Winfried Georg Sebald, der in einem Akt partieller Selbstauslöschung von seinen Vornamen, wie eine Figur Kafkas, nur die Initiale "W. G." gelten ließ und den Rest verschluckte, weil er ihm als "zu deutsch" erschien, hat eine Reihe von literarischen Momentaufnahmen hinterlassen, vier-, fünf- oder sechszeiligen Texten, die er mit Radierungen von Jan Peter Tripp zusammenstellen wollte. Auch diese Arbeiten haben eine einfache Form: Es sind Augenpaare, von Schriftstellern, von Künstlern - unsere Abbildung zeigt das des Malers André Masson -, von Freunden und Zeitgenossen, schließlich von dem Hund Maurice.
Welche Notwendigkeit führt den Künstler zum Gesicht? Schon wer in Europa das Datum sagt und dabei auf die Implikationen achtet, wird auf die Antwort gestoßen: Die Jahre zählen nach Christi Geburt, zwei Sommermonate nach römischen Kaisern, die Tage nach antiken oder nordischen Göttern. Aus der einfachen Frage "wann" treten derart die Gesichter fast im Übermaß und mehrfach codiert hervor. Man merkt es, wenn man sich dagegen ein japanisches Datum vorstellt: Das Jahr wird nach der Regierungszeit des Kaisers gemessen - aber nicht dessen empirisches Porträt steht im Vordergrund, sondern die Maxime seiner Herrschaft. Gegenwärtig schreibt man das dreizehnte Jahr "Heisei" (Friedliches Wachstum). Der Monat wird dort schlicht durchnumeriert, die Tage sind, außer nach Sonne und Mond, nach den fünf Elementen Feuer, Wasser, Holz, Metall und Erde benannt.
Gegenüber der europäischen Besessenheit von der Person, vom Gesicht, nimmt Japan das Gesicht zurück hinter eine ethische Idee und ein Naturarrangement, sozusagen einen Garten. Und das Auge? Es ist neben dem Mund die ausdrucksvollste, moralisch anspruchsvollste Partie des Gesichts und zugleich ganz stumme Natur. Seine mimischen Möglichkeiten sind begrenzter als die des Mundes. Dieser ist der signalhaften Vereinfachungen fähig, während das Auge sich in jeder seiner Offenbarungen zugleich in das Rätsel zurückzieht. Genau diese Gleichzeitigkeit von Moralität, Natur und Geheimnis muß es gewesen sein, die Sebald als Kritiker und Schriftsteller gesucht hat; hier, in der postumen Veröffentlichung, erkennt man sie in der größten Verdichtung.
So findet man Szenen der chthonischen Naturnähe, der heilen Sprache aus einem Zwischenreich von Utopie und Vergangenheit: "Sende mir bitte // den braunen Mantel / aus dem Rheingau / in welchem ich vormals / meine Nachtwanderungen machte." Aber einmal ragen in die Natur auch unheilverkündende "Hakenkreuzler". Andrea Köhler weist im Nachwort darauf hin, daß Sebald in dem Buch "Austerlitz" sein Geburtsdatum, den 18. Mai 1944, zum Todestag eines Opfers der Vernichtungspolitik machte. Das war "Wiedergutmachung" im Medium der Existenz, ja das Angebot eines Selbstopfers. Dazu und zur Aufgabe des "deutschen" Namens paßt der Traum, den einer von Sebalds Texten notiert: "Mitten im Schlaf // kam ein polnischer Mechaniker & machte / mir für tausend Taler / einen neuen perfekt / funktionierenden Kopf."
LORENZ JÄGER
W.G. Sebald und Jan Peter Tripp: "Unerzählt". 33 Texte und 33 Radierungen. Mit einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger und einem Nachwort von Andrea Köhler. Hanser Verlag, München 2003. 79 S., geb., 24,90 [Euro].
Buchtitel: Unerzählt - 33 Texte und 33 Radierungen
Buchautor: Sebald, Winfried Georg
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.03.2003, Nr. 65 / Seite L10