegangen war, schnäuzten sie sich in den Schnee statt ein Nastuch zu nehmen. Ich hörte sie hinter mir lachen.“

Krachts Kunst

Und so geht er weiter durch diese Welt des Grauens und des Lachens. Immer wieder Motive der deutschen Romantik wie jenen Lindenbaum und Figuren deutscher Märchen zitierend und wie von Ferne anrufend. Auch Ernst Jünger ist eine der Folien, der Jünger der „Afrikanischen Spiele“, seine Flucht nach Afrika und in den Krieg, und auch der Jünger, der die Schrecken des Krieges mit Genuss betrachtete, findet sich später, in eine Maler-Figur verwandelt, im Roman wieder. Peter Handkes Wanderwelt wird zitiert, von den Honigameisen bis zu den Pilzen, seine Reisen in die Bergwerke und in seine eigene Vergangenheit zurück. Auch Motive des „Zauberbergs“, in dem die Bergwelt des müden, ewigen Friedens in die heimlich ersehnte Welt des Krieges mündet. Kracht stellt diese Welt auf den Kopf, der Krieg, mit dem Manns Roman endet, hat nie aufgehört, sein Zauberberg heißt „Schreckhorn“, und es geht nicht hinauf, sondern tief, tief hinab. In das sogenannte „Réduit“. Der Ort, an dem er spät Brazhinsky finden wird.

Auf dem Weg dorthin ereilen ihn unendliche Schrecken und manchmal auch eine Art Glück. Ein kaltes Glück, wie es nur Kracht beschreiben kann. Hier zum Beispiel ein Moment der Liebe: Sie heißt Favre, und die Liebe der beiden beginnt so: „Sie zog mir das Hemd über den Kopf, dann warf sie ihr eigenes, schweres Baumwollhemd in die Ecke des Zimmers. Ich dachte, es würde draußen schneien. Wir berührten uns.“ Das ist kracht-klassisch: „Ich dachte, es würde draußen schneien.“ Diese surrealen, scheinbar gar nichts zur Sache tuenden Einschübe. Das ist Kracht-Kunst, das ist das Irritierende, Kunstvolle, Schöne seines Stils: diese kristallklare, eisigklare Sprache, die Genauigkeit, die immer wieder, manchmal mit einem einzigen, unpassenden Wort, manchmal einem Satz, einem Absatz, unterbrochen wird und ins völlig Irreale, manchmal ganz Absurde kippt.

Entdeckung der Liebe

In diesem Fall: Ja, warum denkt er das? Was tut das zur Sache? Klingt es nur schön? Es klingt vor allem schön. Aber es ist eben auch ein Bild, ein Bild der Kälte im Moment, der eigentlich Gefühle größter Wärme auslösen sollte. Und weiter geht es so: „Ich legte meine Hand auf ihre Brust, die so gross war wie ein neuer Apfel. Neben ihrer Achselhöhle war eine Steckdose in die Haut eingelassen, wie die Schnauze eines Schweins.“ Dann lieben sie sich, er betrachtet währenddessen ein Bild, „auf dem es regnete oder nicht“, danach raucht er, sie gehen spazieren, sie geht voraus, wird von einer Granate zerrissen. Das Kapitel endet: „Der Himmel drehte sich. Berge und Vögel.“

Favre ist fortan ein Geist, der ihn vorantreibt. Sie war auch die Geliebte Brazhinskys, wir werden das später erfahren. In den Büchern Christian Krachts kam so etwas wie Liebe bislang nicht vor. Bestenfalls als Witz oder als Vergewaltigung oder Onanie. Die Bücher Krachts sind kalt. Im Zentrum seines neuen Buchs steht eine unglaubliche Szene. In der Mitte des Romans macht es „klick“. Der Kommissär ist auf eine Mine getreten. Er weiß, wenn es das nächste Mal „klick“ macht, wenn er also den Fuß wieder anhebt, ist er tot. Lange steht er so, bewegungslos im Schnee, zwischen Leben und Tod. Bis ein Zwerg namens Uriel kommt, er wird ihn befreien, wird seinen Fuß statt dem des Kommissärs auf die Metallplatte der Mine stellen, wird für ihn sterben. „- ,Warum hast du das gemacht?' - ,Uriel weiß es genau! Und du weisst es nicht. Ich habe das Bibelbuch in deiner Sprache gelesen, Mann aus dem Süden, jahrelang. Gewiss so war es.'“ Es ist eine Art urchristlicher Liebesszene. Uriel, der Erzengel am Übergang ins Totenreich. Aus der Ferne hört der davonreitende Erzähler noch ein leises Singen, dann eine Explosion.

Was ist da Los, Herr Kracht?

Manchmal will man unbedingt aus dem Buch herauslaufen und anschreien gegen den Kitsch, die Schönheit und den Quatsch. Was ist da los, Kracht? Was soll das? Wieso fliegen hier überall Sonden herum? Kann man Lenin nicht vielleicht jetzt noch schnell in den Zug setzen, um all den Wahnsinn ungeschehen zu machen?

Aber dann hätten wir ja wieder die Welt, wie sie ist, mit langweiligen Realismus-Romanen und keinem Buch wie diesem.

Christian Kracht: „Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten“. Kiepenheuer & Witsch, 150 Seiten, 16,95 Euro.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Anthony Shouan-Shawn, Frauke Finsterwalder

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