09. Mai 2008 Teilen Sie meine Meinung, dass Wolf Biermann der bedeutendste deutsche Lyriker und Essayist der Gegenwart ist? Dr. Michael Schaaf, Finnentrop
Reich-Ranicki: Ich schätze und bewundere Biermann seit vielen Jahren. Mein erster Artikel über ihn erschien 1965 in der Zeit. Das war damals die erste Kritik über seine Lyrik sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR. Meine späteren Artikel über ihn wurden in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlicht.
Ich werde hier nicht wiederholen, was ich damals, vor 43 Jahren, über Biermann geschrieben habe. Nur so viel: Ich habe von meiner hohen Anerkennung nichts zurückzunehmen. Wer diese Aufsätze nachlesen möchte, kann sie in meinem Buch Ohne Rabatt. Über Literatur aus der DDR finden. In meiner Frankfurter Anthologie (jetzt haben wir gerade den einunddreißigsten Band erhalten) ist Biermann natürlich vertreten, in meinem Kanon der deutschen Literatur ebenfalls.
Jetzt wird man mir wahrscheinlich vorwerfen, dass ich in dieser Rubrik in der Sonntagszeitung gern auf meine Bücher verweise. Wie soll ich das vermeiden, wenn sonst niemand vergleichbare Sammlungen der deutschen Poesie (wie die Frankfurter Anthologie und den Kanon, sieben Bände Lyrik) gemacht hat?
In der Geschichte der deutschen Literatur mangelt es nicht an Autoren, die verbannt und vertrieben wurden, die man in Gefängnissen und Konzentrationslagern misshandelt und gepeinigt hat. Doch einen, der nicht singen und nicht publizieren durfte und der dennoch gehört und gelesen wurde, der den Widerstand gegen den Terror symbolisierte, der den Nonkonformismus geradezu verkörperte und dies elf Jahre lang, einen solchen Deutschen kannte man vor ihm, Wolf Biermann, nicht.
Bevor sein erster Gedichtband gedruckt wurde (1965 in West-Berlin), war er, der Bürger der DDR, schon ein berühmter Dichter, einer, dessen Verse in seiner Heimat von Hand zu Hand gingen: auf Tonbändern und in unzähligen Abschriften. Er wurde in der DDR - wie er selber sagte - zum staatlich anerkannten Staatsfeind mit Maulkorb. So entstand der Biermann-Mythos.
Er hatte damals Angst vor dem Gefängnis, aber die Angst hatte nicht ihn. Dichtend und komponierend riskierte er seine Freiheit, ja seine ganze Existenz. Zugleich verdankte er seiner Poesie, dass er schließlich siegen konnte.
Es gab gestern und es gibt heute in Deutschland und anderswo bedeutendere Lyriker und originellere Komponisten, es gab und gibt bessere Sänger und bessere Gitarristen. Selbstverständlich. Nur lässt sich Biermann weder einordnen noch auf ein Fach festlegen. Er passt in kein Schema und in keine Schublade. Man kann ihn nicht etikettieren, er sprengt jeden Rahmen. Er ist ein militanter Musiker und ein fröhlicher Volksredner, ein Prediger und ein Pamphletist, er ist ein Conferencier und ein Kabarettist, ein Schalk und ein Showmaster.
Es ist jetzt still um Biermann geworden, aber sein letzter Band (Heimat) enthält wieder wichtige und schöne Gedichte. Seine Verse werden manche Dichter, die heute so gern gelobt werden, überleben.
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: CINETEXT
